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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.08.2012

"Sie sehen Blut, sie sehen Tote"

Der Therapeut Salah Ahmad über das Leiden der Menschen in Syrien

Moderation: Jan-Christoph Kitzler

Diese Syrerinnen sind vor der Gewalt in ihrem Land nach Jordanien geflüchtet.
Diese Syrerinnen sind vor der Gewalt in ihrem Land nach Jordanien geflüchtet. (picture alliance / dpa / Jamal Nasrallah)

In Syrien eskaliert die Gewalt - und die Zivilbevölkerung steht zwischen den Fronten. Welche traumatischen Folgen das hat und wie man den Menschen helfen könnte, erklärt Salah Ahmad vom Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin.

Jan-Christoph Kitzler: Die Welt schaut zu, während sich in Syrien die Parteien des Bürgerkrieges gegenseitig abschlachten. Inzwischen gehen die Vereinten Nationen von weit über 15.000 Toten aus, ganz genau kann das keiner sagen, nicht mal die UN-Beobachter, und in diesen Tagen rechnen alle mit dem Sturm auf Aleppo. Die Truppen des Assad-Regimes wollen die zweitgrößte Stadt Syriens wieder unter ihre Kontrolle bringen.

Wir berichten immer über die Toten, wir sehen die Bilder der Verletzten, und dabei geht dieser Bürgerkrieg natürlich auch an den Menschen, die äußerlich heil davonkommen, nicht spurlos vorbei. Darüber will ich jetzt sprechen mit Salah Ahmad, er arbeitet als Familientherapeut im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin, und er hat im Irak nach den dortigen Kriegen sechs Zentren für Gewaltopfer aufgebaut. Schönen guten Morgen!

Salah Ahmad: Guten Morgen!

Kitzler: Herr Ahmad, was passiert denn eigentlich in den Köpfen von Menschen, die so etwas erleben wie einen Kampf um die Stadt Aleppo – kann man das auf einen Punkt bringen?

Ahmad: Ja, sicher. Das ist erst mal ein trauriges Ereignis, was dort stattfindet seit Monaten, und es ist so, dass die Menschen in so einer umzingelten Stadt wie Aleppo sehr stark leiden. Und das ist ein Dauerzustand von Todesangst, der sehr viele psychische und traumatische Ereignisse verursacht, sozusagen dass die Menschen darunter so leiden, dass sie selber nicht wissen, wann sie sterben oder ob sie am Leben bleiben.

Kitzler: Ständige Todesangst.

Ahmad: Ja.

Kitzler: Es gibt ja Menschen, die kommen mit extremen Situationen besser zurecht als andere – kann man das sagen, wie groß ist der Prozentsatz derer, die schwere psychische Schäden davontragen, oder ist da am Ende jeder betroffen?

Ahmad: Es ist so, wie Sie sagen: Es gibt Menschen, die damit besser umgehen, aber dieses Ereignis, da dauert es oft Monate oder auch manchmal Tage. Es gibt Menschen, die danach sehr stark darunter leiden, besonders Kinder werden jetzt darunter leiden, weil sie sehen, wie die Eltern getötet werden oder die Eltern sehr viel Angst haben - und Kinder fühlen das und hören das. Und sie sehen Leichen, sie sehen Blut, sie sehen Tote. Natürlich sind sie am meisten sozusagen betroffen, aber genauso die Erwachsenen. Es ist so, das ist ein sehr trauriges Ereignis, was dort jetzt stattfindet, diese schlechten Erfahrungen, die diese Menschen jetzt durchmachen, wünsche ich niemandem. Wir haben die Erfahrung hier, dass solche Menschen noch nach Jahren psychische Schwierigkeiten haben im Leben, das heißt, das Leben wird auch danach sehr schwierig sein, wenn man nicht für sie etwas tut.

Kitzler: Ist das das eigentlich Schlimme, diese langfristige Wirkung, dass man das, was man da erlebt hat, nur schwer oder wenn überhaupt vielleicht gar nicht aus den Köpfen wieder rausbekommt?

Ahmad: So was kann man nicht aus dem Kopf rausbekommen. Auch danach muss man damit leben, aber man muss lernen, wie man damit leben kann und sein normales Leben durchführt. Deswegen, ein traumatisches Ereignis ist sehr schwer auch zu behandeln, das dauert lange, aber Behandlungsmöglichkeit gibt es.

Kitzler: In Syrien gibt es sie natürlich nicht bei den Menschen gerade, weil das Land im Ausnahmezustand ist. Was müsste man denn mit den Menschen dort eigentlich jetzt machen, wenn man denn könnte?

Ahmad: Ich denke, das ist das Traurige, dass es im Moment besonders in der Stadt Aleppo oder auch in anderen Städten, wo das Regime die Obermacht hat, sehr schwierig ist, etwas zu machen, außer dass man diese Leute unterstützt und versucht, einfach Solidarität zu zeigen und auch Hilfe zu leisten. Hilfe leisten – es gibt Medikamentenmangel, es gibt Ärztemangel, es gibt sehr viel Mangel in so einem Kriegszustand. Da müssten wir als Menschen, die an Demokratie und Menschenrechte glauben, da erst mal unterstützen und danach aber dann auch schnell solche Einrichtungen, wie wir im Irak auch aufgebaut haben, durch Hilfe des Auswärtigen Amtes zum Beispiel, dass solche Einrichtungen aufgebaut werden, die Menschen unterstützt werden. Das ist auch eine sehr positive, diese Erfahrung haben wir als Behandlungszentrum in Berlin gemacht, dass solche Einrichtungen große Hilfe geleistet haben in den letzten Jahren im Irak, und das könnte man auch in Syrien so machen.

Kitzler: Mal angenommen, Syrien wird wieder irgendwann ein freies Land, in dem zum Beispiel Hilfsorganisationen wieder arbeiten können. Kann man das überhaupt leisten, all diesen geschädigten Menschen zu helfen?

Ahmad: Man kann nicht von leisten sprechen. Eine Gesellschaft, die so schwer traumatisiert wird, ist gelähmt, sich weiter zu entwickeln. Deswegen ist es lebensnotwendig, solche Einrichtungen einzurichten und auch den demokratischen Gedanken wieder leben zu lassen. Und deswegen ist es sehr, sehr wichtig, so etwas zu machen.

Kitzler: Sie haben gesagt, das verändert eine Gesellschaft, können Sie das ein bisschen näher beschreiben?

Ahmad: Es ist so, dass in so einer Gesellschaft – man kann es sehr oft am Beispiel Palästinas deutlich machen, dass dort Gewalt immer noch Herr der Lage ist, seit Jahren. Alle versuchen und alle tun, aber es geht nicht. Es gibt Leute, die durch solche Erfahrungen gewalttätig werden, es gibt Leute, die psychisch krank werden, es gibt Leute, die mit dem Leben, das wir haben, nicht mehr zurechtkommen. Es ist so, ein traumatisches Ereignis lähmt einen einfach, normal zu leben. Die Persönlichkeit wird beeinträchtigt, verändert durch diese Gewalt.

Kitzler: Also auch wenn der Bürgerkrieg in Syrien dann beendet ist, gibt es viel zu tun für die Therapeuten. Das war Salah Ahmad, Familientherapeut im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, und ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ahmad: Ihnen auch, danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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