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Forschung und Gesellschaft / Archiv | Beitrag vom 20.09.2012

Sound of silence

E-Autos sind leiser als Autos mit Verbrennungsmotor - doch sie können leicht überhört werden

Von Moritz Metz

Ladekabel an einem Opel Ampera
Ladekabel an einem Opel Ampera (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)

Etwa 1.500 Elektroautos wurden im ersten Halbjahr 2012 in Deutschland zugelassen. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straßen zu bringen, liegt noch weiter Ferne. Saubere und zugleich viel leisere Autos bergen aber auch Gefahren.

"Der hört sich doch geil an. Der hört sich doch schön an."

Was Fahrlehrer René Paschke hier testet, ist kein Sportwagen, es ist ein Spielzeug. Der "Soundracer" verleiht jedem Auto die Klangwelt eines Ferraris. Einfach in den Zigarettenanzünder gesteckt und im Autoradio kommen falsche Motorklänge.

"Ick mach mal bisschen lauter, Moment. Ick wees nicht ob die Frequenzen jut sind fürde Lautsprecher, aber ok."

Der Verbrennungsmotor? Ein Auslaufmodell. Das Konzept der falschen Motorklänge? Es bleibt uns wohl noch länger.

"Also jetzt ist die Maschine an."

Wenn man erstmalig ein Elektrofahrzeug fährt ist man ja auch erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit das loslegt. Und erst dann, man muss da wirklich lernen das Fahrzeug ganz anders wahrzunehmen, man muss sozusagen seinen ganzen Sinnesapparat neu mobilisieren, um damit richtig umzugehen zu können.

"Seit Jahrzehnten sind gerade auch wir Akustiker gewohnt, dass das Fahren mit einem Geräusch verbunden ist."

"Das fühlt sich an wie die Zukunft. Das fühlt sich an wie wenn ich gerade in meinen Gleiter gestiegen wäre. Vom Fahrgefühl finde ich es total super. Es hat nichts damit zu tun mit ich steig in meinen krassen Sportwagen und der macht MHRADHRHAD. Es ist eine viel zukunftsweisendere Art von … Angeberei."

"Verbrennungsmotoren haben eine Lautstärke, haben eine ja auch Potenz und Reichtum und Männlichkeit signalisierender Dynamik des wirklich Verbrennens von Brennstoffen, die nun mal beim Elektromotor nicht vorkommt. Das heißt diese gesellschaftlich-auditive Veränderung, die da angelegt wäre, die würden wir gewissermaßen durch diese Klanggestaltung einfach überdecken."

"Es ist ja ein ziemlich großer Paradigmenwechsel, der hier stattfindet. Nach 125 Jahren Automobilgeschichte ist es auf einmal ein ziemlich großer Sprung. Im Augenblick wissen wir noch nicht: Was ist eigentlich der Klang der Zukunft?"

Von der Pferdekutsche bis zum Mofa, von der Dampflokomotive bis zum Düsenjet: Geräusche waren immer immanenter Bestandteil von Fortbewegung. Verkehrslärm prägt unsere Städte, unsere Landschaften und erhöht den Blutdruck, er lässt das Herz schneller schlagen und den Körper Stresshormone produzieren. Schlaflosigkeit und Tinnitus sind die Folgen.

Vier von fünf Menschen empfinden Verkehrslärm als den störendsten Lärm. Aber alle haben sich daran gewöhnt. Fehlt der Lärm, entsteht Gefahr.

"Am nächsten Parkplatz: bitte nicht auf Ihr Gehör vertrauen."

"Ick hab zum Schluss was gehört. Hat gequietscht etwas. Und im Augenwinkel gesehen. -- Du bist gerollt. Bisschen gefährlich wär es schon. Zumindest auf einem Parkplatz hier bei Lidl. -- Ja da sollte man bisschen hupen, ne, oder so wat. So! So! -- Doch, das kann gefährlich werden. Deswegen müssen die Fahrer vorsichtiger fahren, weil sie nicht gehört werden. -- Janz ehrlich, wennde nämlich nicht uffpast, haste 100 Punkte. Also musst du doppelt so viel uffpassen auf die anderen Leute. Das ist ein Problem."

Nicht nur auf Supermarktplätzen sind lautlos heranschleichende Elektroautos ungewohnt und unbeliebt. Deshalb fordern Blindenverbände künstliche Motorgeräusche für Elektroautos.

"Die Geräusche, die künstlich sind, brauchen wir, um Gefahren zu erkennen. Die Blinden und die Sehbehinderten sind natürlich selbstverständlich auch gegen eine Erhöhung des Geräuschpegels im öffentlichen Straßenverkehr. Und die Geräusche müssen alle reduziert werden."

Hans-Karl Peter, Referent beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Der studierte Theologe sitzt in mehreren ISO-Standardisierungsgremien.

"Aber trotzdem muss man eine Situation schaffen, dass fahrende Autos erkennbar bleiben und das lässt sich halt mit einem künstlichen Sound generieren, der in einer Lautstärke sein wird, die sich nicht negativ auf den öffentlichen Bereich bemerkbar macht, wie wirs heute beispielsweise haben. (...) Das möchten wir nicht haben. Aber wir möchten ein erkennbares Geräusch haben, um Autos orten und wahrnehmen zu können."

Besonders das Anrollen wie von Geisterhand bedroht die Sicherheit von Fußgängern und Fahrradfahrer, die sich trügerischerweise mit den Ohren im Verkehr orientieren, sagt Hans-Karl Peter. Erst ab 40 Stundenkilometern würden Wind und Reifengeräusche ausreichen - und der Warnsound müsse schon im Stand erklingen:

"So ein künstlich generiertes Geräusch muss eigentlich dann wahrnehmbar sein, wenn der Fahrer sein Fahrzeug bestiegen hat und er seinen Fuß oder die Hand auf ein imaginäres Gaspedal legt, damit dem Fußgänger dann signalisiert wird: ich befinde mich jetzt in einer Phase wo ich gleich losfahren kann. Das muss er schon mitbekommen. Weil ein Elektroauto im Gegensatz zum Benziner die volle Leistung sofort haben kann und fahren kann."

Mit eigenen Liedern, in Workshops mit Autoherstellern und der gesetzgebenden Politik. Die Blindenverbände engagieren sich weltweit für ein künstliches Elektrosummen. Mancherorts trägt die Lobbyarbeit bereits legislative Früchte. So regelt in Japan seit 2010 ein Ministeriumsgesetz die Motorsounds. Und in den USA schreibt Obamas "Pedestrian Safety Enhancement Act” künstliche Geräusche grundsätzlich vor. Aber was für welche, wie laut, bis zu welcher Geschwindigkeit? Solche Details bleiben bis zum Abschluss einer Studie Ende 2012 offen. Noch länger könnte die Europäische Union brauchen für ihre Verordnung zum "Mindestgeräuschpegel für Elektro- und Elektrohybridfahrzeugen” und die Installation sogenannter AVAS-Systeme.

"Acoustic Vehicle Alerting System aktiviert"

In verschiedenen Ausschüssen wird derzeit debattiert über Fragen wie die "Bis-Geschwindikeit", oder den "Unterbrechungsschalter”, mit dem man das Geräusch bis zum nächsten Stopp deaktiviert. Hans-Karl Peter ist dagegen:

"Und was auf keinen Fall sein darf - und das möchte die Autoindustrie in Deutschland gerne - dass der Fahrer die Möglichkeit hat, wie beim Tagfahrlicht, dieses Geräusch abzuschalten. Wenn wir da einen Schalter integrieren, dass jeder Fahrer die Möglichkeit hätte, das Geräusch abzuschalten, dann wäre für uns eine nicht mehr beherrschbare Situation für Blinde, Sehbehinderte Menschen und Ältere gegeben, weil dann geht alles durcheinander."

Nach derzeitigem Stand wird der Unterbrechungsschalter in Europa legal sein. Brüssel ist sich nicht mal einig, ob künstliche Motorengeräusche, wie in den USA und Japan, zur Pflicht werden, oder man die Entscheidung über deren Einsatz der Industrie überlässt. Aus dem aktuellen Verordnungs-Entwurf:

"Die Leistung akustischer Systeme für herannahende Fahrzeuge sollte harmonisiert werden. Die Montage solcher Systeme sollte jedoch eine Option im Ermessen der Fahrzeughersteller bleiben."

Strenger sieht es eine internationale Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen. Ständige, allenfalls temporär abschaltbare Motorgeräusche bis zu 20km/h, die sich beim Beschleunigen, Fahren und Abbremsen klanglich unterscheiden aber leiser sind als Verbrennungsmotoren. Dazu dürfte die UN-Arbeitsgruppe Anfang 2013 öffentlich raten. Die EU, die USA sowie die Autokonzerne könnten sich daran orientieren. Eine globale Allianz für Außenlautsprecher. Kommen also bald die Klingeltöne für Elektroautos?

"Müde vom Zwölfzylinderklang im Elektroflitzer? Sicher dir jetzt das neue Tierpaket! Mit: Der Powerwespe! Dem Leistungs-Löwen. Und dem Millenium-Falken! Außerdem: "Hier kommt Kurt” und das Martinshorn "Verrückte Feuerwehr” als Bonusdownload. Schicker Sound für deinen Stromer! Einfach SMS an die 0800 2254 2254."

Klingeltonzustände wie einst bei der Handyfirma Jamba. Selbst einer, dem das Szenario gefallen könnte, winkt ab:

"Die Stadt ist ein öffentlicher Raum und ich finds persönlich schon schlimm genug wirklich jeder Quadratzentimeter der geht mit Werbung zugekleistert ist und dass man nicht mal irgendwo hinkucken kann und da ist keine Nachricht, die einem mitgeteilt wird."

Anselm Venezian Nehls. Klangkünstler. Seine Soundinstallation "Tiefdruckgebiet” schickte Autos mit pulsierenden Subbasstönen durch Berlin und Graz.

"Und wenn man jetzt noch die Ohren dementsprechend gleichbelastet, man hat ja keine Ohrenlider, man kann sie nicht zumachen, wenn jetzt mit seinem Starwars-Auto vorbeifährt, das klingt wie der Millenium-Falke, dann ist das für ihn total lustig, aber dann passiert halt das gleiche was damals schon passierte, als Jamba neu war, und sich zu Recht genügend Leute in der U-Bahn beschwert haben? Nee, keine Lust."

Auch Gesetze in den USA und Japan sowie künftig der EU machen derartigen Individualisierungen von vornherein den Garaus. Ähnlich wie ein Verbrennungsmotor soll es schallen - keine Melodien, keine Tier-, Alarm-, oder Spaßgeräusche. Weitere akustische Anweisungen? Gibt es nicht. Dafür aber Kreativwettbewerbe:

"Ich hab zum einen ein Grundgeräusch das mit der Grundgeschwindigkeit moduliert, das liegt eigentlich immer unterm Audo, äh, Auto."

Mario Knapp, Sounddesigner in Berlin. Sieger eines Wettbewerb der "Wirtschaftsregion Stuttgart".

"Das kann zum Beispiel eben auch ein Staubsaugergeräusch sein, das speziell moduliert wurde. Oder ein Flugzeuggeräusch oder ein Synthesizer der in einer bestimmten Frequenz spielt oder moduliert."

[Werbung Wirtschaftsregion Stuttgart:]

"Das, das ist der Stefan. Der hat ein ganz besonderes Auto. Ein Elektroauto!”"

Im neuvertonten Wettbewerbs-Video kurvt ein Elektro-Smart durch die Hügel der Schwabenmetropole Stuttgart. Anfahrsituationen, Bergfahrt, Abbremsen, Abbiegen, Aussteigen. Das Rauschen wirkt sehr penetrant.

""Das Problem ist, dass man eben auch auf die Verkehrssicherheit eingehen musste. Deswegen klingt es so hochfrequent und fiepend. Aber das liegt auch daran dass ich darauf achten musste, dass das Auto wahrnehmbar und ortbar ist."

Naja, man orientiert sich da an bisschen futuristischen Sachen. Ich hab mir zum Beispiel das "5. Element" angekuckt. Das ist so ein Science-Fiction-Film mit Bruce Willis. Da fahren eben auch so futuristische, Fahrzeuge durch die Gegend."

Science-Fiction Geräusche für die Motoren von morgen? Klangkünstler Anselm Venezian Nehls ist kritisch:

"Was die Designer sich da zum Teil ausdenken, finde ich persönlich ein bisschen abstrus. Ich hab so ein bisschen das Gefühl, die haben zu viele Science Fiction-Filme geguckt so aus den 70ern, wie man sich überlegt hat, wie die Zukunft klingen könnte, sollte. Und jetzt machen sie das halt nach. Finde ich persönlich keine so richtig tolle Metapher; entweder das Ding klingt schon selbst, und wenn mans schon macht, dass es nicht selbst klingt, muss man sich ja nicht nen Zukunftsentwurf der Vergangenheit dafür aussuchen."

Die Antithese zu Science Fiction. Skeuomorphe Motorgeräusche. "Skeuomorph” - ein Begriff für grafische oder akustische Elemente, die früher mal so klangen, heute aber nur noch zur Illustration auftauchen.

Skeoumorphen leben meist in der digitalen Welt, wo Kalender-Apps in einer ledernen Oberfläche glänzen Wo das Löschen von Computer-Dateien gerne mit dem Geräusch von Papierknüllen quittiert wird. Oder ein Anruf auf dem Smartphone sich ankündigt wie das Glockengeläute eines 100 Jahre alten Wählscheiben-Fernsprechers. In die Elektroautowelt übersetzt: Auspuffbrummen für immer.

Ein Fall für den Papierkorb.

Vielleicht sollten Elektroautos einfach so klingen, wie sie klingen. Hörbar bei Zweirädern wie dem Elektroroller Vectrix VX-1 der "natürlich” auf sich aufmerksam macht, weil die Raumverhältnisse um Motor und Getriebe keinen Platz für aufwändige Schallisolierung bieten - und die elektrischen Motoren durchaus hörbar sind.

"Natürlich macht ein Elektromotor auch ein Geräusch -es ist ein Anker, ein Roter, der sich dreht, und immer wenn sich irgendetwas dreht, entsteht auch ein Geräusch."

Professor Klaus Genuit. Lehrt Psychoakkustik an der RHTW Aachen. Sein Unternehmen "Head Acustics” liefert Messgeräte und Beratungsdienstleistungen für Autohersteller weltweit.

"Eine elektrische Eisenbahn, eine Straßenbahn, sind nicht geräuschlos. Erstmal in den mittleren Frequenzen habe ich Heultöne und Pfeiftöne - und so ganz hohen Frequenzen habe ich Geräusche aus der Elektronik, das sogenannte Inverterpfeifen, was bei 10-12 Kiloherz liegt und sehr unangenehm sein kann."

Ob althergebracht, Science Fiction oder pur, ob angenehm oder anstrengend: Die Autohersteller haben störende Nebengeräusche reduziert - und sich gleichzeitig mit einer Geräuschpflicht für Elektrofahrzeuge arrangiert. Womöglich nicht nur aus Barmherzigkeit gegenüber Blinden und deren Hunden. Die Soundkreationen sind auch eine Flucht nach vorne.

""Citroen ECTunes” / "General Motors Pedestrian-Friendly Alert System” / "E-Sound by Audi” / "Hyundai Virtual Engine Sound System" / "Nissan Vehicle Sound for Pedestrians" / "Toyota's Vehicle Proximity Notification System" / "Golf Blue-E-Motion” / "Renault Z.E. Voice”"

Mit wohlbenannten Klangeneratoren wollen die Hersteller ihren Elektrofahrzeugen etwas mehr Pep anheften und gleichzeitig die eigene Ratlosigkeit mit Innovation übertünchen. So fragt fragt Ford seine Facebook-Fans, welcher Sound am ehesten wie Ford klingt:

"Some people are asking the question why do they need to create a sound, but other people are providing great...”"

Der Renault-Konzern lässt den Fahrern seines neuen Wagens "Zoe” die Qual der Wahl: zwischen drei Mimykri-Geschmacksrichtungen. "Pure”, "Glam” und "Sports”, die bis zu einer Geschwindigkeit von 30km/h ertönen, sich aber auch abschalten lassen. Renaults gokart-ähnliches Gefährt "Twizy” gleitet ebenslo lautlos - hat jedoch eine eine permanent zuschaltbare Warnmelodie, die selbst den Fahrer nervt. Die Firma Audi wirbt mit einem journalistisch getarnten Imagevideo:

""So hört sich der Audi R8 etron im Straßenverkehr an.”"

Ingolstadts Straßenverkehr wird dominiert von leisen Benzinfahrzeugen. Hier hat Audi seinen Hauptsitz. Der Firmenname kommt von lateinisch "Hören”, eine Anlehnung an die Geschichte, wo Audi noch "Horch” hieß.

""Wenn ich ein Premium-Fahrzeug verkaufen will, dann gehört eben auch das Geräusch dazu. Wenn 'ne Tür satt, kräftig ins Schloss fällt und keine weiteren Geräusche erzeugt, dann klingt das qualitativ hochwertig."

Dr. Ralf Kunkel. Leiter Akustik bei der Audi AG, gestaltet mit 70 Ingenieuren den Klang von Autos.

"'Ne hochwertige Tür werd ich niemals empfinden, wenn irgendwas nachschwingt, scheppert oder hochfrequent irgendwie ein Geräusch abstrahlt."

Seit den 70er Jahren beschäftigen sich Autohersteller gezielt mit Fragen des Klangs, vor allem der Schalldämmung. Erst in den 90ern kam die Geräuschkreation hinzu. Denn der Klang hat eine direkte Auswirkung aufs Fahrgefühl.

"Ein Großteil bezüglich Akustik und Wahrnehmung von Autos passiert wirklich im Unterbewusstsein. Wir haben mal 'ne Großstudie gemacht, wo wir zwei identische Fahrzeuge mit unterschiedlicher Akustik ausgestattet haben. Da haben wir einfach nochmal 'nen Sound eingespielt und haben mal Probanden gefragt: wie ist denn der Leistungseindruck von dem Motor. Und man stellt fest dass da bis zu 10 Prozent mehr Leistung gefühlt wird, wenn da vernünftiger Sound dahintersteckt. Und das ist eben dieses Unterbewusste. Ich nehme viel Akustik wahr - aber im Unterbewusstsein - und verbinde das mit Themen wie motorharmonischer Hochlauf oder mit Qualitätseindruck oder mit Emotionalität, fährt klasse, aber, dass ich sag, die Akustik ist gut - die nimmt man meistens im Unterbewusstsein wahr."

Mit einer Geräuschpflicht für Elektrofahrzeugen geraten Sounddesigner in Interessenskonflikte:

"Wir befinden uns auch erstmal in dem Dilemma, dass wir natürlich zwei Disziplinen, die wir beide verantworten, auch maximal ausnutzen wollen. Das Riesenpotenzial 'leise' - das ist ja erstmal ein 'gut'. Wenn ich nämlich kein Geräusch mehr habe, ist das für das Wohlfühlen im Fahrzeug auch für den Kunden extrem gut. Das heißt: Wir wollen da zwangsläufig gar net so arg viele Geräusche drin haben."

Den pro Baureihe und Öko-Fahrmodus unterschiedlichen Sound kommender Elektro-Audis generiert künftig ein Bordcomputer auf Basis von Geschwindigkeit, angeforderter Last und Drehzahl. Gerichtete Lautsprecher projizieren das Ergebnis dezent nach außen. Am wichtigsten sei Authentizität, sagt Akustik-Leiter Ralf Kunkel.

"Was uns ganz wichtig war, dass es nicht einfach ein Abklatsch eines konventionellen Verbrennnungsmotors wird, sondern der Kunde, der ein E-Fahrzeug fährt, der soll auch erleben: Das klingt auch ganz anders."

Neben dem journalistisch anmutenden Werbevideo um den Klang des limitierten Elektro-Sportwagen geraten bei Audi noch keine konkreten Geräusche nach außen. Es scheint, als nutze man die Debatte auch als flottes Image-Vehikel für angesagte Wertecluster wie "Grüne Sportlichkeit” und "musikalische Ingenieurkunst” mit

"dem Supersportwagen!"

Achtung. Objekte in der Umgebung sind eventuell näher, als sie klingen. 77 Prozent aller Fußgängerunfälle geschehen durch unachtsames Straßenüberqueren - meist abseits von Ampeln.

Wie stark schützt ein künstliches Motorgeräusch? Probefahrt mit dem "Nissan Leaf”. Der japanische Voll-Elektrowagen piept beim Rückwärtsbetrieb wie eine britische Müllabfuhr - vorwärts erklingt ein leises Surren. Genügt das in einer ruhigen Berliner Seitenstraße?

"Jetzt sehe ich ihn da hinten kommen. Würde jetzt auf die Straße gehen. Ist aber deutlich zu hören. Eigentlich total unproblematisch, auch nicht leiser als ein normales Taxi."

Jan Bölsche. Programmierer in Berlin. Achtet wegen seiner Sehschärfe von 10 Prozent im Straßenverkehr verstärkt auf sein Gehör:

"Einziger Unterschied ist eigentlich das etwas exotische Pfeifgeräusch. Also den Test hat es bestanden."

"Ja, muss sagen, jetzt ist das Elektroauto vorbeigefahren, das war an einer belebten Kreuzung, dass es doch einen deutlichen Unterschied macht."

Das Warnsummen des E-Wagens, sogar Jan Bölsches Stimme, versinkt im Straßenlärm. Ein von Blindenverbänden häufig angemahntes Szenario. Verbrennungsmotoren von Autos, Zweirädern, Lastwägen und Bussen übertönen die Elektrowagen - egal ob mit oder ohne Motorgeräusch.

In vierzig Jahren: Gewöhnen Sie sich, wenn möglich, um. Bis zum Jahr 2050 könnten sich die Kräfteverhältnisse wenden. Sounddesigner Mario Knapp hat für den Stuttgarter Wettbewerb eine Klanglandschaft erdacht.

"Wir sind vielleicht in Berlin an der Leipziger Straße. Wir sind im Feierabendverkehr unterwegs, stehen an der Ampel, warten bis die grün wird und hören eben viele Autos vorbeifahren zur Rush Hour. Wir sehen kleine Autos, wir sehen große Autos, wir sehen Lastwagen. Dieses Ding-Ding-Ding-Geräusch könnte ein Kleinwagen sein oder ein Motorroller. Oder 'ne Firma durch ein spezielles Sounddesign auch branden möchte und sagt: Unsere Autos sollen Ding-Ding-Ding machen, dadurch zeichnen wir uns aus - und der Fußgänger, der weiß jetzt: ah, da fährt gerade ein Auto der und der Marke vorbei."

"Ist ja doch ganz schön laut!"

"Kann ja leiser drehen."

Ob laut oder leise - bei Geräuschgegnern kommen die Stuttgarter Wettbewerbsentwürfe nicht an.

"Ich kann sagen, alle gemein haben sie, dass sie akustisch unerträglich sind. Für meine Auffassung völlig am Thema vorbei. Sie haben genau das, was man eigentlich nicht machen soll. Es sind irgendwelche futuristischen, sphärischen, raumschiffähnlichen Geräusche, die eigentlich mit der eigentlichen Aufgabenstellung nichts zu tun haben. Insbesondere wenn man sich vorstellt, dass nicht nur ein Fahrzeug kommt, sondern auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt 20 bis 30 Fahrzeuge herumrangieren und alle dieses tüdülüt-Geräusch machen. Wenn ich mir vorstelle, ich komme nachts in ein Wohngebiet und fahre extra langsam, dann fängt mein Auto an, extra Klänge zu produzieren, die nicht erforderlich sind. Unnötige Klänge sind noch lästiger als ein notwendiges Geräusch."

Sound-Design für Elektroautos ist eine Quadratur des Kreises: Es darf nicht zu laut klingen, nicht zu leise. Nicht zu modern und nicht zu altmodisch. Die Frequenzen des Geräuschs müssen auffallen, ortbar sein - dürfen aber nicht nerven.

"Wir haben hier in Amerika mit den Blindenverbänden sehr viele Geräusche untersucht, die man hier sieht. Und wir haben gefragt: sind sie erkennbar? Und sind sie angenehm? Hier zum Beispiel, klingt schlecht, ist aber gut zu erkennen. Ich erkenne sofort, das soll ein Auto sein. Aber klingt nicht besonders gut. Hier Umkehrung, das ist ein schöner Klang, aber ich erkenne nicht sofort, dass das ein Auto sein soll. Das sind diese sphärischen Klänge oder futuristischen Klänge. Hier einer, der beides ganz gut erfüllt. Klingt ganz gut, und ich höre sofort, das ist ein Auto. Und hier ein Geräusch, klingt nicht gut und ich höre nicht, dass es ein Auto ist."

Besonders die Forschung über das Zusammenspiel mehrerer Fahrzeuge beschäftigt Klaus Genuit:

"Hier jetzt mal ein Beispiel, wenn zwei Klänge zusammenkommen. Das ist ein Klaviersound. Und jetzt kommt ein zweiter Sound, der fast ähnlich ist, aber nicht identisch, aber für sich alleine auch gut klingt. Zwei Sounds sind gut, jetzt kommen beide Autos zusammen, jetzt passiert das. Und das ist eben, wenn zwei Instrumente spielen, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Und das passiert ja dann beim Auto. Oder hier, wir haben den Toyota gehört. Und jetzt hören wir den Toyota neunmal. Jetzt kommen neun Toyotas. Das wird sofort eine Katastrophe. Und so isses nun mal im Augenblick realisiert worden."

"Also die Hoffnung besteht ja, dass der Lärm durch die Elektrofahrzeuge abnimmt - wenn man die Elektrofahrzeuge von der Akustik nach außen so lässt, wie sie momentan sind."

Brigitte Schulte-Fortkamp. Professorin für Psychoakustik und Schallwirkungsforschung an der TU Berlin. Sie erforscht, wie Menschen Lärm wahrnehmen.

"Der Schlüsselreiz "Wahrnehmung” oder "Vorsicht” ist ja eigentlich gebunden an hohe Lautheit, an Rauhigkeit und Schärfe im Geräusch, wenn man das jetzt mal psychoakustisch beschreibt. Die Frage ist, ob das wirklich so sein muss, um ein Fahrzeug, das sich jetzt neu einmischt wie in einem Konzert, wahrzunehmen."

Sollten Elektro-Autos wirklich permanent warnen - oder sich nur im Ernstfall mit einer "freundlichen Fußgängerhupe” bemerkbar machen, so wie beim Opel Ampera oder dem Elektroroller Vectrix VX1?

"Ich finde, sag ich jetzt mal ganz forsch, eigentlich sollte es durch den Fahrer ausgelöst werden, wenn Gefahr im Vollzug ist. Warum soll man nicht hupen, wenn jemand plötzlich auf die Straße geht? Also, anstatt ein unabsehbares Gemenge von Sound in die Welt zu setzen, wo dann auch unter Umständen das einzelne Fahrzeug gar nicht mehr wahrgenommen wird, scheint das ja sicherer! Bisher ist man ja auch so klargekommen. Ich meine, wenn man ein Fahrzeug fährt, hat man es in seiner Verantwortung und muss ständig interaktiv umgehen mit dem Straßenverkehr."

Psychoakustik-Kollege Klaus Genuit hält selbst das Warnhupen für das "falsche Signal":

"Das ist auch nicht sinnvoll, die Verantwortung muss beim Fahrer liegen, dass nichts passiert. Er darf die Verantwortung nicht auf Warnsignale ablenken und darf nicht sagen: wenn der Blinde mich nicht hört, ist er selber schuld. Andererseits gibt es natürlich immer mehr neue Technologien, wir haben die Car2Car Kommunikation, das heißt, die Fahrzeuge tauschen untereinander Informationen aus, man könnte das noch auf behinderte Fußgänger erweitern, das beide gewarnt werden, ein Blinder beispielsweise gewarnt wird, da kommt ein Auto, und der Autofahrer auch eine Information bekommt, vorsichtig, da hinter der Litfassäule, Vorsicht, siehste zwar nicht, aber da steht jetzt ein Blinder, damit der einfach eine höhere Aufmerksamkeit hat."

Funkende Warnarmbänder und vibrierende Blindenstöcke für alle 150.000 Blinden und 1,2 Millionen Sehbehinderte in Deutschland sind noch Zukunftsmusik - und eine Technik, die in enger Zusammenarbeit mit Blinden entwickelt werden sollte. Genauso wie neuartige Fußgänger-Erkennungssysteme. Durch automatische Auswertung von Kamerabildern leiten sie Notbremsungen innerhalb von Millisekunden ein - brauchen zur Serienreife und Marktdurchdringung jedoch noch ein paar Jahrzehnte.

Leiser wird es schon jetzt. Auch moderne Benzinfahrzeuge lassen kaum mehr Motorenklang nach außen und die EU wird die Vorgaben demnächst verschärfen. Bleiben laute Lastkraftwägen, Oldtimer und Zweiräder. Was aber, falls solche Krachmacher dank "akustischer Feinstaubzonen" aus den Innenstädten verbannt werden?

Nach psychoakustischen Erkenntissen wird der Mensch die nötige Achtsamkeit erlernen, sagt Brigitte - Schulte-Fortkamp:

"Weil das sukzessive Lernen und das Wiedererkennen von Geräuschen, die dann auch mit Geschwindigkeiten verbunden sind, wo sich sozusagen ein Fahrzeug nähert, sich sicher dann auch entsprechend im Gedächtnis ablegt. Das kann man sicher so sagen. Nur die Frage ist, wer lernt wie, was, wie schnell? Also, es wird ein länger Prozess sein, bis man eine gesellschaftliche Wahrnehmung hat, die auch mit diesem Produkt umgehen kann."

"Ich möchte in dem Zusammenhang ein Beispiel erwähnen, nämlich die gesellschaftliche Aneignung der Mobiltelefonie."

Dr. Holger Schulze, Klangforscher. Leitet als Gastprofessor der Humbold-Universität Berlin das Soundstudies-Lab der DFG.

"Vielleicht so Ende der 90er Jahre hat das hier in Deutschland so richtig zugenommen, frühe Nuller-Jahre, dass alle Menschen hier mehr und mehr Handys hatten. Das brauchte eine Zeit, ehe man lernte, wo darf ich laut sprechen, wann muss ich leise sprechen, wo wird das nicht so gerne gesehen, wo halte ich mich zurück.

Auch hier setzen Höflichkeitsregeln ein, das gleiche würde sich vermutlich auch in vergleichbarem Fall ereignen, wenn von Verbrennungsmotoren auf Elektromobilität insgesamt umgestellt wurde. Auch da müssten sich Situationen rekalibrieren. Sprich: wie fährt man, wie vorsichtig fährt man, wie zurückhaltend fährt man an, wie schaut man auf Fußgänger. Das würde auch erstmal ein anderes Verhalten erfordern. Dass Fahrzeuge, die die schnellsten sind in der Verkehrshierarchie, nämlich die Automobile, dass die besonders vorsichtig angehalten sind zu fahren, weil sie relativ leise sind. Ich finde das gibt der Stadt eine ganz gute Gegenregulierung, die ich nicht widerrum sofort mit ner größeren Lautstärke überdecken würde."

Wahrscheinlich hört man dann doch mehr Vögel singen, als Autos fahren. Das ist 'ne ganz wilde Perspektive. Ich glaube, das wird sich ganz langsam entwickeln, also man wird noch immer etwas hören, was man heute auch hört. davon gehe ich einfach aus."

"Dass wir immer noch Situationen haben werden, auch 2050, dass wir LKWs und Schwerlasttransporter haben, die nicht leise im Verkehr sein werden."

"Und dort fällt dann eben dieses eine oder die zwei E-Fahrzeuge im Stadtverkehr noch nicht auf."

"Aber es wird dann irgendwann einen Punkt geben, an dem Verbrennungsmotoren, da bin ich überzeugt von, verboten sein werden. Es wird sich dann anders einkalibrieren, und die Autos werden unterschiedlich leiser klingen."

Wie müssten Autos dann eher klingen?

"Geräuschlos."

"Sie haben ihr Ziel erreicht."