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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.09.2013

Steinbrück hätte Merkel "mehr in Bedrängnis bringen können"

Medienberater Michael Spreng: Nach dem TV-Duell ist der Wechselwähler so schlau wie zuvor

Moderation: Jörg Degenhardt

Merkel und Steinbrück im ersten und einzigen Fernsehstreitgespräch (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Merkel und Steinbrück im ersten und einzigen Fernsehstreitgespräch (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) habe wenig Neues von beiden zutage gefördert, meint Politikberater Michael Spreng. Steinbrück sei nicht so gut gewesen, wie er hätte sein müssen, um eine Wende einzuleiten.

Jörg Degenhardt: Auf so eine Quote kommt kein Tatort, kommt kein Polizeiruf, und dabei gab es nicht mal Mord und Totschlag. Steinbrück gegen Merkel, das Kanzlerduell, gestern zur sonst üblichen Krimizeit, übrigens nicht nur im Fernsehen, sondern auch in unserem Kölner Schwesterprogramm.

War es wirklich so spannend wie ein Krimi oder eher lau wie ein Fußballländerspiel, in dem es um nichts mehr geht, nur noch um die goldene Ananas? Michael Spreng ist Politik- und Medienberater, 2002 war er der Wahlkampfleiter von Edmund Stoiber. Er kennt also Wahlkampf aus nächster Nähe, und er hat das gestrige Duell genau verfolgt.

Guten Morgen, Herr Spreng!

Michael Spreng: Guten Morgen, Herr Degenhardt!

Degenhardt: Hätten Sie doch lieber einen Tatort gesehen?

Spreng: Nein. Ich bin ja ein politisch interessierter Mensch und leidenschaftlich an Politik interessiert, insofern wollte ich das unbedingt sehen. Aber es hat auch erwartungsgemäß, ist es verlaufen. Man hat nicht sehr viel Neues erfahren von beiden, sowohl in ihrer Art, sich zu präsentieren, als auch von den Argumenten. Und sie waren in vielen Punkten gar nicht so weit auseinander, sodass der Wechselwähler am Ende, glaube ich, auch nicht viel schlauer ist, als er vorher war.

Degenhardt: Steinbrücks letzte Chance, wenn er das Ruder herumreißen will, hieß es vorher immer - hat er sie genutzt, die letzte Chance?

Spreng: Er hat sich bemüht, wie man so schön in Zeugnissen sagt. Er hatte einige Punkte gemacht, er hat Frau Merkel an zwei Stellen in Bedrängnis gebracht, aber er war nicht so gut, wie er hätte sein müssen, um eine Wende einzuleiten. Ich meine, so ein Duell kann dann eine Wende bedeuten, wenn der entsprechende Wahlkampfvorlauf war, also mit aufregenden Themen, die ein Kandidat nutzen kann. Aber aus einem langweiligen Wahlkampf kann auch ein Steinbrück keine Funken schlagen.

Degenhardt: Aber er hat es natürlich auch sehr schwer gehabt bei dem Rückstand und bei der Kanzlerin, die ja immerhin doch einiges vorzuweisen hatte an Bilanz, an positiver Bilanz, aus ihrer Sicht.

Michael Spreng, Politikberater (picture alliance / dpa)Michael Spreng, Politikberater (picture alliance / dpa)Spreng: Ja, das ist das Problem. Das hat ja Frau Merkel immer wieder betont, dass Deutschland gut dastehe. Er musste achtgeben, dass er auch Deutschland nicht zu schlecht redet, das kommt auch nicht an. Also, insofern hat er sich auf einzelne Punkte konzentriert und hat eben der Merkel mangelnde Zukunftsperspektiven abgesprochen, also was ihre Pläne für ihre Zukunft betrifft.

"Einige gute Formulierungen"

Aber auch insgesamt: Er hatte einige gute Formulierungen, er hat ja auch gesagt, er wolle nichts versprechen, was er nicht einhalten kann und so weiter. Aber auch seine Formulierungen werden doch umzingelt von einem gewissen Bürokratendeutsch. Insofern hat er sich auch nicht als der große Redner da gezeigt.

Degenhardt: Was hätten Sie ihm denn geraten, wo hätte er denn vielleicht stärker nachfassen, wo hätte er stärker punkten sollen, punkten können? Zum Beispiel beim Stichwort "Soziale Gerechtigkeit", Thema Umverteilung?

Spreng: Nein, ich glaube, er hätte Frau Merkel mehr bei Griechenland in Bedrängnis bringen können. Da war sie ja auch sehr vage, da sagt sie, da kann noch ein Paket auf uns zukommen, während Steinbrück präzise war und sagt, wir sind in einer Haftungsunion. Ich finde, da hätte er noch nachhaken müssen. Er hätte mehr machen können aus Merkels Eingeständnis, dass eben diese NSA-Affäre, diese Ausspähaffäre eben nicht beendet ist, sondern dass natürlich Mails, die den deutschen Boden verlassen, und das sind fast alle, abgehört werden oder abgehört werden können. Auch da hätte er mehr draus machen können.

Aber er hat zum Beispiel einen ganz starken Punkt erzielt, als es um die Pkw-Maut ging. Da hat ja Frau Merkel rumgeschwurbelt, weil sie Herrn Seehofer nicht verletzen wollte, der das ja fordert, Pkw-Maut für Ausländer. Da hat er einen klaren Punkt erzielt und Merkel gezwungen, dann doch zu sagen, es käme mit ihr nicht infrage.

Degenhardt: Sie haben das Thema Griechenland erwähnt, Herr Spreng. Ich fand, da sah Herr Steinbrück gerade alt aus, denn die SPD, seine SPD, hat doch alle Griechenland-Entscheidungen im Bundestag mitgetragen. Da fiel es ihm doch schwer, gegen die Kanzlerin zu polemisieren?

"Merkel war an der Stelle unpräziser"

Spreng: Ja, polemisieren nicht. Ich meine, das ist sowieso nicht der Sinn der Sache - er muss angreifen. Er hat ja klar gesagt, wir müssen zahlen, wie sind in einer Haftungsunion. Insofern hat er den Deutschen schon angekündigt, dass noch große Opfer auf unsere Staatskasse zukommen. Aber Frau Merkel war an der Stelle unpräziser. Er war natürlich gehandicapt, weil die SPD bisher alles mitgemacht hat, aber was die Zukunftspläne betrifft, hätte er Frau Merkel, finde ich, mehr in Bedrängnis bringen können.

Degenhardt: Abgesehen von den Argumenten, die gestern ausgetauscht worden sind und die man so oder so ähnlich schon mal gehört hat: Wer hat denn aus Ihrer Sicht die bessere Figur gemacht? Wer hat neben dem Kopf, und das ist ja auch ganz wichtig, das Herz der potenziellen Wähler erreicht?

Spreng: Tja, ich glaube, eigentlich keiner von beiden. Also, Steinbrück ist ja ohnehin keiner, der die Herzen der Menschen so richtig erreichen kann, dafür ist er nicht der Typ. Und Frau Merkel ist ja eine sehr zurückgenommene, ruhige Person. Sie hat hohe Sympathiewerte, das wird sich, glaube ich, auch in diesem Duell dann hinterher wieder bestätigen, dass sie sympathisch rübergekommen ist, weil sie auch so eine unaufgeregte Art hat, zu argumentieren, und nicht aggressiv ist. Aber beide sind jetzt keine großen Herzenskönige.

Degenhardt: Schauen wir mal auf die andere Seite, auf die vier Journalisten, die gestern die Fragen gestellt haben. Wie ist da Ihre Einschätzung? Gab es da einen ausdrücklichen Gewinner?

Spreng: Ja gut, es gibt eins, es war eindeutig, waren es viel zu viele Moderatoren, ja? Es läuft ja parallel zu dem Duell dann auch noch immer ein Moderatorenduell. Zwei reichen völlig. Es würde sogar einer reichen für ein solches Duell, aber das hängt mit der Senderkonstruktion zusammen. Also ich war von Stefan Raab, ja, vor dem ich mich eher ein bisschen gefürchtet hatte, war ich überrascht und angenehm überrascht.

Degenhardt: Warum gefürchtet?

"Raab "hat ein bisschen Pepp reingebracht""

Spreng: Ja, ich dachte, er macht Faxen oder Albereien oder so. Aber ich fand ihn sehr präzise, er hat auch nachgefasst. Er hat mit Bemerkungen, "endlich kommt die Antwort!", oder mit seinem bildhaften Vergleich, dass es bis ins Jahr 2184 dauern würde, wenn man jeden Monat eine Milliarde Schulden abtragen würde. Also er - am Ende war er ein bisschen selbstverliebt, aber er war insgesamt eine angenehme Überraschung, und er hat zur - er hat da ein bisschen Pepp reingebracht.

Degenhardt: Herr Spreng, wie groß ist überhaupt der Einfluss von TV-Duellen auf die Entscheidung am Wahltag dann selbst?

Spreng: Ja, das ist es ja. Also so ein TV-Duell hat ein paar Tage Wirkung, deshalb sind ja auch, war ja auch Frau Merkel daran interessiert, dass es weit vor dem Wahltag ist, also drei Wochen - hat ein paar Tage Wirkung, und dann holt der Alltag sowohl die Wähler als auch die Politik wieder ein. Und dann verpufft das. Also 2009 zum Beispiel lag auch Steinmeier dann nach den Umfragen knapp vorn, und am Ende hat er 23 Prozent bei der Bundestagswahl bekommen. Und es ist entscheidend, was ich sagte: Das Wahlkampfumfeld, wenn es da brisante Themen gibt wie zum Beispiel 2005 "Merkelsteuer" und der Professor aus Heidelberg.

Wenn solche - oder 2002, der drohende Irakkrieg und die Flutfolgen - wenn solche Themen in der Luft sind und den Wahlkampf ohnehin schon bestimmen, dann kann auch ein Duell etwas bringen. Aber wenn das in einem langweiligen Umfeld stattfindet, kann nicht plötzlich das Duell aus einem langweiligen Wahlkampf eine spannende Sache machen.

Degenhardt: Michael Spreng, der Politik- und Medienberater, nach dem gestrigen Kanzlerduell Steinbrück gegen Merkel. Vielen Dank, Herr Spreng, für das Gespräch!

Spreng: Ich danke auch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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