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Tonart | Beitrag vom 18.08.2015

"Sound of the Cities"Auf die Klänge aus Bristol war die Welt nicht vorbereitet

Von Philipp Krohn

Die britische Trip-Hop-Band Massive Attack beim Konzert auf dem Sonar Music Festival in Barcelona 2014. (picture alliance / dpa / Marta Perez)
Die britische Trip-Hop-Band Massive Attack beim Konzert auf dem Sonar Music Festival in Barcelona 2014. (picture alliance / dpa / Marta Perez)

In den frühen 90er-Jahren war das einmal ein globales Markenzeichen: Der Sound von Bristol. Langsame Hip-Hop-Beats, dubbige Basstropfen und Streicher aus Film-Soundtracks - Trip-Hop wurde schnell ein eigenes Genre.

Auf so etwas wie den "Sound of Bristol" war die Welt nicht vorbereitet. Bevor Massive Attack, Portishead und Tricky zu weltweiten Stars des Trip Hop wurden, waren die 90er-Jahre von Gitarren à la Nirvana, Technobeats wie von KLF und dem Gangsta-Rap aus Los Angeles geprägt.

Plötzlich tauchen in den Song-Credits längst vergessene Komponisten wie Lalo Schifrin auf. Portisheads Album "Dummy" ist eines der innovativsten und gleichzeitig erfolgreichsten Alben der 90er. Beim wundervollen Plattenladen "Rise Music" in Bristols Innenstadt ziert es das Schaufenster.

James Hankins: "Dieses Album ist ein Meilenstein für Bristol."

...erklärt James Hankins, ein Mittdreißiger, der bei "Rise Music" arbeitet und Bristols Musikszene gut kennt.

"Es gab Portishead und Massive Attack, Tricky und Roni Size – all diese Dinge aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern. Für diese Künstler ist Bristol bekannt, obwohl auch heute noch eine Menge Gutes von hier kommt."

Mit den Trip-Hop-Künstlern, aber auch den Drum 'n' Bass-Pionieren um Roni Size hat sich ein ganz anderes Rollenvorbild als der Gitarre spielende und singende Frontman durchgesetzt. Bristol ist eine der Städte, von denen aus die elektronische Musik ihren Siegeszug um die Welt angetreten hat. Doch der Sound of Bristol kam keineswegs aus heiterem Himmel.

Schon in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren mischten Bands wie Pigbag oder The Pop Group Punk, Jazz und Funk und definierten damit einen ganz neuen Sound.

Mark Stewart: "Ich wollte etwas hören, das es noch nicht gab. Immer wieder habe ich punkigen Gesang und wirklich harte Reggae-Bassläufe gehört. Der Schmutz und die Kraft davon mit einem Reggae-Basslauf, der so kraftvoll wie bei Black Sabbath gespielt wird."

Reggae vermischt mit schmutzigen Punk-Sound

Mark Stewart gehörte mit seiner Band "The Pop Group" zu den ersten Musikern, die im auf eigene Faust Platten aufnahmen und im nationalen BBC-Radio auftraten. In Stewarts Musik vermischt sich die Reggae-Tradition der von westindischen Einflüssen geprägten Stadt mit dem schmutzigen Punk-Sound, der von London und Manchester in den Westen des Landes herüberschwappt.

Der Stadtteil St. Pauls erlebt die ersten englischen Straßenkämpfe in den frühen Achtzigern. Im Black and White Café treffen sich die experimentellen Künstler und hören basslastige Musik. Ethnische Zugehörigkeit spielt in dieser Musikszene keine Rolle. Stewart bringt aus New York die ersten Hip-Hop-Platten mit nach Bristol. Die Mitglieder des Wild-Bunch-Kollektivs legen solche Musik bei ihren DJ-Sets auf. Im Dug Out Club mischen sie sich mit Graffiti-Künstlern. Aus dieser Crew entsteht Massive Attack. Neneh Cherry hat hier ihre erste Band "Rip, Rig and Panic".

Gleichzeitig entsteht eine aufregende Indiepop-Szene um die "Blue Aeroplanes" und "The Flatmates". Independent-Labels gründen sich. Mark Stewart von "The Pop Group" hat allen den Glauben gegeben, dass man von der Universitätsstadt aus der Peripherie ins Zentrum rücken kann.

Stewart: "Ich habe Riesenrespekt vor Leuten, die sich trauen, anders zu sein. Man kann Mutationen von Tricky zu Roni Size zu DJ Die, Kahn und Echoplex erkennen. Bands von außerhalb Bristols haben den Bristol Sound kopiert und versuchten das zu Geld zu machen. Produzenten und so. In Bristol wurden sie ausgelacht."

Im Plattenladen "Rise Music" kann man der heutigen Szene der Stadt nachspüren. Junge Künstler wie Oliver Wilde arbeiten hier und gehen ihrer Lust auf sperrigen Pop nach.

James Hankins: "Heute ist Bristol ein freundlicher Ort, um Musik zu machen. Jeder ist bereit, anderen zu helfen. In London oder anderswo gibt es das nicht, weil jeder zu fokussiert ist. Es gibt viele Bands, die zusammenarbeiten und Mitglieder tauschen, andere Bands produzieren oder Studiozeit teilen. Das ist wirklich großartig."

Bristol steht nicht auf einer Stufe mit den britischen Metropolen. Aber es hat eine eigenständige und sympathisch abseitige Musikkultur hervorgebracht. Manchmal stößt sie sogar weltweit Dinge an wie mit Trip Hop und Drum 'n' Bass.

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