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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.02.2010

Soziogramm der Familie Scholl und ihrer Freunde

Barbara Beuys: "Sophie Scholl", Hanser-Verlag, München 2010, 493 Seiten

Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.) von der Münchner Widerstandsbewegung "Weiße Rose" (AP Archiv)
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.) von der Münchner Widerstandsbewegung "Weiße Rose" (AP Archiv)

"Die hat Flugblätter gegen Hitler verteilt und ist von den Nazis hingerichtet worden" - Geschichtslehrer sind froh, wenn Schüler wenigstens dies über Sophie Scholl wissen. Welche Menschen, Ereignisse und Erfahrungen aber prägten die jugendliche Widerstands-Ikone in den 23 Jahren vor ihrem Tod?

Darauf gab ihre ältere Schwester, Inge Aicher-Scholl, im Millionen-Bestseller "Die Weiße Rose" 1952 eine Antwort, die von ungezählten Forschungsprojekten und Jugendbüchern, ja selbst vom Kinofilm "Sophie Scholl", stets untermauert und kaum hinterfragt wurde.

Erst seit 2005 aber sind alle Dokumente aus dem Nachlass der Familie Scholl zugänglich und Barbara Beuys - renommierte Biografin der Hildegard von Bingen, Annette von Droste-Hülshoff, Paula Modersohn-Becker - wollte "den lebendigen Menschen Sophie Scholl hinter dem Denkmal zum Vorschein zu bringen." Gelingt ihr das? Ja.

Ganz ohne Enthüllungspathos erzählt Barbara Beuys, dass es einen unehelichen Stiefbruder Ernst Grueler gab, dass Vater Robert Scholl aus dem Bürgermeisteramt in Forchtenberg weggemobbt wurde, dass die kurzzeitige Inhaftierung von Hans, Inge und Werner Scholl 1937 keineswegs ein "politischer Wendepunkt" für die engagierte BDM-Führerin Sophie Scholl war, dass sie ihren romantischen Liebhaber Fritz Hartnagel jahrelang anlockte und wegstieß wie einen Jo-Jo-Ball, dass sie sich in der immer inniger werdenden Frömmigkeit ihrer Geschwister "einsam unter den Bekehrten" fühlte und dass sie schließlich doch zu ihrem "fernen Gott" fand, als mit "Wurschtigkeit und kalten Duschen" nichts mehr zu machen war, sondern nur noch mit "hartem Geist und weichem Herzen".

Behutsam interpretiert und deutet Barbara Beuys die neu erschlossenen Briefe und Belege, frei von jeglichem "Es war alles ganz anders"-Alarm. Akribisch zeichnet sie ein komplexes, hochspannendes Soziogramm der Familie Scholl und ihrer Freunde. Genussvoll wird das leider erst ab Seite 140, denn: Sophie Scholl schreibt Tagebuch ab Mai 1937, und "das ist, als ob eine Person, die 15 Jahre abwesend war, das Zimmer betritt. Schnörkellos, geradeaus, mit Witz und provokanter Ironie", schreibt Barbara Beuys. Zwölf vorherige Kapitel lang konnte sie immer nur Inge Scholl zitieren, die ältere Schwester. Ein für den Leser arg verwirrendes Schwestern-Gezappe.

Befremdlich auch, wie positiv Otto "Otl" Aicher wegkommt. Ein radikalreligiöser 17-Jähriger, der vollmundig Thomas von Aquin und Augustinus deklamiert, die protestantische Familie Scholl hartnäckig zur einzig wahren katholischen Kirche bekehren will (was ihm bei Inge vollends, bei Sophie und Hans nur halbwegs gelingt), der am Telefon ein wichtiges warnendes Code-Wort verschweigt und nach der Hinrichtung der Geschwister am 22.Februar 1943 vor allem wissen will, ob sie noch zum Katholizismus konvertiert seien.

Aber Barbara Beuys wertet eben nicht, sondern sie erzählt. Von Sophies Liebe zur Natur, von ihrem Talent zum Zeichnen, von ihrer erstaunlichen Gewissens- und Charakterbildung, ihrem sich rasant wandelnden Wertekanon.

"Sophie Scholls Weg von der Führerin in der Hitlerjugend zur Gegnerin des Nationalsozialismus ist länger, widersprüchlicher und differenzierter als bisher bekannt" verspricht der Klappentext. Ihr Weg von der braven Konfirmandin im Braunhemd zur intellektuellen christlichen Märtyrerin auch. Beide Versprechen löst dieses Buch ein.

Barbara Beuys ist 67, studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie, arbeitete für die "Zeit" und den "Stern", hat ein Dutzend erfolgreiche Sachbücher zu historischen Themen geschrieben und wurde als Biografin bekannt durch ihre im renommierten Hanser-Verlag erschienenen Frauenporträts "Blamieren mag ich mich nicht : Annette von Droste-Hülshoff", "Denn ich bin krank vor Liebe: Hildegard von Bingen", "Wenn die Kunst das Leben ist: Paula Modersohn-Becker" und jetzt, im Februar 2010, "Sophie Scholl. Biografie".

Besprochen von Andreas Malessa

Barbara Beuys : Sophie Scholl. Biografie
Hanser-Verlag, München 2010
493 Seiten, 24,90 Euro

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