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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.10.2008

Spinnens Lektionen

Die Sprache des Geldes

Börsenmakler arbeiteten an der Börse in Frankfurt am Main.
Börsenmakler arbeiteten an der Börse in Frankfurt am Main. (AP)

Krisen machen hellhörig. Plötzlich nimmt man Wörter, die in der Fachwelt alltäglich sind, anders oder überhaupt erst wahr. "Finanzprodukt" zum Beispiel: Was steht da am Ende der Produktionskette? Und was geht bei "Leerverkäufen" eigentlich über den Ladentisch? Was sagt uns das über die Finanzwelt, an die wir bis vor kurzem noch so fest geglaubt haben? Der Schriftsteller Burkhard Spinnen entlarvt für uns die Worthülsen der Finanzkrise und der Wirtschaftswelt.

Krisen machen hellhörig. Plötzlich nimmt man Wörter, die in der Fachwelt alltäglich sind, anders oder überhaupt erst wahr. "Finanzprodukt" zum Beispiel: Was steht da am Ende der Produktionskette? Und was geht bei "Leerverkäufen" eigentlich über den Ladentisch? Vielleicht, wie schon der Name sagt - gar nichts? Und doch gibt es offenbar jemanden, der daran verdient. Was sagt uns das über die Finanzwelt, an die wir bis vor kurzem noch so fest geglaubt haben?

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen entlarvt für uns die Worthülsen der Finanzkrise und der Wirtschaftswelt. Vom 27. Oktober bis zum 1. November jeweils um 10.07 Uhr erklärt er die Begriffe "Finanzprodukt", "Realwirtschaft", "Hilfe zur Selbsthilfe","Leerverkäufe", "Glaubenskrise" und "Produktive Zerstörung".

Montag, 27. Oktober

Finanzprodukt (MP3-Audio)

Ich glaube, in dem Wort "Finanzprodukt" liegt der Kern des Problems, an dem die Weltfinanzbranche jetzt laboriert. Es ist nämlich das Problem der Selbsteinschätzung, beziehungsweise der Selbstüberschätzung. Warum?

Nun, die Arbeit von Banken ist früher als eine Dienstleistung verstanden worden. Das Geld wird hier verwahrt, verwaltet, verliehen, verzinst, angelegt etc. Doch im Laufe der Zeit haben sich die Bankenmathematiker immer raffiniertere Konstruktionen zur Geldvermehrung ausgedacht; und diese Konstruktionen haben bei ihren geistigen Vätern Stolz aufkommen lassen, einen Stolz, dem es gerecht erschien, die Resultate der eigenen Arbeit als "Produkte" zu bezeichnen.

Allerdings sind Produkte im traditionellen Wortgebrauch Dinge aus der dreidimensionalen Welt, meistens aufwändig bearbeitete Rohstoffe. Produkte repräsentieren einen Material- und einen Arbeitswert, sie werden benutzt, wobei sich ihr Wert in der Regel reduziert. Also knapp gesagt: Produkte sind etwas GANZ ANDERES als Lebensversicherungen, Zertifikate, Aktien etc.
Mir scheint nun, die Bankenbranche hat sich im Zuge einer möglicherweise nicht ganz freundlichen Übernahme das Wort "Produkte" angeeignet. Sie hat damit versucht, einen positiven Nimbus zu übernehmen. Offenbar ist es ihr gelungen, aber um welchen Preis?

Nun, der Preis ist vielleicht eine gewisse Selbstüberschätzung, an der jetzt die Branche und nicht nur sie leidet. Solange man sich nämlich selbst als Dienstleister versteht, achtet man die, denen man Dienste leistet. Jedenfalls weiß man, dass man von ihrer Produktivität abhängig ist. Dienste kann sich eben nur leisten, wer sie sich leisten kann. Die Banken aber scheinen mir diejenigen aus den Augen verloren zu haben, denen sie eigentlich Dienste leisten wollten. Das Geld und die vielen "Geld"-Produkte haben sich selbstständig gemacht. Im System der Banken ist die Frage entschieden worden, was zuerst war: Arbeit oder Geld? Die Wahl ist auf das Geld gefallen. Leider mit der Konsequenz, dass jetzt womöglich die Arbeit beleidigt ist und sich auf und davon macht.

Dienstag, 28. Oktober

Hilfe zur Selbsthilfe (MP3-Audio)

Was wünschte sich bei Ausbruch der Finanzkrise der Präsident der Bundesbank? Er wünschte sich "Hilfe zur Selbsthilfe". Sie wissen, dass dieser Begriff aus der Diskussion um die richtige Entwicklungshilfe stammt. Die reichen Länder sollen den armen Menschen kein Fass Wasser schenken, sondern ihnen helfen, einen Brunnen zu graben. Man soll ihnen kein Brot geben, sondern Anleitung zum Anbau von widerstandsfähigem Getreide. Keine Almosen, sondern, eben: Hilfe zur Selbsthilfe.

Wenn nun der Bundesbankpräsident eine solche Hilfe fordert, wahrscheinlich am Ende eines hektischen Tages, an dem er viele Interviews gegeben hat, so gibt es mehrere Möglichkeiten, das zu interpretieren. Erstens: Der Mann ist müde und unkonzentriert und benutzt daher einen falschen Ausdruck. Zweitens: Der Mann sieht die Banken momentan als Bewohner einer Art Dritten Welt, will aber keine Spende für sie, sondern Hilfe, damit sie selbst wieder auf die Beine kommen. Oder drittens: Der Mann hat Angst, dass die Spender und Helfer zu lange vor Ort bleiben. Die sollen bitteschön den Brunnen graben und wieder abziehen, den Dünger verteilen und sich danach aus dem Staub machen.

Ich tendiere zur dritten Lesart. Manchmal sagen Leute etwas, das sie eigentlich nicht laut sagen wollen. Der Banker sorgt sich eben um die Unabhängigkeit der Banken, so wie sich die Drittweltländer um ihre Unabhängigkeit gesorgt haben. Und obwohl er das nicht laut sagen möchte, rutscht es ihm doch heraus. So was ist menschlich.

Allerdings finde ich es auch ein kleines bisschen unanständig, wenn Banken sich mit Drittweltländern vergleichen, um den Staat davon abzuhalten, sie eventuell zu kolonialisieren. Wir kennen die großen Banken in den letzten Jahren als diejenigen, die gerne den Staaten sagten, was ihnen zusteht. Bald waren wir schon so weit hinzunehmen, dass die Banken den Staat komplett übernehmen. Schließlich verstehen sie ja einfach mehr von der Sache, nicht wahr?

Aber jetzt geht es den Banken schlecht. Sie haben zwar nur Hunger nach Geld. Aber der schmerzt auch. Und er bereitet offenkundig die große Sorge, dass mit den Entwicklungshelfern auch neue Herren kommen. Da ist die Angst um die Freiheit womöglich größer als die Angst um das Leben.

Mittwoch, 29. Oktober

Leerverkäufe (MP3-Audio)

Man muss das zunächst einmal erklären. Vielleicht so: Ich geh auf den Wochenmarkt. Da leihe ich mir von jemandem eine Tüte Äpfel. Die gebe ich dem Apfelbauern zurück, bei dem der Jemand sie gekauft hat. Pfui, sage ich, die Äpfel will ich nicht! Der Bauer gibt mir zurück, was der Jemand dafür bezahlt hat, sagen wir: drei Euro. Alle anderen auf dem Markt sehen es und sagen: Guck mal, der kriegt seine Äpfel zurück, die können ja nicht gut sein! Jedenfalls kaufen wir die nicht mehr. Was tut darauf der Bauer? Richtig, notgedrungen senkt er die Preise. Prompt kaufe ich ihm die Tüte Äpfel wieder ab, jetzt allerdings für 2,50. Die Tüte kriegt der Jemand zurück, von dem ich sie geliehen habe – und die 50 Cent teilen wir uns.

So ähnlich funktionieren Leerverkäufe an der Börse; nur dass man natürlich etliche Nullen an die Zahlen hängen muss. Auf dem Wochenmarkt würden sie nicht funktionieren, denn wenn einer merkte, was ich da treibe, würde er die anderen Bauern zusammentrommeln und ich bekäme eins auf die Nuss. An der Börse aber hat das bis vor kurzem nicht nur funktioniert, es ist sogar erlaubt gewesen. Es gibt für diese Art von Geschäft Fachleute und Spezialausdrücke. Der deutsche Fachausdruck lautet "Leerverkäufe", denn eigentlich war meine Apfeltüte ja leer, ihr Besitzer hatte nämlich gar kein Interesse daran, seine Äpfel wirklich zu verkaufen.

Allerdings ist dieser Fachbegriff "Leerverkäufe" auch ziemlich verräterisch. Man hätte doch eigentlich erwarten können, dass eine solche Art von Geschäft sich einen Namen zulegt, der nach Möglichkeit verdeckt, worum es eigentlich geht. "Leerverkäufe" aber tut das nur sehr unvollkommen. Es klingt schlecht. Es klingt nach Betrug. Und außerdem lässt es zu, das "Leer" sowohl auf die Apfeltüte also auch auf die Herzen derjenigen zu beziehen, die sich solche Geschäfte ausdenken.

Mir scheint, hier hat sich die Sprache geweigert, solche Geschäfte zu decken. Na, und die Bankenaufsicht weigert sich jetzt auch.

Donnerstag, 30. Oktober

Realwirtschaft (MP3-Audio)

Das ist oft so: Wenn man einen Begriff aus der Fachsprache in die Alltagssprache holt, dann wirkt er da seltsam. Oder sogar komisch. Oder auch schon mal bedrohlich. Seit der Finanzkrise spricht man gern von der "Realwirtschaft". Das ist ein Begriff aus der Volkswirtschaftslehre, wo er, knapp gesagt, den Teil der Gesamtwirtschaft bezeichnet, der reale Güter produziert oder in Form von Dienstleistungen von volkswirtschaftlichem Nutzen ist. Der andere Teil ist, na klar, die Finanzwirtschaft.

Wandert nun dieser Begriff aus den Hörsälen und Theorieetagen ins Freie, wie dies momentan oft geschieht, dann verbreitet er schlechte Stimmung. Denn das Wort "Realwirtschaft" erinnert uns daran, dass wir bei allem Lamentieren über die Not der Finanzwirtschaft zu vergessen drohen, dass immer noch Milliarden von Menschen täglich mit der Arbeit ihrer Hände sich selbst und die Welt ernähren und dass diese Arbeit nicht nur die "reale", sondern auch die wichtigere ist.

Die Handarbeit steht am Anfang der Wertschöpfungskette, egal ob die Hand gräbt, hackt, lötet oder zeichnet. Am Ende kann dann das Produkt in Geld verwandelt und mit dem Geld gewirtschaftet werden. Hören wir jetzt "Realwirtschaft", so erinnern wir uns an diese Selbstverständlichkeit – und sind ein bisschen verdattert, dass wir sie beinahe vergessen haben.

Und dann kommt noch etwas hinzu: Was ist denn eigentlich das Pendant zur "Realwirtschaft". Nein, wie gesagt, in der Volkswirtschaftslehre ist es die Finanzwirtschaft, aber in meinem Laienkopf stellt sich ein anderes Pendant, oder besser: ein anderer Widerpart ein: die "Irrealwirtschaft". Ich wage nicht, das auszusprechen. Ich würde mich vor den Fachleuten ja lächerlich machen. Aber ich kann es auch schwerlich nicht denken: Dass nämlich die, die momentan die Weltwirtschaft in die Krise reiten, das getan haben, weil sie sich aufs Irreale verlegt haben.

Wie gesagt, das ist Unsinn. Aber ich bekomme es nicht aus dem Kopf.


Freitag, 31. Oktober

Glaubenskrise (MP3-Audio)

Wirtschaft beruht auf Vertrauen. Natürlich! Stellen Sie sich vor, wir würden das Vertrauen zu unserem Bäcker verlieren und jedes Brot zuerst in ein Untersuchungslabor tragen, bevor wir davon essen. Jeden Joghurt und jeden Schokoriegel auch. Und das Benzin an der Tankstelle würden wir erst prüfen lassen, bevor wir es in den Tank schütten. Nein, so kann man nicht leben. Wir müssen stündlich wahre Unmengen von Vertrauen investieren, sonst kollabiert nicht nur unser Gefühls- sondern auch unser ökonomischer Haushalt.

Um Vertrauen, bzw. um fehlendes Vertrauen geht es auch in der momentanen Finanzkrise, etwa wenn die Banken einander kein Geld mehr leihen. Doch warum ist in diesem Zusammenhang so oft von "Glaubenskrise" die Rede? Ist das eine von den vielen Gedankenlosigkeiten des Alltagssprechens, oder steckt mehr dahinter?

Ich für mein Teil ahne ja immer das Schlimmste. Und in diesem Falle fürchte ich, dass wirklich eine Glaubenskrise ausgebrochen ist. Weil wir nämlich zuvor geglaubt haben, wo wir vielleicht bloß hätten vertrauen sollen. Geglaubt haben wir, so fürchte ich, an die wundersame Vermehrung des Geldes – so wie an eine wundersame Vermehrung von Brot und Wein.

Dabei ist der Kapitalismus doch eigentlich durch und durch rational. Jedenfalls ist er verglichen mit seinem früheren Widerpart, dem Kommunismus, ein staubtrockenes Zweckdenken. Doch in den letzten Jahren hat er offenbar seine quasi-religiösen Seiten ausgeprägt, vielleicht hat er ja auch den spirituellen Überschuss des dahingeschiedenen Kommunismus geerbt. Die Banken als Kirchen der Gegenwart? Die Banker als Priester, und die Kleinaktionäre als Glaubensvolk?

Sollte es so gewesen sein, dann erfahren wir jetzt ziemlich schmerzlich, dass es wohl voreilig war, ein Wirtschaftssystem in den Rang einer Religion zu versetzen. Und wir sind nicht nur geknickt und enttäuscht wegen unserer wertlosen Aktienpakete. Wir gucken auch regelrecht gottverlassen aus der Wäsche.

Samstag, 1. November

Produktive Zerstörung (MP3-Audio)

In einem Zeitungskommentar zu Art und Ursache der momentanen Finanzkrise schreibt ein leitender Wirtschaftsjournalist das Folgende: Alles was wir jetzt erleben sei, so der Originalton, möglicherweise eine "weitere Innovationskrise in der langen Kette von kreativen Zerstörungen [...], die unser Wirtschaftssystem am Ende gestärkt und nicht geschwächt haben." Ende des Zitates.

Ich vermute, der leitende Wirtschaftsjournalist wollte seine Leser ein bisschen trösten. Alles nicht so schlimm. Hatten wir schon mal. Bringt uns nicht um, macht uns nur härter. Wie sagte meine Mutter, wenn ich mir beim Basteln in den Finger schnitt: "Das war dummes Fleisch, das musste sowieso weg."

Aber gut gemeint kann auch schwer daneben sein. Denn während er seine Leser tröstet, bemerkt der leitende Wirtschaftsjournalist leider nicht die zarte Infamie seiner Worte. Denn Menschen verlieren jetzt ihr Geld und ihre Arbeitsplätze. Weltweit wird womöglich die Armut steigen. Und wie klingt es dann, wenn ein Fachmann das Geschehen von einem Thron des Sich-Auskennens herab eine Art "ökonomischen Darwinismus" nennt, bei dem zugunsten der Stärkung des Systems mal eben ein paar Millionen Existenzen vernichtet werden? Ich finde, das klingt miserabel.

"Kreative Zerstörungen" erinnert mich an Satz, nach dem der Krieg der "Vater aller Dinge" sei. Das mag vielleicht stimmen, aber vielleicht stimmt es auch nur, weil man es sagt. Und vielleicht, ja hoffentlich erholt sich unsere Finanzbranche tatsächlich von der jetzigen Krise und zieht ihre Lehren daraus.

Aber was hat die Mehrheit der Menschheit dann davon. "Kreative Zerstörungen": So klingt der Tonfall der Minderheit, die am Ende wohl tatsächlich gestärkt aus der Krise hervorgehen werden. Es ist der Tonfall eines Denkens, das dort herrscht, wo der Kontakt zu Leben und Arbeit verloren gegangen ist. Ein solches Zitat öffnet mir einen Einblick ins Herz der Krise. Und wahrlich, es sieht nicht gut aus in diesem Herzen.


Hinweis: Die Audios stehen bis Ende März 2009 zum Nachhören bereit.