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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.09.2015

Soziologie-KlassikerVon der Notwendigkeit des Widerspruchs

Von Florian Felix Weyh

Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften (picture alliance/dpa/Sergey Dolzhenko)
Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Kiew (picture alliance/dpa/Sergey Dolzhenko)

Sorgt Konkurrenz für bessere Produkte? Brauchen Staaten den Widerstand der Bevölkerung, um überleben zu können? Das Buch "Abwanderung und Widerspruch" des Soziologen Albert Otto Hirschman gibt überraschende Antworten auf die Ursachen von gesellschaftlichen Schieflagen.

"Dieses Buch ist nicht das Ergebnis eines vorgefassten Planes",

beginnt 1970 ein schmales Bändchen des Soziologen Albert Otto Hirschman.

"Es hat seinen Ursprung in einer Beobachtung über die Eisenbahnen in Nigerien."

Dort nämlich wies die Bahn eine beklagenswerte Ineffizienz auf – selbst in jenen Bereichen, in denen sie eigentlich unschlagbar sein sollte, beim Massengut Erdnüsse etwa. Statt dieses auf die Schiene zu geben, ließen es die Farmer lieber 1.200 Kilometer über Holperpisten zum nächsten Hafen transportieren, sobald es genügend LKWs im Lande gab. Die Konkurrenz der Straße zwang die Eisenbahn mitnichten zur Konkurrenzfähigkeit. Im Gegenteil: Ihre Leistungen verschlechterten sich immer weiter. Als Erklärung schlug Hirschmann das Prinzip "Abwanderung und Widerspruch" vor: Alle kritischen Kunden wanderten ab. Somit gab es innerhalb der trägen staatlichen Institution Eisenbahn keinen Widerspruch mehr, der als Rückkoppelungsmechanismus für Veränderungen gesorgt hätte.

Albert O. Hirschman: "Abwanderung und Widerspruch" (Verlag Mohr Siebeck)Albert O. Hirschman: "Abwanderung und Widerspruch" (Verlag Mohr Siebeck)"Ich war auf eine Möglichkeit der Analyse bestimmter wirtschaftlicher Vorgänge gestoßen, die einen weiten Bereich sozialer, politischer, ja sogar moralischer Phänomene zu erhellen versprach."

Bis hin zur individuellen Problematik von Eheberatung versus Scheidung. Wann wählen Menschen die Abwanderung, wann bringen sie Kraft zum Widerspruch auf? Was sagt die Verteilung von Abwanderung und Widerspruch über eine Gesellschaft aus? Und wie verändert es die Chancen dieser Gesellschaft, mit Schieflagen, Problemen und Qualitätsverlusten zurechtzukommen, wenn das Pendel zur einen oder der anderen Seite ausschlägt? Im Klassiker von 1970 werden zunächst wirtschaftliche Vorgänge betrachtet, doch die Politik lugt um jede Ecke. Verändert etwa die Wahlmöglichkeit, sein Kind auf eine Privatschule schicken zu können, die Qualität der staatlichen Schulen? 

"Widerspruch ist seinem Wesen nach eine Kunst"

"Diese Abwanderung wird vielleicht einen gewissen Impuls zu einer Verbesserung der öffentlichen Schulen auslösen; aber wiederum ist hier dieser Impuls bei Weitem weniger bedeutsam als der Verlust, den die öffentlichen Schulen durch den Abgang jener Mitglieder beziehungsweise Kunden erleiden, die die stärksten Motive und die größte Entschlossenheit zum Kampf gegen die Leistungsverschlechterung haben würden."

Nämlich die gebildeten und begüterten Eltern. Wenn diejenigen, die eigentlich durch ihren Intellekt und ihre kommunikative Übung für Widerspruch prädestiniert sind, eine Abwanderung vorziehen, verliert die Gesellschaft insgesamt an Qualität. Denn Widerspruch ist

"… seinem Wesen nach eine Kunst."

Sie kostet Überwindung und verlangt Übung. Wenn in einem Konsumenten-Massenmarkt mit vielen Anbietern die Abwanderung leicht fällt und billiger als jeder Widerspruch ist, kann das.

"… eine Tendenz zur Atrophie der Entwicklung der Kunst des Widerspruchs mit sich bringen."

Ohne Widerspruch verkommen die politische Organisationen

In Wirtschaftssystemen muss das keine Katastrophe sein, existieren dort doch mannigfaltige Alternativen. Wo eine Firma zugrunde geht, entsteht eine andere. In der Politik jedoch ist das generell kritisch, denn:

"Widerspruch ist politisches Handeln par excellence."

Wo er unterbunden wird, verkommt die politische Organisation – ob Partei oder Staat – und erleidet durch Qualitätsverschlechterung oder massenhafte Abwanderung den Kollaps. Neunzehn Jahre nach Veröffentlichung des wegweisenden Buches bestätigte die Wirklichkeit Albert O. Hirschmans Analyse in großem Maßstab: Die Massenflucht aus der DDR und die sich anschließende Selbstauflösung der politischen Organisation verlief fast lehrbuchmäßig. In seiner intellektuellen Autobiographie "Selbstbefragung und Erkenntnis" beschrieb der deutschstämmige Soziologe den Vorgang so:

"Der Bau der Mauer beschränkte nicht allein die Abwanderung, sondern ließ eine erhöhte Bereitschaft erkennen, Widerspruch zu unterdrücken. Unter diesen Bedingungen fand die Zunahme von Widerspruch, die man normalerweise erwarten sollte, nicht statt, ja sie konnte nicht stattfinden. Die gleichzeitige Unterdrückung von Abwanderung und Widerspruch im Jahr 1961 sollte achtundzwanzig Jahre später ihr Gegenstück finden, als Abwanderung und Widerspruch gemeinsam explodierten und das ganze Staatsgebäude der DDR zusammenfallen ließen."

Albert O. Hirschman: Abwanderung und Widerspruch
Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2015
130 Seiten, 29,00 Euro

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