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Lesart | Beitrag vom 16.03.2016

Senthuran Varatharajah: "Vor der Zunahme der Zeichen"Der Chatroom als Heimat

Von Anne Kohlick

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Auf dem Display eines Smartphones sind die App-Logos verschiedener Social Media Plattformen zu sehen  Derweil der Anbieter Facebook seit einiger Zeit Nutzer verliert, werden Dienste wie Snapchat, Tumblr, Twitter und Vine immer beliebter. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Der Chatroom als geschützter Raum. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Neue Heimat Chatroom: In Senthuran Varatharajah Roman "Vor der Zunahme der Zeichen" erzählen sich zwei Facebook-User mit Migrationshintergrund, wie sie in Deutschland angekommen sind - und was es heißt, von den Rändern aus zu sprechen.

Was ist das zeitgenössische Äquivalent eines Briefromans? Am ehesten wohl ein Roman in Form eines Chatgesprächs. Und genau so ein Buch bringt jetzt der aus Sri Lanka stammende Autor Senthuran Varatharajah heraus. Es heißt "Vor der Zunahme der Zeichen” und ist das Debüt des 1984 geborenen Berliner Schriftstellers Philosophie-Doktoranden.

In der Kita ist helle "Hautfarbe" angesagt

Das Buch ist ein Dialog zwischen den Facebook-Usern Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi innerhalb des Facebook-Messengers. Beide sind Studenten, Geisteswissenschaftler. Senthil stammt (wie der Autor) aus Sri Lanka, Valmira aus dem Kosovo. Beide sind mit ihren Familien als Kinder vor dem Bürgerkrieg in der Heimat nach Deutschland geflohen. Dieses prägende Erlebnis verbindet die Protagonisten.

Sie haben das Gefühl, einander Dinge erzählen zu können, die sie sonst niemandem anvertrauen – zum Beispiel von der alltäglichen Diskriminierung, die sie wegen ihrer ausländischen Namen erleben. Oder von Erzieherinnen im Kindergarten, die Senthil korrigierten, wenn er Menschen mit dunkler Haut malte. Er solle doch lieber den Stift in Hellrosa zum Malen nehmen - das nenne man hier "Hautfarbe”.

Über den einzelnen Nachrichten von Senthil und Valmira steht wie im echten Chat der Name des Users, die Uhrzeit ist zu sehen, zu der die Nachricht verschickt wurde. Senthil schreibt - wie viele User beim Chatten - alle Wörter klein.

Die Sprache der beiden Protagonisten hat allerdings wenig mit der realen Sprache im Facebook-Messenger zu tun: "als mein cousin, ihr neffe, siebzehn jahre jünger als sie, die möblierte studentenwohnung schlüsseldrehend betrat, die er gemeinsam mit seiner schwester wenige wochen zuvor erst bezogen hatte, versteckte sie sich in einem winkel der küche, in der sie das abendessen zuzubereiten begann.” Sechs Kommas in einem Satz! Da spürt man, dass der Autor gerade in Philosophie promoviert beim Vorstandsvorsitzenden der internationalen Hegel-Gesellschaft.

Beziehung von Sprache und Migration philosphisch betrachten

Andererseits geht es Varatharajah auch gar nicht so sehr um die realistische Darstellung eines Facebook-Chats, sondern vielmehr um eine philosophische Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Sprache und Migration. "niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran”, schreibt Senthil einmal.

Es geht um einen Blick auch auf die deutsche Sprache, den nur jemand wie Senthil oder Valmira haben kann: jemand, der Deutsch ausgezeichnet beherrscht, aber nicht als Muttersprache. Valmira beschreibt zum Beispiel, dass sie lange dachte, einen Brief "aufgeben” heiße, vor ihm zu resignieren.

"Vor der Zunahme der Zeichen" ist ein hoch anspruchsvoller Roman, der einen leiseren Ton anschlägt als viele der anderen Bücher mit Migrationsthema, die in diesem Frühling erscheinen: "Ohrfeige" von Abbas Khider, "Y" von Jan Böttcher, "Nachts ist es leise in Teheran" von Shida Bazyar. Obwohl die Handlung in der Ortlosigkeit des Internets angesiedelt ist, bleibt doch klar, dass Senthil und Valmira am Rand der deutschen Gesellschaft stehen und niemals hundertprozentig dazugehören werden.

Senthuran Varatharajah:
"Vor der Zunahme der Zeichen”.
Roman.
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016
256 Seiten, 19,99 EUR

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