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Fazit | Beitrag vom 05.02.2016

"Stephen Shore – Retrospektive" in BerlinDie Fotografie immer wieder neu erfunden

Von Jochen Stöckmann

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Stephen Shore, US-amerikanischer Fotograf, vor Fotos der Serie Uncommon Places bei der Ausstellungseröffnung der seiner Retrospektive bei C/O Berlin. Vom 6. Februar bis 22. Mai praesentiert C/O Berlin rund 300 Fotografien des US-amerikanischen Fotografen. (imago / IPON)
Stephen Shore vor Fotos der Serie Uncommon Places bei der Eröffnung seiner Retrospektive bei C/O Berlin (imago / IPON)

Straßenecken, Motels, Tankstellen: Die Farbfotos, mit denen Stephen Shore berühmt wurde, zeigen den ganz banalen US-Alltag. Ihr melancholischer Glanz ist nun in der ersten Retrospektive des New Yorkers bei C/O Berlin zu bewundern.

Straßenszenen aus New York, schwarzweiß im Breitwandformat: ein Genuss für Cineasten. Die Reste eines Fastfood-Dinners, giftige Farben: beste Trash-Ästhetik. Das Werbeplakat am Highway unter dahinziehenden Wolken am blauen Himmel: Ein nüchternes Dokument, das Romantikern gefallen dürfte. Oder gestochen scharfe Porträts schrundiger Baumstämme: Naturliebhaber werden begeistert sein. Es ist für jeden etwas dabei im Lebenswerk des Fotografen Stephen Shore. Aber wo bleibt – wo es doch um eine Retrospektive geht – die charakteristische Handschrift?

Stephen Shore: "Ich unterscheide zwei Gruppen von Fotografen: diejenigen, die von einer einzigen Idee über Jahrzehnte vorangetrieben werden, wie Atget oder die Bechers. Und andere, die sich in unterschiedlichen Stilphasen immer wieder neu erfinden.

Von Entdeckerlust geprägt

Dieses "Wiedererfinden", diese Entdeckerlust hat auch Stephen Shore geprägt – und macht seine Ausstellung zum seltenen Glücksfall einer wirklich anschaulichen Foto-Geschichte: Mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen hat er das Wesen, die Natur des Mediums erkundet, durch praktischen Gebrauch. Daher die Brüche, die krassen Stil-Wechsel im Bilderparcours – der sich nicht im sonst so beliebten Aneinanderreihen sogenannter "Ikonen" erschöpft. Stattdessen geht es um eine Grammatik der Fotografie, um formale Qualitäten wie Bildaufbau, Farbabstufungen, Ausschnitte. Um den Betrachter einzuweihen in das Geheimnis dieser Bilder, den besonderen "Dreh", Stephen Shores "spin":

"Die physische Information bleibt identisch, aber wir konstruieren daraus ganz unterschiedliche Bilder in unserem Bewußtsein."

Gefühle, die durch die Gestaltung eines Motivs hervorgerufen werden – damit hat dieser Fotograf experimentiert, beharrlich, in langen Versuchsreihen. Und gegen alle Konventionen. Etwa gute Ratschläge von einem Pionier der modernen Schwarzweiß-Fotografie:

"Paul Strand hat mir als jungem Fotografen eingeschärft: Emotionen, Gefühle lassen sich niemals in Farbe vermitteln."

Farbfotografien galten als kitschig

1971, mit der Ausstellung seiner Konzept-Serien im Metropolitan Museum hatte eine wichtige Schwarzweiß-Phase ihren Abschluss gefunden, da spürte Shore den Reiz der bis dahin als kitschig geltenden Farbfotografie. Ausgehend von der Frage, warum ein und dasselbe Motiv als Postkarte oder gerahmt an der Museumswand ganz unterschiedliche Reaktionen hervorruft:

"Kaum ein Fotokünstler hatte versucht, so mit Farbe zu arbeiten, dass es konsequent und nicht vulgär wirkte."

Vor allem als Farbfotograf machte Shore von sich reden. Den "ersten Preis für das scheußlichste ungemachte Bett" wollte ein Kritiker ihm verleihen – weil er am Motiv, dem Inhalt, der "Geschichte" klebte. Aber darüber war die Fotografie längst hinaus: Es ging um die Kunst, auf einer zweidimensionalen Bildfläche diesen ganz besonderen räumlichen Eindruck hervorzurufen. Insbesondere bei städtischen Szenerien, in New York ebenso wie in den Suburbs, von Washington bis Amarillo, Texas. "Uncommon places", ungewöhnliche Orte heißt diese Werkphase – aus der sich dann die nächste Herausforderung ergab, fotografieren in der Wüste:

"Ich war davon fasziniert, dass Fotos dreidimensional erscheinen – in der Stadt, mit Straßen oder Telefonzellen. Aber wie erreiche ich das in der Wüste, ohne Gebäude, keine Stromleitungen – leerer Raum."

Über Jahrzehnte gewachsener Erfahrungsschatz

Was Martha Daho und Felix Hoffmann, die Kuratoren, mit über 300 Fotografien aufblättern, das ist ein visueller Erfahrungsschatz: über Jahrzehnte gewachsen, aber sprunghaft, in Entwicklungsschüben. Und die werden von Stephen Shore nicht theoretisch erklärt, sondern einfach bebildert. Auch für den Fotografen eine im besten Sinne "lehrreiche" Retrospektive:

"Ich brauche diesen Druck, vor der Aufnahme zu entscheiden, ob es das richtige Bild wird. Und mich fasziniert das nicht manipulierte Foto."

Farbaufnahmen mit der 8x10-Stativkamera waren Anfang der 70er sündhaft teuer. Jede einzelne Einstellung musste Stephen Shore in seiner Vorstellung durchspielen, bevor er auf den Auslöser drückte. Ein heilsamer Zwang, eine produktive Beschränkung. Ebenso die Prämisse, keine Ausschnitte zu machen oder nichts digital hinzuzufügen. Deshalb darf man der Oberfläche trauen – und sich vor allem der Mühe und dem Vergnügen hingeben, darunter mehr zu entdecken:

"Die Erscheinung ist die Brücke zur Wirklichkeit. Die Kamera erfasst die Oberfläche – dadurch sehen wir tiefer."

Die Ausstellung "Stephen Shore – Retrospektive" ist vom 6.2. bis 22.5.2016 in der Fotogalerie C/O Berlin Foundation zu sehen.

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