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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.02.2013

Sex im Nonnenkloster

Hubert Wolf: "Die Nonnen von Sant'Ambrogio - eine wahre Geschichte", Verlag C.H. Beck 2013, 544 Seiten

Von Michael Hollenbach

Scheinheilig: Im Kloster Sant'Ambrogio führten die Nonnen ein Doppelleben. (AP)
Scheinheilig: Im Kloster Sant'Ambrogio führten die Nonnen ein Doppelleben. (AP)

Geheime Initiationsriten und sexuelle Gewalt: Hinter den Klostermauern von Sant'Ambrogio in Rom spielten sich Mitte des 19. Jahrhunderts ungewöhnliche Szenen ab. Der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf hat pikante Details in einem Buch zusammengetragen.

"Die unkeuschen Handlungen wurden mit Berührungen durch die Hände, den Körper und zwei- oder dreimal auch durch die Zunge begangen. Maria Luisa erwies sich als am meisten begierig nach den Berührungen des Körpers, (...) und sie machte Bewegungen und einen solchen Laut, dass ich das nicht mit Worten auszudrücken mag."

Die junge Nonne Maria Giancinta beschreibt, wie die Novizenmeisterin Maria Luisa sie zwang, in ihr Bett zu kommen und mit ihr zu schlafen. Sexualisierte Gewalt in einer Zelle des Nonnenkloster Sant'Ambrogio in Rom anno 1856. Als stellvertretende Leiterin des Klosters erklärt Maria Luisa den Nonnen, mit denen sie Sex hat, ihre Körperflüssigkeit sei von Gott gegeben, um damit die Schwestern zu heilen. Die sexuelle Gewalt wird religiös legitimiert.

Und es bleibt nicht bei Einzelfällen im römischen Kloster Sant'Ambrogio. Für die Schwestern, die nach dem Noviziat ihr Ordensgelübde ablegen, existiert eine Art Initiationsritus. In der Nacht vor der Profess muss jede Novizin mit Maria Luisa in einem Bett schlafen. Dabei lag man - so ist in den Akten zu lesen - Gesicht an Gesicht und Brust an Brust, statt - wie es die Ordensregel vorsah - die Nacht allein im Gebet zu verbringen.

Rom, Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Kloster Sant'Ambrogio liegt im Zentrum der Altstadt - ein Klausurkloster. Die Nonnen leben in vollkommender Abschottung. Sie dürfen das Gebäude nicht verlassen. Auch die Priester, die die Kommunion spenden oder die Beichte abnehmen, dürfen das Innere des Klosters nicht betreten - eigentlich.

Soweit die Theorie. Was wirklich in dem Kloster Sant'Ambrogio Mitte des 19. Jahrhunderts geschah, blieb 150 Jahre im Verborgenen. Erst als der katholische Kirchenhistoriker Hubert Wolf 1999 im Geheimarchiv der vatikanischen Glaubenskongregation auf die Akten eines Inquisitionsprozesses stößt, kommt Licht in das Dunkel des Kirchenskandals.

Der Vatikan erfuhr allerdings schon 1858 von dem Skandal - durch eine deutsche Adelige. Katharina Fürstin von Hohenzollern-Sigmaringen überlebt als Novizin einen Giftanschlag in Sant'Ambrogio. Sie flieht aus dem Kloster. Drei andere Schwestern werden dagegen von der Vikarin Maria Luisa umgebracht, weil sie ihr in die Quere kommen. Mit ihrer Anzeige vor der Inquisition bringt Katharina eine Lawine ins Rollen.

Gleichgeschlechtlichen Sex gab es für die Kirche gar nicht

Drei Jahre lang ermittelt ein Dominikanerpater im Auftrag der vatikanischen Glaubenskongregation und kommt so den Geheimnissen von Sant'Ambrogio auf die Spur. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf beschreibt in seinem Buch eindrucksvoll die anfängliche Ratlosigkeit des ermittelnden Dominikaners, als der zum ersten Mal mit dem Sex zwischen den Nonnen konfrontiert wird:

"Der hat ein festes Bild: Homosexualität von Männern, klar, heißt in der Sprache der Inquisition 'il pessimo', das schlechteste, was man sich denken kann."

Gleichgeschlechtliche Sexualität von Frauen - die gibt es für die katholische Kirche eigentlich gar nicht. Aber die Aussagen der betroffenen Nonnen sind eindeutig:

"Und dann sagt er am Schluss: 'Ja, das ist auch so was wie il pessimo.' Das ist dann so eine Einsicht: 'Aha, es gibt eine vom Mann unabhängige weibliche Form von Sexualität.'"

In Sant'Ambrogio stößt man nicht nur auf sexuelle Gewalt zwischen den Schwestern. Auch die Beichtväter, die Jesuiten, praktizieren einen ungewöhnlichen Segen. Maria Luisa berichtet später vor der Inquisition, dass die Äbtissinnen des Klosters, wenn sie zur Beichte gehen, von den jesuitischen Priestern intensiv geküsst werden.

"Der Beichtvater küsst die Äbtissin auf die Stirn, auf das Gesicht und auf die Lippen; dann zeichnet der Jesuit mit der Zunge einige Kreuzzeichen auf den Hals; manchmal führt er seine Zunge in den Mund der Äbtissin ein und küsst sie auf das Herz an der Seite, wo wir normalerweise das Kruzifix haben. Es kommt vor, dass die Nonnen während dieses Segens außer sich, in Ekstase geraten."

"Ein Zungenkuss ist völlig unvorstellbar. Selbst Eheleute dürfen sich den Zungenkuss nicht geben …"

… erläutert Hubert Wolf die damalige Position der katholischen Kirche.

"Also das ist eine Todsünde. Das ist eine Art Beischlaf vor dem Beischlaf, so wird das in der Moraltheologie beschrieben."

Sexualität hinter Klostermauern ist verboten; aber wenn der Sex religiös überhöht wird, dann wird die Lust von einer teuflischen Verführung zu einem göttlichen Akt. So die abstruse "Theologie" von Sant'Ambrogio.

"Sowohl religiöse Entgrenzungserfahrungen als auch sexuelle Erfahrungen haben beide so diesen Sprung zum Transzendenten, also insofern sind die ja eigentlich irgendwo bei aller Verschiedenheit auch verwandt."

Maria Luisas Selbstinszenierung als Heilige

Im Mittelpunkt der wahren Geschichte über die Nonnen von Sant'Ambrogio steht Maria Luisa. Die schöne junge Frau ist die eigentliche Chefin des Klosters, in dem mehrere Dutzend, vor allem sehr junge Nonnen, leben.

"Maria Luisa ist eine Heilige nach dem Glauben der Beichtväter und zahlreicher Nonnen. Sie hat Visionen, in denen die übernatürlichen Kräfte - Gott, Jesus Christus, die Gottesmutter - zu ihr sprechen."

Maria Luisa inszeniert sich selbst als Heilige. Himmelsbriefe, die sie angeblich von der Gottesmutter und von Jesus erhält, ihre Visionen und ein angeblich aus dem Himmel stammender Ring stoßen auf gläubige Bewunderung unter den Nonnen, den Beichtvätern, sogar unter den Kardinälen der römischen Kurie.

"Also man wird sagen können, das gehört zu dem System von Sant'Ambrogio: also Heiligkeit liegt für die drei, vier Dutzend Nonnen eigentlich in der Luft."

Auch im Vatikan gibt es viele Sympathisanten des übernatürlichen Schwärmertums. Um Macht und Einfluss in der katholischen Kirche kämpften damals - wie heute - vor allem zwei Richtungen, erläutert Hubert Wolf:

"Diese eine Strömung sagt: Wir müssen uns mit moderner Philosophie versöhnen, wir müssen uns mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinandersetzen: Katholizismus und moderne liberale Staatsform und katholische Kirche, Freiheit und Glauben sind versöhnbar. Die anderen sagen: Nee, die Moderne ist grundsätzlich etwas Böses, die Kirche wird weggefegt in diesen Brandungen. Wir müssen uns festhalten, einmauern. Und diese neuscholastisch genannte Form, die rechnet mit dem Eingreifen des Übernatürlichen in der Natur ständig."

Sant'Ambrogio zählt eindeutig zur zweiten Strömung. So auch der geistliche Leiter und Beichtvater der Schwestern, ein gewisser Guiseppe Peters:

"Guiseppe Peters ist ja ein Pseudonym für den neuscholastischen Cheftheologen, den Vater der Neuscholastik, Joseph Kleutgen, der vielleicht der bedeutendste neuscholastische Denker des 19. Jahrhunderts überhaupt ist."

Der Deutsche Joseph Kleutgen wirkt als Chefideologe der reaktionären Katholiken in Rom. Und ausgerechnet dieser Priester ist - unter einem Pseudonym - der Beichtvater von Maria Luisa. Der intellektuelle Jesuit verehrt die schöne Nonne als Heilige - nicht nur geistlich. Vor der Inquisition muss er einräumen, dass er - der 48-jährige Sekretär des Jesuitenordens - mit der 20 Jahre jüngeren Novizenmeisterin ins klösterliche Bett gestiegen ist und sie mit Kosewörtern umschmeichelt hat.

"Du mein Wohlgefallen, meine Wonne, mein Schatz. Du reines Herz, du unbeflecktes Herz, mein Schatz."

Obwohl alle Indizien und Zeugenaussagen auf eine heftige Liebesaffäre hinweisen, versucht sich der Ordensmann vor der Inquisition theologisch zu rechtfertigen:

"Vor dem Heiland behaupte ich: dass ich von keiner unreinen Leidenschaft dazu veranlasst wurde; dass ich jener Person gegenüber keine sittenlose Liebe und auch keine Zuneigung gespürt habe; dass ich solche Handlungen als Verehrungsakte beging, sodass ich immer kniend die Akte mit großem Widerwillen beging."

Doch unter der Last der Indizien und Zeugenaussagen muss Joseph Kleutgen seine eigene Schuld eingestehen: Häresie, Verehrung einer falschen Heiligen, Sex mit einer Nonne, Bruch des Beichtgeheimnisses.

"Und trotzdem, obwohl das klar im Urteil drinsteht, bekommt er nur zwei Jahre, die er nicht in den Kerkern der Inquisition absitzen muss, sondern in einem Haus seines Ordens. Während Maria Luisa mit 20 Jahren Inquisitionshaft bestraft wird."

Zum Schluss mildert Papst Pius IX. das Strafmaß für Joseph Kleutgen noch einmal ab, denn der deutsche Jesuit gehört zu den engsten Beratern des Papstes. Kleutgen formuliert später - als verurteilter Häretiker - das theologische Konzept der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Eigentlich sollte der Fall Sant'Ambrogio 1862 unter den Teppich gekehrt werden. Die Urteile des Heiligen Offiziums wurden nicht veröffentlicht; das Kloster wurde aufgelöst; die Särge der Äbtissinnen wurden umgebettet; kein Grabstein sollte an deren Existenz erinnern. Die Akten des Inquisitionsprozesses verschwanden im geheimsten aller Kirchenarchive, dem Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre - bis dieses 1998 der Wissenschaft zugänglich gemacht wurde.

"Johannes Paul II. hat bei der Öffnung des Archivs gesagt, die Kirche fürchtet nicht die Wahrheit, die aus der Geschichte kommt. Ich glaube, das Einzige, was der Kirche wirklich hilft, ist, in aller Ruhe wissenschaftlich präzise die Akten, die uns die Kirche selber zur Verfügung stellt, sie aufzuarbeiten und auszuwerten. Denn alles, was irgendwo unter den Teppich gekehrt wird, führt ja immer weiter zu Spekulationen."

Die Nonnen von Sant'Ambrogio: eine so unglaubliche und faszinierende Geschichte, dass bereits ein Filmunternehmen aus Hollywood bei Hubert Wolf angefragt hat, um sich die Filmrechte zu sichern.

Hubert Wolf: Die Nonnen von Sant'Ambrogio - eine wahre Geschichte
Verlag C.H. Beck 2013
544 Seiten, 24,95 Euro


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