Seit 14:07 Uhr Kompressor
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:07 Uhr Kompressor
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 02.05.2012

Springer-Konzern hat "eine schwere Schuld abzutragen"

Grüner Abgeordneter erinnert an Parteinahme des Verlagshauses gegen die 68er-Bewegung

Hans-Christian Ströbele im Gespräch mit Ute Welty

Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen) (picture alliance / dpa)
Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen) (picture alliance / dpa)

Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen Hans-Christian Ströbele kann nicht vergessen, was der Springer-Verlag mit seiner Kampagne gegen die protestierenden Studenten der 68er-Bewegung angerichtet habe.

Ute Welty: Wenn einer schon Cäsar heißt, dann wundert es nicht, dass er von sich selbst als König spricht. So jedenfalls soll sich der Verleger Axel Cäsar Springer gerne mal am Telefon gemeldet haben. Das wissen wir spätestens seit dem "Kalenderblatt" heute morgen, und auch, dass Springer heute vor genau 100 Jahren geboren wurde. Und anlässlich dieses Geburtstages haben wir uns mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele verabredet, seit gefühlten 100 Jahren der lebende Gegenentwurf zu allem, was Springer und seinen Verlag ausmacht. Guten Morgen, Herr Ströbele!

Hans-Christian Ströbele: Ja, guten Morgen!

Welty: Sie waren dabei im April '68, beim Marsch auf Springer, Sie wollten Springer das Handwerk legen, was Ihnen ja so bekanntermaßen nicht gelungen ist. Können Sie inzwischen mit dem Verlag und seinen Erzeugnissen besser leben als damals?

Ströbele: Wenn ich mich jetzt zurückerinnere, dann kommt mir schon die Wut von damals, die Empörung wieder hoch, weil das war ja nicht ohne Grund. Wir sind ja '68 nicht, weil wir nichts Besseres zu tun hatten, dahin marschiert, gelaufen von der Innenstadt bis zu dem damaligen neuen Springer-Hochhaus, sondern kurz vorher war das Attentat auf Rudi Dutschke erfolgt, bei dem er in den Kopf geschossen worden ist, und wir haben Springer und vor allen Dingen seine "BILD"-Zeitung dafür mit verantwortlich gemacht, weil sie ja Rudi Dutschke vorher zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt haben, was zu einem ungeheuren Hass gegen diesen Mann – damals haben wir gesagt: Genossen – geführt hat.

Welty: Inzwischen geht ja die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin in die Axel-Springer-Straße über. Das mag auf den einen oder anderen befremdend wirken.

Ströbele: Ja, wir haben darum gekämpft, nachdem eine kleinere Straße dort, direkt am Gebäude, Axel-Springer-Straße genannt worden ist, haben wir gesagt, so, dann muss aber die größere Straße, die dort ebenfalls ist, nämlich die Oranienstraße, die muss an dieser Stelle und dann bis hin zur Friedrichstraße, die muss Rudi-Dutschke-Straße heißen. Springer wollte das nicht oder der Springer-Verlag – ich weiß ja nicht, ob er das wollte, ob er das überhaupt noch mitgekriegt hat. Wir haben dann einen Volksendscheid herbeigeführt, hier in Kreuzberg-Friedrichshain, und der Volksentscheid hat Gott sei Dank ergeben, dass die Mehrheit der Bevölkerung dafür war. Seitdem heißt diese Straße Rudi-Dutschke-Straße, sie kreuzt sich mit der Axel-Springer-Straße und ist die größere Straße.

Welty: Aber Sie haben lange gezögert, bis Sie sich für dieses Vorhaben engagiert haben.

Ströbele: Das stimmt, am Anfang habe ich gesagt, ob das der Rudi wollte, dass man nach ihm eine Straße benennt. Das weiß ich nicht, da war ich zurückhaltend – er war ja der Inbegriff des antiautoritären Widerstandsmenschen, muss man ja sagen, und nachdem ich aber da merkte, dass es die Auseinandersetzung mit dem Springer-Verlag gab, da habe ich gesagt, na ja, also jetzt ist es ganz in seinem Sinne, da wäre er sofort auf der Straße gewesen, um so was auch durchzusetzen.

Welty: In der Rudi-Dutschke-Straße 23 liegt die Redaktion der "taz", der Tageszeitung, zu deren Mitbegründern Sie gehören, eine ganz andere Ausrichtung, ganz anderes Geschäftsmodell, aber wirtschaftlich viel weniger erfolgreich. Was können die im Springer-Verlag besser?

Ströbele: Na ja, man muss ja sagen, die "taz" ist viele Jahrzehnte totgesagt worden, schon nach der ersten Ausgabe und dann immer wieder, und inzwischen ist sie – im Gegensatz zu anderen Zeitungen, auch den Springer-Zeitungen – die Zeitung, die sich am gesündesten hält, weil sie am wenigsten vom Anzeigengeschäft abhängig ist, und die sogar zunimmt, während ja die "BILD"-Zeitung noch abnimmt. Natürlich noch auf einem ganz anderen Niveau, das sehe ich auch – das ärgert mich auch –, aber die machen eben eine Zeitung auch, um ganz konkret politisch einzugreifen, offenbar als Erbe von Axel Cäsar Springer, nach wie vor Politik in Deutschland zu machen.

Welty: Ob Wulff oder Guttenberg, gerade über die "BILD"-Zeitung lässt der Springer-Verlag immer wieder die politischen Muskeln spielen. Kann man als Politiker wirklich auf diese Marktmacht verzichten?

Ströbele: Ich verkenne nicht, dass auch unter Rot-Grün mindestens behauptet wurde, dass der Kanzler als erstes die "BILD"-Zeitung liest, und auch von anderen Kanzlerinnen und Kanzlern sagt man das ja. Das heißt, der Einfluss ist enorm, und auch die Politik wird ihre Richtung mit ausrichten nach dem, was in den Schlagzeilen der "BILD"-Zeitung steht.

Welty: Und Sie reden auch mit der "B.Z." zum Beispiel aus dem Hause Springer.

Ströbele: Ich rede hin und wieder auch mit denen, weil ich natürlich nicht will, dass sie jetzt was Falsches über mich oder die Grünen schreiben.

Welty: Aber Sie reden lieber mit der "taz"?

Ströbele: Ich rede sehr viel lieber mit der "taz" oder mit anderen Zeitungen, auch mit Radiostationen wie zum Beispiel der Ihrigen.

Welty: "taz"-Chefredakteurin Ines Pohl findet den Verleger Springer inzwischen wenigstens ambivalent, was sie mit seinem Engagement für Israel begründet. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Ströbele: Das gab es ja früher auch, das achte ich auch, aber ich kann nicht übersehen, dass Axel Springer persönlich und sein Verlagshaus ganz erheblich dazu beigetragen hat, dass seinerzeit auch sich zunächst die außerparlamentarische Opposition weniger entwickeln konnte, dass sie verhasst war in der Bevölkerung, in weiten Teilen jedenfalls, sehr lange, und dass auch die ersten schweren Gewaltauseinandersetzungen und Gewalttaten ja gegen Angehörige der APO auch auf den Einfluss der Springer-Zeitungen hin begangen wurden. Nehmen Sie mal Benno Ohnesorg, er ist erschossen worden am 2. Juni '67, vorangegangen war eine Kampagne der Springer-Zeitungen für den Schah, für Farah Diba, und gegen die Studenten, die man als "langbehaarte Affen" damals verunglimpft hat und gefordert hat, die sollen doch über die Mauer geschmissen werden. Das kann ich einfach nicht vergessen, was damals angerichtet worden ist, da ist eine schwere Schuld abzutragen.

Welty: 100 Jahre Axel Springer, dazu der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele. Ich danke fürs Gespräch!

Ströbele: Ja, auf Wiedersehen und einen schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

Theologe Dorian Winter"Papst Franziskus polarisiert"
Der Papst lächelt im weißen Gewand und mit umgehängter Kreuzkette vor einer weißen Wand in die Kamera.

Wenn Papst Franziskus zum Weltjugendtag nach Polen reist, ist das nicht unbedingt ein Heimspiel. Nicht bei allen komme der Papst gut an, sagt der Theologe Dorian Winter. Ohnehin sei der polnische Katholizismus traditionell nicht besonders papsthörig. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur