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Vollbild | Beitrag vom 19.03.2016

"Sex & Crime"Deutscher Genre-Mix à la Tarantino

Paul Florian Müller im Gespräch mit Patrick Wellinski

Die Schauspieler Pheline Roggan, Wotan Wilke Möhring, Regisseur Paul Florian Müller und die Schauspieler Fabian Busch und Claudia Eisinger (l-r) posieren am 16.03.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei der Premiere des Kinofilms "Sex & Crime". (dpa / Henning Kaiser)
Regisseur Paul Florian Müller (mitte) mit seinen Hauptdarstellern (dpa / Henning Kaiser)

Wir haben ein Herz für den Genre-Film, doch der hat es in Deutschland besonders schwer. Umso schöner, dass jetzt "Sex and Crime" in die Kinos kommt. Der Regisseur Paul Florian Müller nennt sein Debüt eine Mischung aus "Screwball" und "Film noir".

Patrick Wellinski: Wir haben ein großes Herz für den Genrefilm und sind deshalb immer auch händeringend auf der Suche nach deutschen Genrefilmen, was gelegentlich sehr frustrierend ist, weil das Genre es nun mal bei uns sehr schwer hat.

Umso schöner, dass diesen Donnerstag ein sehr guter deutscher Genrefilm in die Kinos kommt – "Sex & Crime" heißt er, und es geht im Kern um Theo, er ist ein erfolgreicher Krimiautor, der gleich zu Beginn des Films seine Frau mit einer Kellnerin betrügt, doch dieser One-Night-Stand geht mächtig schief. Die Kellnerin ist tot, und Theo ruft seinen besten Freund Valentin um Hilfe, denn die Leiche muss weg.

"Vielleicht hätten wir doch keine durchsichtige Plane nehmen können?" - "Warum nicht?" - "Na, weil man dann alles dadurch sieht, wenn man sie rausträgt." - "Nee, nee, das machen wir mit Müllsäcken später. Die Plane ist jetzt nur, damit du mir nicht alles hier voll Blut machst, wenn du sie zersägst." - "Ach, verstehe … Moment mal, wieso ich? Warum soll ich sägen?" - "Das ist doch deine tote Freundin. Sollte ich jemals eine Frau totschlagen und dann zu dir kommen, damit du mir hilfst, die Leiche zu entsorgen, dann säge ich, aber heute und unter den Umständen – sägst du."

Wellinski: Ein Ausschnitt aus dem Film "Sex & Crime", dem Debutspielfilm von Paul Florian Müller, den ich jetzt ganz herzlich bei uns begrüße. Hallo!

Paul Florian Müller: Hallo!

Große und kleine Absurditäten

Wellinski: Bevor wir konkret auf diese großen und kleinen Absurditäten des Films kommen, würde ich gern wissen, da Sex & Crime als Begriff ja auch eine Art Genre ist, ob das eine Art von Kino ist, das Sie gern gucken?

Müller: Ja, auf jeden Fall. Ganz generell war mir bei dem Film wichtig, und bei allen Filmen eigentlich, an denen ich arbeite oder die ich versuche zu realisieren, dass das was ist, was ich mir selber auch ansehen würde. Ich würde mich, glaube ich, in allererster Linie immer noch als Zuschauer, als Fan bezeichnen, und als solcher will ich auch gern Sachen machen, hinter denen ich stehen kann und die ich selbst gern sehen will.

Wellinski: Also das auch der Impuls für "Sex & Crime", Ihren Debutspielfilm letztendlich.

Müller: Letztendlich ja, genau. Es ging darum, sich mit den Filmen im Grunde – einen Film zu machen, eine Art von Film zu machen, den ich selbst gern sehen wollen würde, und sich gleichzeitig auch damit auseinanderzusetzen, sich mit diesen Genres und dieser Art von Film auseinanderzusetzen.

"Ich wollte auch einen Film über Film machen"

Wellinski: Sie haben es mir jetzt nicht wirklich leicht gemacht, weil man kann nicht wirklich viel über den Verlauf des Films sagen, ohne den ganzen Spaß vorwegzunehmen, weil der Film ja eine sehr komplexe Struktur hat. Es geht sehr viel vor und zurück, und am Ende jeder Sequenz werden die Karten neu gemischt, und alles nimmt einen neuen Anlauf von vorn. Vielleicht können Sie ja erklären, wie Sie diese sehr komplexe Struktur entwickelt haben und warum Sie Ihre Geschichte genau so erzählen wollten, und nicht anders.

Müller: Die Geschichte so erzählen, wollte ich – das hat unter anderem auch damit zu tun, dass ich quasi auch einen Film über Film machen wollte, über eine bestimmte Art von Film, über Genres, auch so eine Art, ich würde sagen, so eine Art Hommage und gleichzeitige Dekonstruktion von Genre und Genreregeln. Außerdem dachte ich, wenn also die ganzen Elemente, aus denen der Film besteht, die sind dem Zuschauer, glaube ich, mehr oder weniger bekannt. Aber ich glaube, wie immer geht es nicht um das Was, sondern um das Wie, und ich dachte, indem ich vielleicht diese ganzen Bausteine neu anordne, entsteht dabei was Spannendes, was Neues, etwas, was man in der Weise vielleicht dann doch noch nicht gesehen hat.

Wellinski: Der Film besteht ja aus unterschiedlichen Kämpfen, so würde ich es mal sagen. Immer wieder neu sortiert zwischen diesen vier Figuren – das ist auch sehr übersichtlich gehalten, das Personal, zwei Männer, zwei Frauen. Am Ende ist, glaube ich, der größte Kampf, der dort ausgefochten wird, der Geschlechterkampf.

Müller: Absolut, würde ich auch sagen. Die beiden Genres, wenn man so will, die mir da am wichtigsten waren oder die am meisten mit reingespielt haben, die es am meisten beeinflusst haben, waren wahrscheinlich die Screwball-Komödie und der Film Noir, der im Grunde so eine Art Kehrseite der Screwball-Komödie war, wo es in beiden Genres – also die Screwball-Komödie wird ja bezeichnet als, ich weiß nicht, wen ich da genau zitiere, aber als Sexkomödie ohne Sex, und der Film Noir spielt im Grunde auch, genauso wie die Screwball-Komödie mit dieser, ich sage mal, sexuellen Paranoia der Männer, mit so einer gewissen Angst vor Frauen, implizit und explizit, und auch natürlich mit diesem Kampf der Geschlechter.

"Gewisse Klischees und Archetypen"

Wellinski: Genau. Das führt ja auch dazu, nicht nur bei Ihrem Film, aber auch bei dieses zwei Referenzgenres, die Sie genannt haben, dass die Frauenfiguren sehr starke Frauenfiguren sind. Die Femme fatale im Film Noir ist eine unglaublich stark angelegte Frauenfigur, und das passiert auch mit Ihren beiden Frauenfiguren, die verkörpert werden von Claudia Eisinger und Pheline Roggan. Ich habe mich gefragt, ob diese emanzipierten Frauenfiguren, die am Ende des Films auf eine gewisse Art und Weise vielleicht sogar triumphieren über die Männer, ob das nur möglich ist, weil man eben mit den Genreregeln arbeitet, weil das Genre quasi diese Figuren erst ermöglicht?

Müller: Ja, ich denke schon, dass das richtig ist. Ganz banales einfaches Beispiel: Wir wüssten nicht, was dunkel ist, wenn wir nicht wüssten, was hell ist. Ganz klar, am einfachsten Dinge aufzeigen kann man, glaube ich, wenn man innerhalb eines gewissen Regelwerks arbeitet, und, ich sage mal, auch gewisse Klischees und gewisse Archetypen zur Verfügung hat und dann mit diesen spielt, diese bricht. Und das war auch eine Sache, die mir extrem wichtig war bei dem Film, also Dinge anfangs vielleicht auf eine bekannte Art und Weise zu zeigen und die dann auf den Kopf zu stellen.

Wellinski: Sie haben hell und dunkel schon erwähnt, deshalb sollten wir auch ein bisschen über den Look des Films sprechen. Er ist schon sehr knallig, ich sage es einfach mal erst mal flapsig. Sie arbeiten auch sehr schön mit Hell-dunkel-Kontrasten. Man bekommt schon sehr gut vermittelt, dass diese Handlung in so einer anderen Welt spielt, wo andere Regeln gelten, und die werden uns ja immer wieder vorgeführt. Das ist etwas, das ich ehrlich gesagt aus dem deutschen Kino in der Form nicht mehr oder gar nicht kenne. Ich kenne das eher aus dem asiatischen Kino, Pak Chan Wook, wo man auch sehr stark mit Gewalt umgeht, aber auch mit überzeichneter comichafter Gewalt. Sie machen das schon sehr beeindruckend am visuellen Konzept von "Sex & Crime".

Ein Film, der ehrlich zugibt, unehrlich zu sein

Müller: Wichtig war, dass der Zuschauer von Anfang an das Gefühl hat, er sieht einen Film. Es war wichtig nicht nur im visuellen Konzept, auch im Tonkonzept und in der ganzen Form, sage ich mal, war es wichtig, dass der Zuschauer von Anfang an weiß, er sieht einen Film, und er kann sich zurücklehnen und weiß im Grunde, er wird an der Nase herumgeführt, und dass der Film im Grunde sehr ehrlich darüber ist, dass er sehr unehrlich ist. Und das war mir extrem wichtig.

Und dann spielte es auch eine große Rolle für mich, dass der Film eine gewisse Überzeichnung hat, eine gewisse Hyperrealität, weil ich das Gefühl habe, diese letzten Endes doch ziemlich abstrusen, absurden Wendungen und Figuren funktionieren eigentlich nur in so einer Welt, von der man weiß, das das nicht die Realität ist. Und gleichzeitig war aber wichtig, die Figuren ernst zu nehmen und die nicht lächerlich zu machen und deren Probleme ernst zu nehmen. Und ich glaube, aus diesem Kontrast, will ich es mal nennen, ist dann, glaube ich, was sehr Spannendes entstanden.

Und noch dazu war es auch wichtig, dass der Look im Grunde diese Sex-&-Crime-Geschichte an sich wiederspiegelt, also diese – es ist ja, wie ich vorhin schon sagte, auch so eine Art Hommage an B-Movies und an Trivialfilme, und das sind natürlich auch Filme, die extrem knallig immer sind und die sehr stark mit Primärfarben arbeiten, auch wenn wir auf Literatur oder so was zu sprechen kommen aus diesen Genres, dann sind die Cover meistens sehr bunt und sehr schrill und sehr laut, und das war mir bei dem Film auch wichtig.

Wellinski: Warum hat es eigentlich der Genrefilm in Deutschland so schwer? Oder ist das etwas, was wir Journalisten uns so einbilden, dass es das deutsche Genrekino in der Form gar nicht gibt?

Müller: Das gibt es schon. Es gibt auch viele Filmemacher, die große Lust darauf haben. Ich glaube, es gibt auch viele Zuschauer, die große Lust darauf haben, aber es ist absolut nicht von der Hand zu weisen, dass der Genrefilm es in Deutschland extrem schwer hat.

Fünfeinhalb Jahre vom ersten Dreh bis zur Premiere

Wellinski: Es ist sicherlich ein komplexeres Problem. Die Frage ist, wie lange hat es denn gedauert, bis ein Film wie Ihrer entstehen konnte. "Sex & Crime" – ist es denn leicht, so einen Film durchzudrücken, zu finanzieren, zu produzieren?

Müller: Nein. Nichts davon war einfach. Das hat ewig gedauert, den Film zu finanzieren und zu drehen. Von der ersten fertigen Drehbuchfassung, die schon relativ nah an dem dran war, was jetzt auf der Leinwand zu sehen ist, bis zur Premiere in Saarbrücken im Januar sind knapp fünfeinhalb Jahre vergangen, und der Film ist trotzdem extrem unterfinanziert nur entstanden. Anders war es gar nicht möglich, den zu machen. Wenn der nach mehr aussieht, dann ist das einfach der tollen Arbeit aller Leute vor und hinter der Kamera zu schulden geschuldet.

Wellinski: Man muss es schon sagen, kein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, was ja eigentlich unabdingbar ist für einen deutschen Film, ist mit im Boot.

Müller: Das ist richtig. Wir haben keinen – wir waren, glaube ich, bei allen Redaktionen, und bei einigen mehrfach, und haben da immer wieder Absagen bekommen. Der Film ist letzten Endes ohne Free-TV-Sender, ohne öffentlich-rechtliche Sender entstanden, was es natürlich extrem schwer macht bei den Förderungen aufgrund der Strukturen in Deutschland.

Wellinski: Also im wahrsten Sinne des Wortes ein Indy-Film.

Müller: Kann man so sagen, ja.

Wellinski: Und wir wünschen damit viel Erfolg. Paul Florian Müller war unser Gast. Sein Genre-Mix "Sex & Crime" kommt kommenden Donnerstag in unsere Kinos. Vielen Dank für den Besuch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Sex & Crime - Deutschland 2015, Buch und Regie: Paul Florian Müller, mit Fabian Busch, Wotan Wilke Möhring, Claudia Eisinger, Pheline Roggan, Länge: 81 Minuten, ab zwölf Jahren. Mehr Infos auf der Website

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