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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 08.06.2007

Sprechblasen von Globalisierungsoptimisten

Stefan Aust, Claus Richter, Matthias Ziemann: "Wettlauf um die Welt"

Rezensiert von Reinhard Kreissl

Globalisierungsgegner beim G8-Gipfel (AP)
Globalisierungsgegner beim G8-Gipfel (AP)

Die Globalisierung gehört derzeit zu den Reizthemen schlechthin. Während die einen vor dem Verlust der hiesigen Besitzstände warnen, sagen die anderen eine blühende Zukunft voraus. Ausgewogene Aufklärung wäre also dringend geboten. Doch Stefan Aust, Claus Richter und Matthias Ziemann geben in ihrem Buch "Wettlauf um die Welt" nur die Sichtweise derer wieder, die sich vor der Globalisierung nicht fürchten müssen.

Es gibt Themen, die nicht nur den Austausch von flüchtigen Argumenten anregen, sondern auch den nachhaltigen Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken. Globalisierung, ein emotional hoch besetztes Schlagwort, von dem keiner genau weiß, was damit gemeint ist, gehört in diese Kategorie. Jeder hat dazu irgendeine Meinung und die Angst vor den Folgen beherrscht die aktuellen Schlagzeilen.

Stefan Aust, Claus Richter und Matthias Ziemann haben sich dieses Themas angenommen und eine Reihe von Beiträgen und Recherchen, die von Spiegel TV für das ZDF produziert wurden, bei Piper als Buch herausgebracht. Unterteilt in sieben Kapitel, die wenig trennscharf verschiedene Aspekte der Globalisierung behandeln, kommen Experten zu Wort, die jeweils ihre Sicht der Dinge ausbreiten. Das ganze folgt eher der Schnittfolge einer der üblichen Fernsehdokumentationen als einem inhaltlichen Faden. Man erfährt dann nach langen Ausführungen über pittoreske Details der Drehorte gleich zu Beginn, dass es in der Wirtschaft international zugeht.

"Dass der Hamburger Rickmers mit vor allem deutschem Geld in Südkorea ein Schiff bauen lässt, das anschließend für eine chinesische Reederei die maritimen Rennstrecken des Welthandels befahren wird, ist ein perfektes Beispiel für weltweite Arbeitsteilung – und auch für verpasste Chancen. Denn auch wenn der Hanseat Rickmers seine Großaufträge in einer patriotischen Anwandlung auf einer heimischen Helge platzieren wollte – er könnte es nicht. Deutsche Werften sind heute nicht in der Lage, ein Schiff von der Größe der Cosco Germany zu bauen."

Ansonsten lernt man viel über die Ausstattung von Konferenzzimmern und das feine Tuch der Anzüge, in denen Geschäftsleute vor ovalen Verhandlungstischen stehen, auf denen Füller mit goldenen Federn neben unterschriftsreifen Verträgen liegen.

Die eingestreuten Expertenstatements stehen diesen Schilderungen in nichts nach. Es sind im Wesentlichen die üblichen Einlassungen aus der üblichen Ecke derjenigen, die von der Globalisierung gut profitieren. Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forum in Davos, Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Klaus Zumwinkel von der Deutschen Post AG und andere kommen zu Wort. Den ausgewogen kritischen Gegenpart dürfen Gewerkschaftler wie Michael Sommer vom DGB oder Ökonomen wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz geben.

Alles in allem aber herrscht doch die normative Kraft des Faktischen und die bringt Herbert Hainer, Vorstandvorsitzender der adidas AG auf den knappen Punkt:

"Sie können heute 24 Stunden am Tag Ihr Geld in der ganzen Welt anlegen, Sie können es transferieren, Sie können nach optimalen Anlagemöglichkeiten suchen. Wir wissen, auch das funktioniert nicht immer nur im Positiven. Aber generell haben Sie diese Möglichkeit und dadurch ist der Finanzmarkt natürlich viel schneller geworden."

Das Buch ist voll mit solchen Sprechblasen. Der Hinweis, dass ökonomische Globalisierungsprozesse den armen Ländern helfen, dass China und Indien etwa zu den Gewinnern von Globalisierungsprozessen gehören, ist bestenfalls eine ungedeckte Wette auf die Zukunft. Was sich in diesen Regionen – auch als Folge der Globalisierung –möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft noch abspielen wird, ist eine Frage, die auf den Bildschirmen der hier zu Wort kommenden Globalisierungsoptimisten, auch der moderaten und abwägenden so gut wie nicht erscheint. Da freut man sich schon, wenn Klaus Schwab anmerkt, dass man Spekulationsfonds einrahmen muss, damit, so führt er aus:

"hier nicht irgendwelche unschönen Überraschungen passieren ... Aber ich glaube, dass doch die Zeit gekommen ist, sich zu überlegen, wie man es verhindern kann, dass es zu einem 'Meltdown’ kommt. Das heißt, dass irgendein schwarzes Schaf, das dann kollabiert, das ganze Weltwirtschaftssystem in Unordnung bringt."

Immer wieder ist die Rede von Spitzenleistungen, in der Wirtschaft, der Bildung, der Forschung. Dem Nachwuchs wird angeraten, sich international zu orientieren und auf die technischen Fächer zu konzentrieren, denn dort müssen Spitzenleistungen produziert werden. In diesem Schlaraffenland der Eliteuniversitäten herrscht die leistungsorientierte kulturelle Vielfalt, während draußen die Asylanten von den Einheimischen verprügelt werden. Die Rhetorik ist ermüdend und die Bildlogik entlarvend. Die natürlichen Partner der global aufgestellten Bildung kommen natürlich aus der Industrie. Deren Klagen, dass man mit Theaterwissenschaftlern nun mal keinen Maschinenbau der Extraklasse betreiben könne, mag man zustimmen. Was damit aber über die Beschaffenheit von Universitäten ausgesagt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Stefan Aust, Claus Richter, Matthias Ziemann: "Wettlauf um die Welt" (Piper Verlag)Stefan Aust, Claus Richter, Matthias Ziemann: "Wettlauf um die Welt" (Piper Verlag)Denn was passiert mit all jenen, die es nicht an die Spitze schaffen? Bilden sie den Unterbau der schlecht Bezahlten, auf dem die Spitzenkräfte gut bezahlte Spitzenleistungen erbringen. Die Rhetorik von Spitze und Basis ist die Alternative zu den immer wieder kritisierten egalitären Vorstellungen von Gerechtigkeit, von Umverteilung und Ausgleich. Globalisierung erscheint als ein Prozess, bei dem für die Armen, die nicht an der Spitze stehen, immerhin auch etwas abfällt. Wer sich derart den herrschenden Verhältnissen ausliefert, und seine Position mit dem Hinweis auf die mangelnde Alternative begründet, ist entweder einfallslos oder gehört zu jenen, die unter den jetzigen Bedingungen auf der Seite der Gewinner stehen. Einer der frühen Theoretiker dieser Art von Globalisierung prägte dafür die Formulierung: Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden.

Natürlich erscheint in diesem Sprachbilderbogen die deutsche Betriebsratsvorsitzende als Frau mit Latzhosen, Sicherheitsschuhen und kurzen roten Haaren. Bingo, da waren sie wieder, unsere liebsten Vorurteile über die Ewig-Gestrigen, die sich nicht alles gefallen lassen wollen. Wer da auf der Höhe der Zeit sein will, der redet nicht von Verarmung, sondern von "stärkerer Differenzierung der Lebensverhältnisse". Man verlangt vom Einzelnen nicht, sich alles gefallen zu lassen, sondern "Risikotragfähigkeit". Schuld an der Misere hierzulande sind dann natürlich auch die üblichen Verdächtigen, jene, die in den siebziger Jahren für andere Verhältnisse eingetreten sind.

Das ist Gesellschaftsanalyse nach Gutsherrenart. Die Herren, die hier zu Wort kommen, Frauen sind in dieser Welt burschikose Latzhosenträgerinnen, können sich auf ihren wohl dotierten Vorstandspositionen und akademischen Lebenszeitstellungen die tollsten Gedanken machen. Allen anderen kann man achselzuckend entgegenhalten, dass es so nun eben mal sei wie es ist. Dementsprechend auch der letzte superlativisch daherkommende Abschnitt des Buchs:

"Aber eines ist klar: in der spannendsten und rasantesten Entwicklung der Weltwirtschaft können nur aufgeklärte Zeitgenossen den Anspruch auf Mitwirkung nicht nur fordern, sondern auch durchsetzen. Wer bei der Globalisierung mitmacht, kann gewinnen – wer sich ihr entzieht, wird verlieren."

Da möchte man den Herren Aust, Richter und Ziemann, die für kurze Zeit den aufgeklärten Wirtschaftsführern und Fachleuten ihr kleines World Economic Forum zur Verfügung gestellt haben, dann doch nicht ganz folgen. Denn Aufklärung umfasst nicht nur in Anlehnung an Kant den Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit, sondern auch ein Verbreitungsverbot für Plattitüden eines vermeintlichen globalen Konsens, der den Armen dieser Welt das uralte Märchen erzählt, dass man es zu etwas bringen könne, wenn man sich nur anstrengt und Risikotragfähigkeit an den Tag legt.

Stefan Aust, Claus Richter, Matthias Ziemann: Wettlauf um die Welt - Die Globalisierung und wir
Piper Verlag, München 2007

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