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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 21.10.2009

Spreemoderne

20 Jahre Berliner Architekturpreis

Von Adolf Stock

Die Wende war auch eine Herausforderung, Berlins Mitte architektonisch zusammenzuführen (hier die Neue Synagoge) (AP Archiv)
Die Wende war auch eine Herausforderung, Berlins Mitte architektonisch zusammenzuführen (hier die Neue Synagoge) (AP Archiv)

Architektur ist immer Spiegelbild der Geschichte von Städten – so auch in Berlin. Nach der Wende ergab sich hier die Chance und Herausforderung, die lange vergessene Mitte auch städtebaulich wieder zusammenzuführen. Um die Bedeutung der Architektur zu betonen, wird alle drei Jahre der "Architekturpreis Berlin" verliehen.

Am 28. Oktober 1987 wurde die Gründung eines Deutschen Historischen Museums beschlossen. Ein Neubau sollte im Berliner Spreebogen, im Westen der geteilten Stadt entstehen. Es folgte ein Wettbewerb, den der Mailänder Architekt Aldo Rossi gewann. Rossi wollte eine Kathedrale für die deutsche Geschichte bauen, ein Kirchenschiff mit kleinen bunten Seitenkapellen.

Mit dem Fall der Mauer waren diese Pläne Makulatur und das Bauschild wurde wieder abgeräumt. Heute steht dort das Kanzleramt, das die Berliner Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank entworfen haben. An dem Ort, wo die deutsche Geschichte gezeigt werden sollte, wird nun wieder Geschichte gemacht. Ein kleiner Triumph für die Stadt Berlin, die seitdem wieder nach vorne blickt.

Collage: "Ist das nicht ein Bau der Wasserwerke, der Berlin Wasserwerke, oder etwas?
Vielleicht ein bisschen protzig.

Warum sollte nur, weiß ich, der Vorstandsprecher der Deutschen Bank ein ordentliches Büro haben?

Finde es ein bisschen bombastisch, muss ich sagen, also ein bisschen übertrieben aus der Kohl-Ära.

Also wir können nur sagen, es gefällt uns hervorragend."

Seit der Wende begleitet der Architekturpreis Berlin die architektonische Entwicklung der Stadt. 1992 wurde der Preis erstmals vom Berliner Landesverband des Bundes Deutscher Architekten unter der Schirmherrschaft des Berliner Senats verliehen.

Der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann, Architekturkritiker Manfred Sack und Pierre Vago, Grand-Seigneur der Architektur Moderne, gehörten damals zur Jury. Schulen und öffentliche Gebäude wurden damals prämiert: Ein Sportzentrum und den Ergänzungsbau der Albert-Einstein-Oberschule im Stadtteil Neukölln, der die Handschrift von Axels Schultes trägt. Schultes hat später nicht nur das Kanzleramt gebaut, er entwarf auch den Masterplan für das neue Regierungsviertel, einen langen Gebäuderiegel.

Sein Band des Bundes schlägt die Brücke von West nach Ost, vom Spreebogen bis hinüber zur Friedrichstraße. Ein markanter städtebaulicher Entwurf, dem das neue Berlin viel zu verdanken hat. Nicht zuletzt, weil er die Stadt zur Spree, zum Wasser öffnet.

Elf Jahre später, 2003, wurde der Architekturpreis Berlin vom Bund Deutscher Architekten unabhängig. Er ist seitdem ein gemeinnütziger Verein, der heute alle drei Jahre an Architekten und Bauherren Preise vergibt. Eine Besonderheit. Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, hält es für gut und richtig, Bauherren und Architekten gemeinsam zu ehren.

Peter Cachola Schmal: "”Der Bauherr spielt wirklich eine große Rolle, denn er bestimmt, was mit seinem Geld geschieht, und er bestimmt, ob er etwas mehr ausgeben möchte, um Qualität zu schaffen, oder weniger ausgeben möchte, und insofern, ohne den Bauherrn und sein Qualitätsbewusstsein gäbe es gar nicht erst das Werk, was dann später ausgezeichnet wird.""

Oft sind Architekten und Bauherren heftig zerstritten, besagt ein gängiges Klischee. Aber die noch jungen Architekten vom Büro ROBERTNEUN, die 2006 für einen Club am Alexanderplatz vom Architekturpreis Berlin eine Auszeichnung bekamen, sehen das ganz anders. Tom Friedrichs.

Tom Friedrich: "Wir haben das immer von unseren Lehrern und Assistenten auch so mitbekommen, dass der Bauherr ist der Feind Nummer eins, und wir haben die gegenteilige Erfahrung gemacht und legen da explizit großen Wert drauf, dass das nicht so ist, wenn es dann nicht stimmt, wenn die Chemie nicht passt, dann muss man das Projekt vielleicht auch sein lassen, das gibt es so, glauben aber daran, dass ein gutes Projekt eigentlich nur in einer guten Zusammenarbeit entstehen kann."

Vor der Wende hatte Berlin eine große Vergangenheit und eine eher triste Gegenwart. Der Potsdamer Platz zum Beispiel. Ein Platz auf der Kante zwischen Ost und West. Eine Gruselkulisse mit Führerbunker und Todesstreifen. Ein Paradies für wilde Karnickel. Szenenbildner Karl Hermann Reith erinnert sich.

Karl Hermann Reith: "Es gab diese drei, vier kleinen Buden, die am Ende der Potsdamer Straße standen und wirklich an der Mauer endeten, mit absurden Berlin-Souvenirs. Es kamen die großen Busse, die doppelstöckigen, und die Stadtrundfahrten haben da also ihren Halt gemacht. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was da für ein Quatsch verkauft wurde, von Fingerhüten mit dem Brandenburger Tor drauf aus Porzellan und Schneegestöber mit dem Potsdamer Platz, und ich weiß nicht was. Es war so eine Nachkriegsbebauung, wie man sie auch sonst in Berlin gar nicht mehr kannte, auch in dieser Erbärmlichkeit, am Ende der Welt, und es gab diese Plattform, und man war auch selten alleine dort oben, und irgendwie hörte man dann auch irgendwelche anderen Berliner, die dann neben einem standen und ihrem Besuch erklärten, was man sieht.

Die berühmte Uhr, die wanderte dann auch immer mal von links nach rechts, die auf dem Potsdamer Platz mal gestanden haben soll, und jeder wusste andere Anekdoten, und der Bahnhof wurde größer und die Anzahl der U-Bahn- und S-Bahnabgänge wurden immer mehr oder weniger, je nachdem, wer dann gerade andere Geschichten zu erzählen hatte."

Das Holzpodest war eine Bühne der Erinnerung: Führerbunker und Eva Braun, noble Luxuswaren bei Wertheim am Leipziger Platz und Großstadtvergnügen im Haus Vaterland.

Karl Hermann Reith: "Potsdamer Platz war der Platz, wo man hinfuhr, sich auf die Treppe gestellt hat, auf die Ödnis geschaut hat und immer sich gewünscht hat, man hätte das 1928 gesehen."

Als dann die Mauer fiel, wurde ein neuer Potsdamer Platz gebaut, mit Sony Center von Helmut Jahn und Daimler-Benz-Areal von Renzo Piano. Ein Vergnügungsviertel für das vereinte Berlin, vor allem während der Filmfestspiele, die Westberlin rund um den Bahnhof Zoo schon bald verlassen haben. Ein genormtes Produkt der Konsum- und Event-Gesellschaft, doch das Konzept ging auf. Die Leute kamen in Scharen. ‚Investoren-Architektur‘ schimpften die Kritiker, wie der Berliner Architekt Konrad Wohlhage und der Franzose Pierre Vago.

Konrad Wohlhage: "Die Struktur der Stadt funktioniert am Potsdamer Platz nicht. Wenn Sie abends um elf Uhr ins Cinemaxx gehen und die Mall ist zu, dann laufen Sie an Mülltonnen und Fluchtwegschildern vorbei und sonst was, da laufen Sie über Zulieferstraßen, und jede zweite Straße lediglich ist eine Durchgangsstraße, und die ist überdeckelt und irgendwann nach Büroschluss oder später dann zu. Und das ist einfach nicht die europäische Struktur einer Stadt, die man haben wollte."

Pierre Vago: "Das ist eine einzige Möglichkeit, die man verpasst hat: In der Mitte einer großen Stadt, so ein großes Gelände hat, wo man alles überdenken kann. Und dass in der Mitte dieser Stadt das gebaut hat, was man dort gebaut hat, viel zu schnell, viel zu dicht, keine Überlegung, kein Gesamtplan für die ganze Bevölkerung Berlins. Das finde ich schrecklich. Eine wirkliche Tragödie, und die wird man leider später fühlen."

Helmut Jahn oder Renzo Piano hätten von Pierre Vago keinen Preis bekommen. Stattdessen wurde 1996 eine kleine rote Kiste prämiert: die Info-Box. Ein temporärer Stahlcontainer, der Platz für Modelle, Pläne und Videoclips bot. Sie sollten über die wichtigsten Bauvorhaben der Hauptstadt informierten: die neue Friedrichstraße, den geplante Hauptbahnhof und diverse Regierungsbauten.

Von 1995 bis 2001 stand die rote Kiste auf Brachland neben dem Potsdamer Platz. Damals schien der Weg von den bunten Modellen bis hin zur gebauten Wirklichkeit noch unendlich weit. Vom Dach der Info-Box blickten die Besucher auf geflutete Baugruben, in denen Taucher Fundamente legten. Später betraten Baukräne die Bühne und machten den Potsdamer Platz zur größten Baustelle Europas. Ein akuter Schub Hoffnung erfasste damals die Stadt. Berlin wurde wieder Hauptstadt, man wollte Olympiastadt werden und sah sich als bedeutende Drehscheibe zwischen Ost und West. Als damaliger Präsident der Bundesbaudirektion hat Florian Mausbach den Regierungsumzug mitgestaltet. Heute ist er stellvertretender Vorsitzender des Architekturpreises Berlin.

Florian Mausbach: "Es war ja eine ganz große Begeisterung, es war ja auch eine ganz ungewöhnliche Geschichte. Es herrschte ein Überschwang, man träumte ja auch von fünf Millionen Einwohnern in Berlin, und das ist dann nicht so eingetreten, Berlin nimmt sich jetzt doch sehr viel mehr Zeit zu seiner Entwicklung, aber man darf auch nicht vergessen, dass neben der Begeisterung es auch große Reserven gab. Es gab ja nur einen ganz knappen Bundestagsbeschluss und es wäre beinahe so gewesen, dass eben Bonn Hauptstadt geblieben wäre."

Rita Süssmuth: "”Für den Antrag Vollendung der Einheit Deutschlands, Berlin Antrag 337 Stimmen. Enthaltungen zwei. Stürmischer Beifall.""

Am 20. Juni 1991 gab Rita Süssmuth das Abstimmungsergebnis über den künftigen Regierungssitz bekannt.

Florian Mausbach: "”Mit knapper Mehrheit ging das Parlament und die Bundesregierung nach Berlin, und da gab es dann aber eine heftige Diskussion. Kann man denn die Bauten, die Regierungsbauten, die ja dort noch vorhanden waren, einfach so benutzen? Die stammten ja aus der wilhelminischen Zeit, sie stammten aus dem Dritten Reich, wie das Propagandaministerium von Goebbels, das Reichsluftfahrtministerium von Göring, die Reichsbank, die dann später SED-Zentralkomitee war. Also, da waren große Bedenken, oder auch die DDR-Bauten einfach zu übernehmen. Und es hieß tatsächlich am Anfang abreißen und neu bauen.""

Der damalige Bauminister Klaus Töpfer hatte anderes im Sinn. Statt neu zu bauen, ließ er vorhandene Gebäude restaurieren und behutsam ergänzen. Das Bauen im Bestand wurde zu einer großen Erfolgsgeschichte im Nachwende-Berlin. Das Auswärtige Amt und das Verkehrsministerium wurden vom Architekturpreis Berlin entsprechend gewürdigt.

Auch der Reichstag – eine Baustelle. Doch bevor Norman Foster mit dem Umbau begann, wurde der Reichstag zum Kunstobjekt. Schon 1972 wollten Christo und Jeanne-Claude den Reichstag verhüllen. Im Sommer 1995 war es dann soweit. Der verpackte Reichstag glänzte silbern in der Abendsonne. Der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

Wolfgang Thierse: "Die Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch Christo war ein nicht nur festlicher, unerhört erheiternder Vorgang, sondern sie war auch, ein sehr überzeugender ästhetischer Versuch, durch einen künstlerischen Einschnitt, die Verpackung, gewissermaßen auch den geschichtlichen Vorgang zu zeigen, nun endet eine Phase der Geschichte des Reichstags, und eine neue Phase wird beginnen."

Szenenwechsel: Berlin Schiffbauerdamm. Einen Steinwurf vom Berliner Ensemble, gleich neben der Ständigen Vertretung, der Kultkneipe am Bahnhof Friedrichstraße, in der Rheinländer und Touristen beim Kölsch dem Rhein nachtrauern, führt eine unscheinbare Stahltür unter den S-Bahnbögen in eine Bar. Nicht ganz zufällig treffen sich hier am Abend des 9. Oktober die Juroren, die den diesjährigen Architekturpreis zu vergeben haben. Die Tausend Bar hat das Büro ROBERTNEUN entworfen. Preisträger 2006, damals hatten die Architekten eine Auszeichnung für den WEEK-END-CLUB im Haus des Reisens am Alexanderplatz bekommen.

Den Hauptpreis bekam damals die Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin. The Brain, das Hirn ist ein Entwurf von Lord Norman Foster, der schon im Jahr 2000 für den Reichstagsumbau ausgezeichnet wurde. Der Schädel des künstlichen Hirns ist ein milchig schimmerndes Oval. Die beiden Hirnhälften sind auf mehreren Etagen mit Büchern
bestückt. An den serpentinenartigen Kurven der Hirnrinde befinden sich über 600 Leseplätze. Und nicht nur das, der Bau überzeugt auch ökologisch.

Lord Norman Foster: "In dem schweren Beton stecken kilometerlange Rohrleitungen, durch die – je nach Jahreszeit – warmes oder kaltes Wasser geleitet wird. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Gebäude verbrauchen wir dadurch nur etwa 35 Prozent der Energie, die sonst zur Klimatisierung erforderlich ist."

Für Lord Norman Foster ist ökologisches Bauen schon lange ein Thema. Und es wird ganz sicher ein Schlüsselthema der Zukunft sein. Auch für Berlin. Was wird aus den Freiflächen in Tegel und Tempelhof? Wie lässt sich beim Bauen Energie einsparen? Drängende Fragen, die demnächst auch in der Hauptstadt schlüssig beantworten werden müssen.

In der Tausend Bar am Schiffbauerdamm sitzen am 9. Oktober 2009 die diesjährigen Juroren zusammen. Es sind keine Berliner, denn laut Statut dürfen keine Bewohner der Stadt in der Jury sitzen. Florian Mausbach.

"Es soll der Blick von außen sein, denn sonst gibt es hier auch Konkurrenz und Befangenheiten. Es sind überwiegend natürlich auch Fachleute, aber eben auch zum Beispiel kann ein Modemacher oder Modemacherin dabei sein oder ein Filmkünstler, also das der Blick auch etwas weiter gefasst wird. Dieser Weg hat sich sehr bewährt. Es gibt natürlich auch, weil es sich dann in der Regel sehr namhafte Teilnehmer in diesem Preisgericht sind, diesem Preis ein besonderes Ansehen und ein besonders anspruchsvolles Niveau."

Der Berliner Kurator Christian Hirte ist eine Ausnahme. Er ist für Wim Wenders eingesprungen, der kurzfristig absagen musste. José Luis Penelas von der Europa Universität in Madrid sitzt in der Runde und der italienische Philosoph Vincent Paul Toccoli. Auch die Wiener Architektin Elke Delugan-Meissl ist mit dabei. Sie hat das Porsche-Museum in Stuttgart entworfen. Und Architekt Fritz Auer, vom Büro Auer und Weber, der zusammen mit Frei Otto und Günther Behnisch schon dem Olympia-Gelände in München seinen architektonischen Stempel aufdrückte. Er gibt einen Einblick in die Arbeit der Jury.

Fritz Auer: "Wir haben ja 96 Einreichungen gehabt, die wir heute mal in der ersten Runde gesichtet haben, um zu einer beschränkten, vielleicht noch nicht ganz engeren Wahl kamen. Die engere Wahl sollen so etwa 15 Projekte sein, aus denen man dann den Preis rekrutiert und auch die Anerkennung, die Auszeichnung. Es gibt dann so etwa sieben Auszeichnungen noch, und wir werden morgen den Rundgang fortsetzen, und dann wird die Diskussion anfangen natürlich."

In den ersten Jahren hat der Architekturpreis Berlin vor allem öffentliche Bauten, Schulen, Kitas und Sportstätten prämiert. Auch Wohn- und Geschäftsbauten standen auf der Liste. Erst seit der Jahrtausendwende hat sich das Spektrum spürbar geweitet. Das Jüdische Museum von Daniel Libeskind und das ARD-Hauptstadtstudio bekamen einen Preis, das Krematorium von Axel Schultes in Berlin-Treptow und mehrere Bundesbauten. 2003 wurde die Niederländische Botschaft von Rem Koolhaas gewürdigt, und 2006 gerieten erstmals junge Architekturbüros mit frischen Ideen in den Blick. Das Winterbadeschiff in Berlin-Treptow und ein Club am Alexanderplatz wurden geehrt. Tom Friedrich, einer der drei Architekten des Büros ROBERTNEUN.

Tom Friedrich: "Dass wir ausgezeichnet wurden, hatte uns schon auch sehr überrascht, dass es dann geklappt hat, hat uns natürlich umso mehr gefreut und war ein Stück weit, denke ich, auch damals explizit von der Jury als Auszeichnung, dass es eben jenseits von etablierten Büros und auch etablierten Bauaufgaben dann eben auch eine Szene in Berlin gibt, die so ein bisschen unter dem Radar stattfindet, die so ein bisschen unter dem Radar stattfindet, die aber durchaus auch ihre Qualitäten und ihre Eigenheiten produziert."

Annett Zinsmeister: "Ich glaube dass wir gerade 20 Jahre hinter uns haben mit einer relativ rigorosen Stadtplanungspolitik, die auch einer großen Geschichtstreue geschuldet war, wo man fast von einer Geschichtsverherrlichung sprechen könnte."

Architektin Annett Zinsmeister zieht Bilanz. Die Europäischen Stadt und Kritische Rekonstruktion waren zwei zentrale Begriffe im Berlin der Nachwendezeit. Danach sollte die City auf dem Grundriss des 19. Jahrhunderts mit zeitgemäßer Architektur neu entstehen. Es war der Versuch, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu vermitteln und die Struktur der vielfach zerstörten Stadt wieder kenntlich zu machen.

Florian Mausbach: "Es war sicherlich ein Verdienst auch des Senatsbaudirektors Stimmann, der ja auch nicht nur gelobt, sondern auch viel kritisiert wurde, aber das war ein Verdienst, dem Investoren-Andrang, der nach der Wende eintrat, erst einmal Grenzen zu setzen und bestimmte Baulinien und Baufluchten zu ziehen und zunächst mal das Berlin der Gründerzeit, das ist es ja im Wesentlichen, und des Barock in der historischen Innenstadt doch erst einmal in seinen Umrissen wieder herzustellen, wieder aufzubauen."

An Kritik herrschte kein Mangel. Kritiker sprachen von Posemuckel, und der holländische Architekt Rem Koolhaas unterstellte dem Berliner Senat das bewusste Massaker an architektonischer Intelligenz. Kollege Daniel Libeskind vermutete sogar schwarze Listen für unliebsame Architekten, die jenseits von Hans Stimmann bauen wollten.

Daniel Libeskind: "Im Moment ist es in dieser Stadt sehr schwer für einen Architekten, der nicht der Meinung ist, dass es nur eine Architektur gibt, die nur auf eine Art und Weise die Geschichte oder Tradition Berlins repräsentiert. Ganz offen gesagt stehen die Architekten, die heute hier bauen, doch ganz stark für eine singuläre Tradition. Sie hat nichts mit neuen Ideen in der Architektur, nichts mit einer optimistischen Sicht der Stadt zu tun, es ist ein Blick zurück auf Berlin. Ich habe ja überhaupt nichts gegen steinerne Architektur, aber ich habe ein Problem, wenn Stein als politische Waffe eingesetzt wird – gegen Modernität und Ideen des städtischen Lebens."

Während sich in der Friedrichstraße Bauherren und Architekten mit festgelegter Traufhöhe, Sandstein und Lochfassade an die strengen Senatsvorgaben hielten, bestanden Günther Behnisch und Werner Durth am Pariser Platz auf einer Glasfassade. Sie wollten die noch vorhandenen Reste der kriegszerstörten Akademie der Künste in den geplanten Neubau integrieren und unmissverständlich sichtbar machen. Ein Haus als historisches Röntgenbild. Der Begriff der Kritischen Rekonstruktion wurde bei Werner Durth plötzlich zur Waffe gegen die Berliner Baupolitik.

Werner Durth: "Ich glaube, dass der wesentliche Gedanke unseres Konzeptes erst sehr spät verstanden worden ist. Wir hatten von vornherein gesagt, dass wir uns dem Konzept für die Kritische Rekonstruktion völlig anvertrauen wollen, dass einzige, was uns damals in Widerstand zur Gestaltungssatzung brachte, war, dass wir eben keine steinerne Fassade als Abschluss unseres Gebäudes haben wollen, und diese Weigerung, diesen Platz zu verschließen und damit genau dieses historische Dokument unsichtbar zu machen, das wurde als Anmaßung, als Provokation süddeutscher Architekten empfunden. Und ich glaube, erst allmählich ist auch anerkannt worden, dass diese Entscheidung nicht eine Verweigerung gegenüber der Kritischen Rekonstruktion, sondern eine weiter-gehende Interpretation dieses Ansatzes ist."

Kann man in Anlehnung an die Geschichte bauen und gerade deshalb die Geschichte vergessen? Stadtschlossgegner und Kritiker der Kritischen Rekonstruktion denken so.

Die jungen Architekten plagen ganz andere Probleme. Für Friedrich von Borries haben die alten Konzepte ausgedient.

Friedrich von Borries: "Wenn man zurückblickt, da gibt’s natürlich die Rekonstruktion eines fiktiven Berlins, die Rekonstruktion der heilen Welt, die irgendwann in dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses gipfeln wird. Dann gibt es die Erfindung eines neuen repräsentativen Berlins, der neuen steinernen Hauptstadt in der Mitte dieses wiedervereinigten Europas. Und dann gibt es das Berlin, was vielleicht das ist, was am meisten gefährdet ist, die Berliner Architektur, die wirklich durch die Wende erst möglich war, als sich so ein gewisser Westberliner subkultureller Improvisationsgeist gepaart hat mit den neuen offenen und brachgefallenen Räumen Ostberlins."

Nach dem Fall der Mauer wollte Berlin noch einmal Metropole werden, so wie in den zwanziger Jahren, als der Alex eine Großbaustelle war, die Alfred Döblin in seinem Roman Berlin Alexanderplatz beschrieb.

"Rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampframme. Sie ist ein Stock hoch, und die Schienen haut sie wie nichts in den Boden. Eisige Luft. Februar. Die Menschen gehen in Mänteln. Wer einen Pelz hat, trägt ihn, wer keinen hat, trägt keinen. Rumm rumm haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz. Viele Menschen haben Zeit und gucken sich an, wie die Ramme haut. Ein Mann oben zieht immer eine Kette, dann pafft es oben, und ratz hat die Stange eins auf den Kopf. Da stehen die Männer und Frauen und besonders die Jungens und freuen sich, wie das geschmiert geht: ratz kriegt die Stange eins auf den Kopf. Nachher ist sie klein wie eine Fingerspitze, dann kriegt sie aber noch immer eins, da kann sie machen, was sie will. Zuletzt ist sie weg, Donnerwetter, die haben sie fein eingepökelt, man zieht befriedigt ab."

Florian Mausbach: "”Das Berlin der Zwanzigerjahre, da war Berlin eine richtige, mächtige europäische Großstadt, wirtschaftlich, industriell, wissenschaftlich, kulturell, und heute schlottert dieser Anzug aus der Zeit. In diesen Anzug muss Berlin erst wieder hineinwachsen. Und das ist natürlich insofern eine Chance, denn im Augenblick sind die Grundstückspreise günstig, die Mieten günstig, es ist Raum da. Raum für Entwicklung und insbesondere Raum für kreative Kräfte, die dies nutzen. Junge Leute kommen her, haben hier Chancen sich zu entwickeln, neue Ideen zu entwickeln, und da ist Berlin nicht so konservativ wie München oder Hamburg, also hier ist jeder willkommen, also hier ist die Stadt ganz offen.""

Florian Mausbach spricht von den Chancen der Stadt. Wie schon so oft, muss sich Berlin wieder einmal neu erfinden.

Florian Mausbach: "Jetzt wäre es doch an der Zeit, wieder etwas an der Euphorie der Nachwendezeit vielleicht mal wieder anzuknüpfen und auch wieder Perspektiven zu entwickeln. Städtebaulich sollte man nun auch etwas mehr Mut haben, die Frage ist auch, welche Perspektive stellt sich Berlin, welche Aufgabe hat Berlin, außer dass es Hauptstadt ist?"

Friedrich von Borries setzt aufs Experiment, auf eine Architektur, die nicht unmittelbar ins Auge springt, weil sie keine schmucken Fassaden besitzt, sondern sich damit zufrieden gibt, Räume zu entdecken und neu zu nutzen.

Friedrich von Borries: "Räume zu verwandeln, sich anzueignen, oft nur temporär zu sein und vor allem sich verstanden hat als Form der Nutzung, also als soziales Experiment. Und das ist eigentlich die spannende Berliner Architektur, aber die ist natürlich abhängig davon, dass es eine Gesellschaft ist, die im Wandel ist, denn nur eine Gesellschaft im Wandel hat die Offenheit für Experimente, und sie ist abhängig von einer Stadt, die Raum hat. Da war mal sehr, sehr viel, aber die Hochzeit dieser Aneignungs-, Experimentier-Architektur ist wahrscheinlich vorüber."

Wunderbar kreative Zeiten, als das wiedervereinte Berlin noch wild und im Aufbruch war. Schon bastelt die jungen Generation an ihrem eigenen Mythos. Aber ist nicht alles schon mal da gewesen?

Annett Zinsmeister: "Was grenzt diese Interventionen im Stadtraum heute ab von denen, die in den 60er Jahren geschehen sind? Die damals sehr rebellisch, sehr gesellschaftskritisch, sehr politisch waren und heute eigentlich eher konsensbildend sind und wo man sich fragt, was ist die Kritik, was ist eigentlich das Themenfeld, das sich tatsächlich öffnen muss und wie weit hat es mit Architektur zu tun und inwieweit soll das Architektur werden oder Raum werden?"

Annett Zinsmeister fordert mehr Kritik, auch mehr Selbstkritik. Sie will weg vom elitären Architektur-Selbstgespräch. Soviel Offenheit wünscht sich auch Jurymitglied Elke Delugan-Meissl für den Architekturpreis Berlin.

Elke Delugan-Meissl: "Eine Stadt macht ja mehr aus als einzelne Objekte zu beurteilen. Da gibt es einen Raum dazwischen, den Zwischenraum, den ich für eine Stadt essenziell empfinde. Aber wenn man sich diesen Preis ansieht, einen Preis quer über sehr, sehr viele Nutzungsbereiche und Größen hinweg, finde ich es doch von unserer Jury einen wesentlichen Ansatz, dass man nicht nur in eine Richtung geht, dass man sich die Bandbreite ansieht, dass wir Signale setzen."

Signale setzen. Schirmherr des diesjährigen Architekturpreises Berlin ist der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Mit seinem Spruch arm aber sexy hat es das Lebensgefühl vieler junger Berliner auf den Punkt gebracht. Doch Berlin muss mehr sein als Lifestyle und Touristen¬hochburg. Friedrich von Borries und Annett Zinsmeister.

Friedrich von Borries: "Hier ist Berlin eine Stadt, die die Chancen hat, wirklich neue Wege zu gehen, weil auf den postsozialistischen oder den Wiedervereinigungs-Transformationsprozess jetzt ein neuer kommt, wo wir uns jetzt noch einmal anders mit Migration auseinandersetzen, und wo wir uns anders mit der ökologischen Herausforderung auseinandersetzen, und da ist natürlich die Architektur und der Städtebau noch einmal in einer ganz anderen Weise gefragt, weil die Konzepte, die das offizielle Berlin der letzten 20 Jahre geprägt haben, helfen für die Fragen natürlich überhaupt nicht."

Annett Zinsmeister: "Es ist ein zeitliches Nowhere, wenn man auf viele Architekturen schaut. Im Moment scheint mir so eine Art Vakuum entstanden, das unspezifisch ist, wo nicht ganz klar ist, wo wir uns eigentlich zeitlich befinden."

Stadtschloss oder Palast der Republik? War da was? Gab es das Schloss nicht schon Unter den Linden aus Planen und Pappmaschee? Was braucht das neue Berlin? Darf die Stadt rückwärts oder soll sie ausschließlich nach vorne schauen? Petra Zillich, Geschäftsführerin des Architekturpreises Berlin.

Petra Zillich: "”Der Verein wird sich nicht nur um den Preis zukünftig auch noch weiter kümmern, sondern er wird auch sich anderen Aktivitäten zuwenden, so dass wir auch immer an der Stadtentwicklung, an der Baukultur, an der Baukunst dranbleiben werden und das Geschehen da wirklich hautnah mit verfolgen werden und uns auch einmischen werden.""

Für den entsprechenden Rahmen ist gesorgt. Der Verein hat kürzlich neue Räume bezogen.

Florian Mausbach: "Der Ku‘damm, Ku‘damm 48/49 also auch im vorderen Teil des Ku‘damms, sozusagen im besten, interessantesten Teil, dann aber eben nicht am Ku‘damm selbst, sondern im Hinterhof, eine Remise, in einer merkwürdigen Form, denn es ist eingefügt dieses ehemalige Kutscherhaus zwischen zwei schrägstehenden Brandwänden, so dass dieses Kutscherhaus eine Dreiecksform hat, ein ganz interessantes Raumgebilde, das eigentlich für solche Veranstaltungen sich sehr reizvoll anbietet."

Florian Mausbach plant das Programm. Es soll Tagungen, Vorträge und Diskussionen geben, man wird internationale Kontakte nutzen. Für Annett Zinsmeister kommt so ein Ort der Auseinandersetzung gerade recht.

Annett Zinsmeister: "Berlin braucht Vielfalt anstelle der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den wir für die Zukunft benötigen. Und ich wünsche mir eigentlich eine Vivien Westwood in der Architektur und vor allem das Umfeld, dass sie da wirken lässt. Und ich glaube nicht, dass wir subversive Opportunisten brauchen, sondern eine Art zeitgenössische barocke Punks."

Wenn alles gut geht, wird der Verein zu einer Schnittstelle zwischen Architekten und Künstlern, Designern und engagierten Bürgern, mit viel Platz für unkonventionelle Ideen. Doch zunächst hoffen wir, dass der Architekturpreis Berlin ein klares Zeichen setzt für die architektonische Zukunft Berlins. Am 30. Oktober 2009 wissen wir mehr.

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