Seit 14:05 Uhr Rang 1
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:05 Uhr Rang 1
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.12.2009

Spiel der Erniedrigung

Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Schauspiel Frankfurt

Rezensiert von Natascha Pflaumbaum

Der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth. (AP Archiv)
Der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth. (AP Archiv)

Die Zeiten wiederholen sich: Es ist also nicht so unpassend, Ödon von Horvaths Theaterstück "Geschichten aus dem Wiener Wald" gerade jetzt zu spielen. Denn Ödon von Horvath zeigt in diesem Stück, das er Ende der 20er-Jahre zu Zeiten der Weltwirtschaftkrise schrieb, eine Gesellschaft, die von Arbeitslosigkeit und Untergangsstimmung gezeichnet war. Nun hatte das Stück am Schauspiel Frankfurt in der Inszenierung von Günter Krämer Premiere.

Wenn mitten im Stück Marianne im perlmuttfarbenen Meerjungfrau-Kostüm, der Oberkörper nackt, allein die Brustwarzen mit Muscheln beklebt, vom Schnürboden des Schauspiels Frankfurt auf die Bühne herabschwebt, ist das der Höhepunkt in Günter Krämers Inszenierung der "Geschichten aus dem Wiener Wald". Der Showdown einer Dirne vor kompletter Familie.

Die sadistischen Demütigungen, Verletzungen, Beleidigungen, denen Claude de Demo als Marianne bislang nur "subkutan" ausgesetzt war, treffen sie nun mit voller Wucht: Ihr Vater sagt sich von ihr los, ihr Kind wird ermordet, die letzten Freunde verraten sie, sie muss ins Gefängnis. Und wenn also Marianne - durch ihr Kostüm geknebelt – nun ihrem zynischen Vater, Wolfgang Michael spielt ihn bitter seelenverwahrlost, auf Knien um Liebe flehend entgegenrutscht, spuckt er ihr nur verächtlich ins Gesicht.

Günter Krämer zeigt in seiner Frankfurter Inszenierung eine Gesellschaft, die sich selbst nur mit Beleidigungen, Verletzungen, Täuschungen, Verblendung am Leben hält. Die Männer sind Sadisten, die Frauen Masochisten, allesamt aber Täter, die mal Opfer waren – nur die Großmutter nicht, die über volle drei Stunden in schwarzer Tracht am Bühnenrand sitzt. Sie ist der sadistische Motor in diesem Spiel der Erniedrigung, darum ein Mann – gespielt von Michael Abendroth.

Der Regisseur baut dazu einen fast leeren großen Bühnenraum als Abbild der kollektiven Seele dieser Leute, bedeckt den Boden komplett mit welkem Herbstlaub, dazu tiefblaues Licht für Himmel und Donau, warm orangefarbenes für die Sonne. Bühnennebel. Ein Männerchor links und rechts. Sonst nichts.

Alles liegt also in der Hand der Schauspieler, die meist vorn an der Bühnenrampe spielen. Krämer hat verschiedene Typen der Erniedrigung gezeichnet. Mitläufer wie die Trafikantin und die Mutter Alfreds, Egozentriker wie Alfred, aggressive Sublimierer wie Oskar, die Großmutter als Despot und einen Quäler wie Mariannes Vater, den Zauberkönig. Hochmut und Kränkung haben eben viele Facetten. Die Größe und Eindringlichkeit dieser beklemmenden Inszenierung geht auf das Konto aller Schauspieler dieses Abends – auch wenn Wolfgang Michael und die seelische Degeneration seiner Vaterfigur die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Günter Krämer legt mit wenigen Mitteln und eindeutigen Zeichen die Depression einer Gesellschaft frei. Das Unheimliche daran: Es könnte tatsächlich eine Zustandsbeschreibung von heute sein.

Geschichten aus dem Wienerwald
Von Ödon von Horvath

Premiere am Schauspiel Frankfurt
Regie und Bühne: Günter Krämer
Kostüme: Falk Bauer
Musik: Frank Rosenberger
Dramaturgie: Andreas Erdmann
Besetzung:
Isaak Dentler (Alfred)
Josefin Platt (Mutter)
Michael Abendroth (Großmutter)
Marc Oliver Schulze (Hierlinger)
Constanze Becker (Valerie)
Sascha Nathan (Oskar)
Maren Schwartz (Ida)
Niuscha Etemadi (Emma)
Simon Zigah (Havlitschek)
Michael Benthin (Rittmeister)
Claude De Demo (Marianne)
Wolfgang Michael (Zauberkönig)
Oliver Kraushaar (Erich)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsWoody Allens Amazon-Debüt erntet Verrisse
Woody Allen als Schriftsteller Sidney J. Munsinger in seiner Amazon-Serie "Crisis in Six Scenes". (Amazon Studios 2016)

Woody Allens Sitcom "Crisis in Six Scenes" sei die erste Fernsehserie "nur für Senioren", urteilt Verena Lueken in ihrem Verriss für die FAZ. "Vorwärtsschleichend im Bewegungstempo eines Gletschers. Voller Witze mit langem Anlauf, Witzen auch, in denen Hörgeräte, Ersatzhüften, schlechte Augen und Vergesslichkeit weiten Raum einnehmen." Mehr

weitere Beiträge

Fazit

MusiktheaterWarum Stuttgart das "Opernhaus des Jahres" hat
Stuttgarter Opernhaus in der Abenddämmerung (dpa/picture alliance/Bernd Weißbrod)

Das "Opernhaus des Jahres" steht in Stuttgart. Das ergab die Umfrage der Zeitschrift "Opernwelt" unter 50 Kritikern aus Europa und den USA. Was Stuttgarts Musiktheater unter dem Intendanten Jossi Wieler auszeichnet, erläutert unser Musikkritiker Jörn Florian Fuchs.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur