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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.08.2013

Soziologe: Alle Parteien leiden unter "Zukunftsvergessenheit"

Harald Welzer plädiert für politisch artikuliertes Nicht-Wählen

Moderation: Marietta Schwarz

Prof. Harald Welzer ist erklärter Nicht-Wähler. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Prof. Harald Welzer ist erklärter Nicht-Wähler. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Wenn man seine Gründe für das Nicht-Wählen öffentlich artikuliere, sei das durchaus ein Zeichen für eine "sehr vitale Demokratie", sagt der Soziologieprofessor Harald Welzer. Er warf allen Parteien "Zukunftsvergessenheit" vor. Wichtige ökologische oder finanzpolitische Fragestellungen würden nicht thematisiert.

Marietta Schwarz: Der bislang schlappe Wahlkampf findet auch beim Wähler seinen Widerpart: Viele fragen sich, was sie wählen sollen, andere, ob sie überhaupt zur Urne gehen – das Nichtwählen ist inzwischen nicht mehr ganz so verpönt, wie es noch vor Jahrzehnten war, das belegt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, und vor allem unter Jüngeren und Intellektuellen verbreitet. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte der Soziologe Harald Welzer im Spiegel ein Essay, in dem er den Wahlakt als masochistisches Exerzitium beschreibt und begründet, warum er nicht mehr wählen geht. Heute ist er zu Gast im Studio, guten Tag und herzlich willkommen, Herr Welzer!

Harald Welzer: Guten Tag!

Schwarz: An Ihrer Ansicht hat sich in den letzten Monaten nichts verändert?

Welzer: Nein, dazu habe ich auch keinen Anlass gehabt, was ich aber interessant finde, ist, dass doch jetzt gegenwärtig tatsächlich eine Diskussion über den Sinn des Wählens geführt wird, und da natürlich auch über die Möglichkeit, nicht wählen, ist das dann schon gleich demokratiefeindlich, Verletzung von Bürgerpflicht und so, und ich finde diese Diskussion schon mal rein für die Demokratie sehr wichtig.

Schwarz: Aber nicht Wählen ist ja schon die schwächste Form des Widerstandes. Sie könnten wenigstens eine Facebook-Gruppe gründen oder sich mit einem Schild auf die Straße stellen.

Welzer: Ja, das tue ich ja auch – natürlich keine Facebook-Gruppe gründen und auch nicht mich mit einem Schild hinstellen, sondern ich schreibe halt diesen Essay. Das heißt, ich äußere mich politisch, und ich habe in dem Essay auch geschrieben, dass Nichtwählen als reine … wir gehen da lieber Fahrradfahren oder so was natürlich keine politisch angemessene Haltung ist, sondern ich sage, wenn man sich dazu entscheidet, nicht zu wählen, dann sollte man versuchen, eine Form zu finden, darüber auch zu sprechen, das heißt, das zu artikulieren und auch zu begründen, warum man nicht wählt. Erst dann finde ich es akzeptabel, ja. Und übrigens, da ist ja auch genau der Unterschied, was die Studien jetzt zum Wählerverhalten und Nichtwählerverhalten rausarbeiten, dass es einerseits natürlich die Gruppen gibt, die sich wirklich eigentlich vom Land verabschiedet haben, sich abgehängt fühlen, deshalb nicht zur Wahl gehen oder schlicht sich nicht interessieren, aber doch auch jeweils ein hoher Prozentsatz von Leuten, die ganz bewusst sagen, ich bin ein politisch denkender Mensch und treffe daher die Entscheidung, diesen Parteien, diesem Angebot meine Stimme nicht zu geben. So, und wenn man das noch öffentlich artikuliert, finde ich, haben wir eine sehr vitale Demokratie.

Schwarz: Aber dann geht es doch eigentlich nur um den öffentlichen Diskurs, und nicht darum, dass die Wahlbeteiligung immer geringer wird. Was würde das denn ändern?

Welzer: Dass man darüber spricht, was politische Inhalte sind, worum sich Parteien im Jahr 2013 kümmern sollten, dass es nicht hinreichend ist, die Fragen und vorgeblichen Antworten des 20. Jahrhunderts auf die Herausforderungen des 21. zu geben, dass man auch vielleicht nicht tut, als habe man auf alles das, dass was sich in den letzten Jahrzehnten verschoben hat, sowohl im ökologischen Bereich als auch im nationalstaatlichen Bereich, als auch im Finanzbereich oder so was, dass diese Themen doch bitte wenigstens vorkommen, und das steht …

Schwarz: Aber sie kommen vor.

Welzer: Wo kommen sie vor?

Schwarz: Mindestlöhne, Familienpolitik, Betreuung, Verschuldung, Energiewende, Alten-, Krankenversicherung, Pflege – das sind doch die großen Themen, denen sich eine, sage ich jetzt mal, satte, älter werdende Gesellschaft wie unsere stellt. Und auch …

Welzer: Ja, Sie beschreiben es eigentlich sehr schön mit der satten, älter werdenden Gesellschaft. Was zum Beispiel nicht vorkommt, ist das große Thema der Generationenungerechtigkeit.

Schwarz: Bei den Grünen im Wahlprogramm wohl.

Welzer: Da kommt das mal als Begriff vor, aber nicht in der Dimension. Wir haben es ja mit einer Situation zu tun, wo wir eine doppelte Generationenungerechtigkeit haben, einerseits auf der finanziellen Ebene, die Staatsverschuldungsproblematik wird gewissermaßen durchgereicht, aber noch viel gravierender auf der ökologischen Ebene, weil alle Probleme, für die gegenwärtig keine Lösungen vorliegen, vom Klimawandel über Ressourcenproblematik, Überfischung et cetera, das ganze Spektrum, es eigentlich keine ernsthafte Debatte gibt. Es gibt eine Debatte über die Energiewende, und die wird auch gerne geführt, weil man suggeriert, wir haben technische Lösungen, wir brauchen an unseren Lebensstilen, wir brauchen an unserer schwachsinnigen Wachstumswirtschaft überhaupt nichts zu verändern, sondern wir können die Party weitermachen, und das ist Generationenvergessenheit. Und das finde ich ein Thema, was für einen, für die Zukunft einer Gesellschaft, einer demokratischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert von zentraler Bedeutung ist.

Schwarz: Man könnte auch andersherum sagen, bei der Energiewende, da sind wir bei der Debatte, die haben wir schon hinter uns, die wird seit 30 Jahren geführt, und wir sind bereits an der Umsetzung, es geht jetzt schon um Netze, zum Beispiel.

Welzer: Ja, aber es geht – Sie werden auch mit der Energiewende nicht automatisch eine zukunftsfähige, generationengerechte Gesellschaft haben. Die Energiewende ist schön und gut in einem Rahmen einer anderen gesellschaftlichen Praxis, die zum Beispiel sich Gedanken darüber macht, was kommt eigentlich nach dem Wachstum. Wie können wir eigentlich gesellschaftliche Standards realisieren in einer Gesellschaft, die kein Wirtschaftswachstum mehr produziert, was eine notwendige Frage ist, sich damit auseinanderzusetzen, ob man das möchte oder nicht. Das wird einfach so sein, hat übrigens schon Ludwig Erhardt gesagt, das ist schon 50 Jahre her, ja - also solche Fragestellungen – wir haben eine große Tendenz, gravierende Zukunftsfragen auf einem Macherebene zu verschieben, deshalb findet man es auch so attraktiv, ja: Ach so, wir kriegen ein Problem mit Klimawandel und Autos – ach, erfinden wir Elektroautos, toll. Wir haben ein Problem mit Ressourcen allgemein – oh, schick, machen wir eine Energiewende. Damit …

Schwarz: Das ist doch gut.

Welzer: Ist auch gut, aber ist nur gut im Kontext einer veränderten Form von Wirtschaft und auch kultureller und persönlicher Lebenspraxis. Sie können in einer Hyperkonsumgesellschaft so viel Energiewende machen, wie Sie wollen, Sie ändern nichts an den Problemen, dass solche Gesellschaften nicht zukunftsfähig sind, weil sie einfach zu viel verbrauchen.

Schwarz: Bei den Grünen wird ja diese Diskussion um Wachstum geführt, gerade während der Finanzkrise intensivst geführt, bei Teilen der Grünen, und mir fällt noch eine andere Partei ein, die natürlich eigentlich genau das tut, wovon Sie reden, die Linke.

Welzer: Die Linke ist hinsichtlich ihrer Gesellschaftsvorstellung extrem rückwärts gewandt. Also die Inhalte, die sie haben, sind letztlich die Inhalte der sozialen Frage, das ist auch in der Tat eine zentrale Frage im 19. und 20. Jahrhundert gewesen, ich glaube aber, in entwickelten Gesellschaften, insbesondere in so reichen wie unserer, nicht die Frage, an der sich alles aufhängen lässt. Es geht mir aber jetzt auch gar nicht darum, die Parteiprogramme durchzuscannen und zu sagen, welches Wort taucht wo auf, sondern mir geht es um die Nichtthematisierung von Fragestellungen, die unsere Zukunft betreffen. Um es noch pointierter zu sagen: Mir geht es um die Zukunftsvergessenheit, die ich bei allen etablierten Parteien sehe. Und um auch das Missverständnis gar nicht erst aufkommen zu lassen: Mir geht es nicht um die Erfindung einer neuen Partei, sondern mir geht es um – und das gehört zur Demokratie – den Hinweis dessen, worum sich Parteien im 21. Jahrhundert zu bekümmern hätten, damit man ernsthafter erwägen kann, sie zu wählen, weil die Themen, die einen umtreiben, dort aufgehoben sind.

Schwarz: Harald Welzer, herzlichen Dank für das Gespräch!

Welzer: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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