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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.07.2013

"Sex und die Zitadelle"

Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt

Von Stefanie Oswalt

Sexy Orient: Haremsszene (Bompard, Maurice) (picture alliance / akg-images)
Sexy Orient: Haremsszene (Bompard, Maurice) (picture alliance / akg-images)

Eine lockere Sexualmoral ist wichtig für das Funktionieren der jungen Demokratie in Ägypten, meint die Autorin Shereen El Feki. Die "liberale Muslima" untersucht das Liebesleben in der arabischen Welt und sucht die Ursprünge von Dogmen im Koran.

Die arabische Welt wird immer noch von den Folgen der Revolutionen und Protestbewegungen bestimmt, die vor zwei Jahren als "Arabischer Frühling" begannen. In Ägypten zeigt sich im Moment gerade, wie gefährdet die Errungenschaften dieses Frühlings sind. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauer Blick auf ein Buch, das zurecht seit seinem Erscheinen viel öffentliches Interesse erhalten hat: "Sex und die Zitadelle" heißt die Untersuchung der in England als Tochter einer Waliserin und eines Ägypters geborenen und in Kanada aufgewachsenen Immunologin und Journalistin Shereen El Feki.

Ihre Hauptthese: Die strenge Sexualmoral in Ägypten und der arabischen Welt müsse sich lockern, um den Menschen dort den Weg in die Demokratie zu ermöglichen. El Feki hat vor allem in Ägypten recherchiert, aber auch in vielen anderen arabischen Ländern, hat mit Wissenschaftlern, Aktivisten, Soziologen, Theologen, Therapeuten und Journalisten, vor allem aber mit "Durchschnittsbürgern" gesprochen, um sich ein Bild zu machen über das Liebesleben in der arabischen Welt der Gegenwart, jenseits von Dogma oder Orientromantik.

Shereen El Feki:"Männer, denen vorehelicher Geschlechtsverkehr freisteht, während von Frauen erwartet wird, dass sie unberührt bleiben; Jungfräulichkeit, die nicht als Keuschheit, sondern als anatomischer Zustand definiert wird; Sextourismus, der sich als Ehe ausgibt; Reisende, die daheim ihre Frömmigkeit zur Schau stellen, aber, sobald sie im Ausland sind, fern von den Augen der Landsleute, wüst über die Stränge schlagen ..."

Shereen El Fekis Analyse der gesellschaftlichen Zustände in der arabischen Welt klingt trostlos. Dabei geht es ihr, die sich selbst als "liberale Muslima" bezeichnet, darum zu zeigen: Es ist nicht der Islam, der den Gläubigen ein erfülltes Liebesleben verbietet, sondern es sind seine vielfältigen Interpretationen. Das sei nicht immer so gewesen:

"Es gibt eine lange, glanzvolle Geschichte arabischer Schriften über Sexualität – Literatur, Poesie, medizinische Abhandlungen, Selbsthilfe-Handbücher -, die in einem Großteil der arabischen Welt in Vergessenheit geraten ist. Viele dieser bedeutenden Werke wurden von religiösen Persönlichkeiten verfasst, die Glaube und Sexualität nicht als unvereinbar ansahen."

El Feki berichtet von der kulturellen und wirtschaftlichen Blütezeit im Abbasidenreich des neunten und zehnten Jahrhunderts, während derer die vier Hauptschulen der islamischen Rechtsgelehrsamkeit entstanden, die Grundsteine der heutigen Rechtsprechung in der arabischen Welt. Den Niedergang, so El Feki, brachte die Kolonialisierung Ägyptens und der gesamten Region, bis ins 20. Jahrhundert hinein. Dieser Niedergang löste konservative Gegenbewegungen aus, wie etwa die Gründung der Muslimbrüderschaft im Jahr 1928.

"Die sichtbarste Manifestation ist die besonders starke, ultraschnelle Salafisten-Bewegung, die in den letzten Jahrzehnten in Ägypten immer mehr Zulauf erhielt, sich offiziell aber erst nach der Revolution von 2011 mit wehenden Bärten und Gesichtsschleiern "outete." Diese Männer und Frauen wollen Ägypten schnellstmöglich gemäß ihrer Interpretation des Islam umgestalten, wobei sie stark von religiösen Strömungen in den Golfstaaten beeinflusst werden. Und das beinhaltet auch eine Neufassung von Gesetzen gemäß einer strengen Auslegung der Scharia."

In fünf Kapiteln analysiert El Feki die Themen Ehe, voreheliche Sexualität, Aufklärung, Prostitution und Homosexualität – und zeigt dabei jeweils ein breites Spektrum islamischer Spielarten. Zur Ehe schreibt Hadith: "Wer heiratet, hat die Hälfte dieses Glaubens erfüllt; für die zweite Hälfte fürchte er Gott."

So zitiert El-Feki ein Hadith des Propheten und weist auf den engen Zusammenhang von Lust und Pflicht hin – denn im klassischen Arabisch bedeute nikah sowohl Heirat wie Geschlechtsverkehr. Kenntnisreich und mit vielen Beispielen erläutert die Autorin die Probleme, diesen Glaubensauftrag zu erfüllen: Denn Traditionen, vor allem das teure Brautgeld, erlauben es gerade Menschen aus sozial schwachen Schichten nicht, vollgültige und amtlich registrierte Ehen einzugehen. Je länger die jungen Leute unverheiratet sind, desto mehr geraten sie in Konflikt mit dem Keuschheitspostulat des Islam.

El Feki: "Der Wille, unter keinen Umständen zina – Unzucht – zu begehen, ist so stark, dass Paare sich alle Mühe geben, ihre sexuellen Beziehungen mit dem islamischen Gesetz in Einklang zu bringen."

El Feki zeigt die unterschiedlichen regionalen Lösungen: So ist im schiitischen Islam, der in Bahrein, im Libanon, Iran und Irak dominiert, etwa die zawaj mut’a, die Heirat der Freude, zulässig. Dabei geht das Paar eine Verbindung auf Zeit ein, die von ein paar Stunden bis zu Jahren dauern kann. In Ägypten gibt es eine ähnliche Spielart der Ehe – die urf’i Ehe. Wie diese Form der Ehe sogar Prostitution legalisiert, stellt El Feki im Kapitel über die "Wa(h)re Liebe" dar. Wegen der großen Armut verheirateten ägyptische Familien ihre Töchter an reiche, häufig deutlich ältere Touristen aus den Golfstaaten für einen Sommer. Aus westlicher Sicht verblüfft zudem das Verhalten der Konservativen hinsichtlich der Ehe unter 18 Jahren, die in Ägypten illegal ist:

"Eine der ersten Gesetzesreformen, die die Salafisten, als sie ins Parlament einzogen, vorschlugen, (betraf) die Absenkung des Ehemündigkeitsalters. Diesen Argumenten liegt der gleiche Gedankengang zugrunde, auf den sich auch die Beibehaltung der weiblichen Genitalbeschneidung stützt: dass Mädchen jederzeit sexuell ‚aus dem Ruder laufen’ können."

El Fekis eloquent und gut nachvollziehbar geschriebene Studie versteht es, den christlich gebildeten Leser immer wieder mit islamischen Standpunkten zu überraschen, die durchaus freier sind als etwa die der katholischen Kirche. Beispiel Abtreibung:

"Während der Koran die Kindstötung – insbesondere die Tötung von weiblichen Säuglingen, die im vorislamischen Arabien üblich war – verbietet, äußert er sich nicht über die Abtreibung als solche. Der Eckpfeiler des islamischen Denkens zu dieser Frage sind die Verse im Koran über die Entstehung menschlichen Lebens."

Der Zeitpunkt des Eintritts der Seele in den Körper gilt als Ausschlag gebend. Bis zum 40. Tag sind Abtreibungen möglich, im Notfall bis zum 4. Monat. Allerdings verdamme der Islamismus die Abtreibung generell, so dass heute nur in Tunesien legale Schwangerschaftsabbrüche möglich sind. El Feki öffnet die Augen für die Unterschiede in den arabischen Ländern und zitiert dabei viele Stimmen. Etwa den marokkanischen Gynäkologen Chafik Chraibi, Gründer eines Vereins gegen heimliche Abtreibungen. Er berichtet über öffentliche Diskussionen in Marokko:

Chafik Chraibi: "Da sind immer zwei bis drei Leute, die das Wort ergreifen: ein religiöser Führer, ein Jurist – der örtliche Richter – und ich... Der Geistliche ist immer flexibel... Er unterscheidet zwischen vierzig Tagen und vier Monaten im Notfall. Die Mehrheit der religiösen Führer sieht es ganz ähnlich. Aber der Jurist, der örtliche Richter, spricht nur über die Rechtslage. Die Religion ist viel flexibler als das staatliche Recht."

In diesem Sinn fordert El Feki zuletzt die Emanzipation der Gläubigen durch Bildung und die Schaffung einer unabhängigen Zivilgesellschaft. Optimistisch schreibt sie:

El Feki: "Ich persönlich bin ... davon überzeugt, dass die Ägypter – ob Muslime oder Christen -, wenn man sie frei gewähren lässt, schließlich zu einer pragmatischeren, nachsichtigeren und offen lustbejahenden Interpretation ihrer Religion zurückfinden werden. Diese ‚Heimkehr’ zeigte sich deutlich bei dem Aufstand von 2011, wo die persönliche Frömmigkeit der Millionen von Demonstranten, die sich beim öffentlichen Gebet verneigten, ganz offensichtlich war, während ihre Erhebung weitgehend politischer, nicht religiöser Natur war."

Literatur:
Shereen El Feki:
"Sex und die Zitadelle – Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt"
Hanser Verlag 2013, 416 Seiten, 24,90 Euro

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