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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.06.2011

Sodom und Gomorrha in arktischer Zone

Kim Leine: "Die Untreue der Grönländer", Hamburg 2011, 336 Seiten

Grönland - keine besonders gemütliche Heimat (Science/Harald Furnes)
Grönland - keine besonders gemütliche Heimat (Science/Harald Furnes)

Der dänische Krankenpfleger Jesper Waltzer übernimmt für ein Jahr den Dienst auf einer Pflegestation in einer Siedlung an der Ostseite Grönlands. Schnell taucht er in die Gepflogenheiten und Merkwürdigkeiten des kleinen Dorfs ein, einschließlich diverser sozialer Probleme.

Sexuelle Übergriffe und überhöhter Alkoholkonsum sind an der Tagesordnung: Der Roman "Die Untreue der Grönländer" des dänischen Autors Kim Leine ist zunächst einmal eine warmherzige, liebevolle Schilderung sozialer Missstände.

Es gibt kaum ein Haus in dem grönländischen Dorf, in dem alles zum Besten stünde. Männer und Frauen gehen fremd, sind der Spielsucht verfallen, lassen sich gehen, nehmen schwere Krankheiten auf die leichte Schulter, kümmern sich nicht um wichtige Angelegenheiten, nutzen Familienangehörige aus – Sodom und Gomorrha in der arktischen Zone. Dazu kommen noch Unglücke wie abgetrennte Daumen, Schiffbruch, Jagdunfälle, komplizierte Schwangerschaften, Fieberkrämpfe, HIV und Krebs und natürlich – der Roman spielt ja in Grönland - : das schlechte Wetter. Evakuierungen erkrankter Dorfbewohner scheitern zum Beispiel regelmäßig daran, dass der Hubschrauber sie wegen Sturms oder Nebels nicht ausfliegen kann.

Sehr schnell streift Jesper seine Vorurteile gegenüber den Inselbewohnern jedoch ab, und trotz all der schaurigen Geschichten gewinnt er die Dorfgemeinschaft lieb. Schon bald lässt er sich mit den ersten Dorfbewohnerinnen auf ein Verhältnis ein. Und auch als Leser mag man die Menschen, die in Kim Leines Roman eine Rolle spielen, auf Anhieb. Alle. Denn ihre Sehnsüchte sind nur allzu verständlich, und fast alle bewahren auch in höchster Not ihren Humor und eine große, in Anbetracht der Umstände bewundernswerte Gelassenheit.

Der deutsche Titel "Die Untreue der Grönländer" lässt erst einmal nur ehebrecherische Ausschweifungen vermuten. Doch keine Sorge: das Buch geht viel tiefer. "Tunu" lautet knapp lautet der dänische Originaltitel des Romans. Das Wort steht für den Namen der Kommune im Osten Grönlands, und auch Kim Leines Sätze sind kurz und klar, oft fast dokumentarisch – selten beherbergen sie mehr als eine Aussage. Wörtliche Rede wird an keiner Stelle durch Anführungszeichen gekennzeichnet –, und so verschwimmen Aussagen mit Gedanken, Wünschen und Hoffnungen.

Die ersten Kapitel stellen sehr unvermittelt verschiedene Dorfbewohner vor, dann folgt ein E-Mail-Austausch zwischen Jesper und seiner Schwester, die in Asien lebt. In den nun folgenden Kapiteln, die allesamt in Grönland spielen, taucht Jesper Waltzer zunächst punktuell, dann immer öfter auf, bis ihm und seinen Liebschaften schließlich ein ganzes Kapitel gewidmet wird. Stil und Inhalt finden so eine gemeinsame Form: Im tiefen arktischen Winter verschmilzt der Krankenpfleger Jesper mit der Dorfgemeinschaft. So sehr, dass ihm am Ende kein anderer Ausweg mehr bleibt, als Hals über Kopf aus der Siedlung abzureisen. Es muss ja nicht gleich zurück bis nach Kopenhagen sein.

Besprochen von Roland Krüger

Kim Leine: Die Untreue der Grönländer
Roman. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Mareverlag, Hamburg 2011
336 Seiten, 22,00 Euro

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