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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.11.2015

Stiftung Flucht, Vertreibung, VersöhnungKulturstaatsministerin bekommt Konflikte nicht in den Griff

Von Christiane Habermalz

Kulturstaatsministerin Monika Grütters von der CDU. (dpa / Picture Alliance / Soeren Stache)
Kulturstaatsministerin Monika Grütters, CDU: Zwei Direktoren wurden verschlissen, aus dem wissenschaftlichen Beraterkreis hagelte es Rücktritte. (dpa / Picture Alliance / Soeren Stache)

Der Streit um die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung sollte dringend gelöst werden, findet Kultur-Korrespondentin Christiane Habermalz. Denn im Erfahrungsschatz der deutschen Vertriebenen gibt es vieles, was wir für den Umgang mit heutigen Flüchtlingen lernen können.

Flüchtlinge in langen Kolonnen, mit Kindern auf dem Arm, im Matsch und im strömenden Regen. Verzweiflung angesichts geschlossener Grenzbalken. Geflohen vor Gewalt und Vertreibung, und nur ein festes Ziel vor Augen: Den rettenden Westen erreichen. All das gehört zur Erfahrung von Millionen deutscher Familien. Und auch das Gefühl der Ausgrenzung, nicht willkommen zu sein als mittelloser Ankömmling in einer Mehrheitsgesellschaft, die um ihren Lebensstil fürchtet und sich überrollt fühlt vom störenden Fremden.

Wer erinnert sich noch an die bayerischen Dorfgemeinschaften, die sich 1945 so vehement gegen die Aufnahme von Flüchtlingen stemmten, dass diese teilweise nur mit Hilfe der Alliierten und Gewehren im Anschlag ihre Unterkünfte beziehen konnten? Wer weiß noch, dass "Flüchtling" noch in den 50er Jahren ein Schimpfwort war, dass Heimatvertriebene als "Polacken" und "Zigeuner" verprügelt wurden? Im Erfahrungsschatz der deutschen Vertriebenen gibt es vieles, was wir für den Umgang mit heutigen Flüchtlingen lernen könnten. Und welche Institution könnte das besser vermitteln als die vor sieben Jahren ins Leben gerufene Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung"? 

Ein Raum für die Traumata der Flüchtlinge

Die Stiftung sollte die letzte große Erinnerungslücke der Bundesrepublik schließen. Ihre Aufgabe ist es laut Satzung, "im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wachzuhalten". Mit einem "Zentrum gegen Vertreibungen" und einer großen Dauerausstellung im Haus der Geschichte sollte auch die Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen und ihrer erlittenen Traumata endlich einen Raum finden.

Einen Raum innerhalb des an Gräueln reichen Jahrhunderts oder endlich DEN Raum: darüber entzweit sich die Stiftung seit Jahren - dominiert von einem Stiftungsrat, in dem der Bund der Vertriebenen sechs der 21 Sitze innehat. Den Revanchismus-Verdacht konnte sie nie abschütteln – auch wenn im Bund der Vertriebenen mit Bernd Fabritius an der Spitze ein Generationswechsel stattgefunden hat, der einen neuen Blick auf Geschichte und Gegenwart durchaus zulässt. Die zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters wird der Konflikte nicht Herr. Zwei Direktoren wurden verschlissen, aus dem wissenschaftlichen Beraterkreis hagelte es Rücktritte, darunter etliche renommierte polnische Historiker.

Hickhack um Posten - eine Chance wird vertan

Das Hickhack ist vor allem eines: Eine immense vertane Chance! Die Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" bräuchte sich nur umzusehen, um die Aktualität ihres Themas zu erkennen, endlich den Nimbus des Gestrigen abschütteln und in einen Diskurs eintreten, der heute dringend gebraucht wird. Erinnerung kann der Schlüssel zur Empathie sein. 14 Millionen Menschen strömten damals ins zerstörte Nachkriegsdeutschland.

Sie brachten Traumata und Gewalterfahrung mit, sie waren Opfer des Krieges, manche unter ihnen auch Täter. Sie waren mittelos und wussten, dass nur Bildung und Ehrgeiz sie voranbringen würde. Das Wirtschaftswunder wäre ohne sie nicht denkbar gewesen. Letztlich eine erfolgreiche Integrationsgeschichte. Um von ihr zu lernen, bräuchte es ein Zentrum, das Flucht und Vertreibung über die singuläre Leidensgeschichte einzelner Völker hinaus als universelles Phänomen aufzeigt. Es könnte - es müsste ein Forum bieten, um über die Mechanismen von Terror, Krieg und Nationalismus nachzudenken - in Geschichte und Gegenwart.  

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