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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.01.2016

Sophie Andresky: "Brautbett"Sex unter Zeitdruck

Von Ursula März

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Ein nacktes Paar vergnügt sich auf einem roten Sofa. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Zeit für Geschlechtsverkehr finden die Protagonisten in Sophie Andreskys "Brautbett" nur in knappen Arbeitspausen. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Die Playboy-Kolumnistin Sophie Andresky schreibt seit Jahren erotische Romane. Auch in ihrem neuen Roman "Brautbett" über eine Hochzeitsplanerin spart sie nicht mit ausführlichen Sexszenen - ohne pornografisch zu werden. Ein Punkt irritiert aber besonders.

Die Engländerin E. L. James hat es mit ihrem internationalen Megaseller "Fifty Shades of Grey" vorgemacht: Sex in der Literatur, auch drastischer Sex, nicht nur die Blümchenvariante, ist keine Domäne männlicher Autoren. Die schreibenden Kolleginnen erobern sich auch auf diesem Gebiet die Hälfte des Himmels, beziehungsweise der Belletristik. Für den deutschen Buchmarkt wäre Charlotte Roche zu nennen.

Die 1973 geborene Sophie Andresky, bei deren Autorennamen es sich um ein Pseudonym handelt, ist weniger bekannt als Roche, aber als Verfasserin von Erotica nicht weniger fleißig und engagiert.

Sie arbeitet unter anderem als Kolumnistin des Playboy, hat eine Reihe von Erzählbänden verfasst und Romane mit einschlägigen Titeln wie "Vögelfrei", "Fuck your Friends" oder "Darkroom". Romane, bei denen es zur Sache geht. So auch in ihrem neuesten Roman "Brautbett", der nicht zufällig in der Reihe "hard core" des Heyne Verlages erscheint und die Frage herausfordert, ob Frauen anders über Sex schreiben als Männer und worin dieses "anders" bestehen könnte.

Den Männern ebenbürtig - wenn nicht gar überlegen

Die Charakterzeichnung des weiblichen Personals lässt bereits auf den ersten Seiten keinen Zweifel über die geschlechtlichen Machtverhältnisse: Die Frauen, aus deren Perspektive Sophie Andresky erzählt, sind den Männern ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Devote Studentinnen gibt es in diesem Roman nicht. Stattdessen erwachsene Geschäftsfrauen, die ihren Champagnerkonsum aus eigener Tasche bezahlen und sich in jeder Hinsicht, auch in sexueller, souverän verwalten.

Im Mittelpunkt steht Maya, die sich als Hochzeitsplanerin mit ihrem Unternehmen "Honeymoon" über Wasser hält. Ihre zwei Freundinnen sind beruflich ebenfalls auf dem Liebessektor tätig. Eine führt ein kleines Landhotel, das auf klandestine Schäferstündchen spezialisiert ist. Die andere bietet in einem Nachtclub mit Darkroom-Ambiente Produkte aus den Sortimentreihen des Sexspielszeugs an.

Aus der episodischen Verschränkung dieser Tätigkeiten und ihrer Schauplätze bezieht der Roman vielfältige Gelegenheiten für ausführliche Sexszenen; inklusive Swinger-Orgien, FKK-Verkehr und Genuss mit sich allein. Nur gelegentlich berührt die Darstellung der Intimitäten das Pornografische. Stattdessen ist sie um eine anatomische Genauigkeit bemüht, die von fern an Sexratgeber und Aufklärungsschriften erinnert.

Symptom des gegenwärtigen Zeitgeistes

Irritierend an dem Roman ist aber noch etwas anderes: Das Verhältnis zwischen sexuellem Sujet und marktwirtschaftlicher Handlung. Maya und ihre Freundinnen müssen sich übler Intrigen der Konkurrenz erwehren, sich mit immer neuen, immer originelleren Ideen auf dem Markt behaupten. Sie werden somit von der Romangeschichte immer stärker in ihrer Eigenschaft als termingetriebene Unternehmerinnen beansprucht, immer weniger als Subjekte oder Objekte der Lust.

Ein aufschlussreicher, ja alarmierender Satz des Romans lautet: "Die nächste Woche ist so stressig, dass Maya glaubt, unter einem persönlichen Fluch zu stehen."

Wenn sich weibliche Sexliteratur von männlicher dadurch unterscheidet, dass die Protagonistinnen nur in knappen Arbeitspausen Gelegenheit fürs Eigentliche finden, muss das kein gutes Zeichen sein. Ein Symptom des gegenwärtigen Zeitgeistes ist es allerdings schon.

Sophie Andresky: "Brautbett"
Heyne Verlag 2016
224 Seiten, 12,99 Euro

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