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Tonart | Beitrag vom 18.02.2015

Sensationsfund in DresdenReisetagebuch aus der Silbermann-Orgel-Dynastie

Von Claus Fischer

Blick auf die Silbermann-Orgel im Dom Freiberg (Sachsen). Bis zum kleinsten Nagel ist fast noch alles Original. Seit 1714 klingt das barocke Meisterwerk Gottfried Silbermanns nahezu unverändert und zählt heute zu den wertvollsten und bedeutendsten Instrumenten der Welt. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
"Genauestzens insopiziert" hat J. A. Silbermann dieses prächtige Instrument seines berühmten Onkels Gottfried Silbermann im Freiberger Dom (Sachsen). (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Ein unbekanntes Reisetagebuch des Orgelbauers Johann Andreas Silbermann (1712-1783) ist von der Sächsischen Landesbibliothek Dresden erworben worden. Der Neffe des berühmten Orgelbauers Gottfried Silbermann wirkte in Straßburg. Mit der Reise nach Sachsen in die Heimat seiner Vorfahren erfüllte sich für ihn 1741 ein Lebenstraum.

Rund 200 Seiten, akkurat von Hand geschrieben und ergänzt durch kleine Zeichnungen und Kupferstiche. Das Tagebuch von Johann Andreas Silbermann ist schon optisch ein wahrer Schatz. Wunderbar verschnörkelt das prächtige Titelblatt. Dort heißt es:

"Anmerkungen, derer auf meiner sächsischen Reise gesehenen Merkwürdigkeiten, wie ich solche an unterscheidenen Örtern meist nur kürzlich aufgeschrieben."

Beste Auftragslage

Johann Andreas Silbermann war als Orgelbauer enorm gefragt, die Auftragsbücher seiner Straßburger Werkstatt immer gut gefüllt. So hat er viele Jahre nicht die Zeit gefunden, die Heimat seiner sächsischen Vorfahren zu bereisen. Dass er es dann doch geschafft hat, war die Erfüllung eines Lebenstraums, betont Barbara Wiermann, Leiterin der Musikabteilung in der Sächsischen Landesbibliothek.

Selbstverständlich traf sich Johann Andreas Silbermann mit Persönlichkeiten des sächsischen Musiklebens. In Leipzig lernte er den Komponisten Gottfried August Homilius kennen, einen Schüler von Johann Sebastian Bach. Mit ihm inspizierte er die damalige Orgel der Universitätskirche und er traf sich auch mit deren Erbauer Johann Adolf Scheibe.

Leider, muss man sagen, schreibt Johann Andreas Silbermann nichts über eine Begegnung mit dem Leipziger Thomaskantor und städtischen Musikdirektor Johann Sebastian Bach. Man darf, meint Barbara Wiermann annehmen, dass er ihn in jedem Fall treffen wollte.

Besuch des Grünen Gewölbes

Getroffen hat sich Johann Andreas Silbermann aber mit dem Komponisten und ersten Geiger der Hofkapelle in Dresden Johann Georg Pisendel. Mit ihm hat er einen Rundgang durch das Grüne Gewölbe unternommen und die Preziosen bestaunt. Vom Dresdner Hofkapellmeister Johann Adolf Hasse und seiner Gattin, der italienischen Sopranistin Faustina Bordoni, wurde der Straßburger Orgelbauer zum Abendessen eingeladen. Darüber hinaus erlebte er Hasse als Musikdirektor eines festlichen katholischen Gottesdienstes der Hofgesellschaft in Anwesenheit der königlichen Familie.

Schilderungen von Gottesdiensten finden sich etliche weitere im Reisetagebuch, allerdings ausschließlich lutherische, denn, so Bibliothekarin Barbara Wiermann, dieser Konfession gehörte Johann Andreas Silbermann ja selbst an. Besonders eindrücklich schreibt er über seinen Besuch des Doms zu Freiberg.

Selbstverständlich hat Johann Andreas Silbermann im Freiberger Dom auch die große Orgel seines Onkels Gottfried Silbermann "genauestzens insopiziert". Der war zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht vor Ort, sondern baute gerade im etwa 100 Kilometer entfernten Zittau eine neue Orgel. Dort ist der Neffe dann auch dem, wie er schreibt Oheim begegnet, "ohn sich aber vorher angekündigt zu haben". Er wollte ihn also überraschen.

Tagebuchfund als Glücksfall

Dass das Reisetagebuch von Johann Andreas Silbermann unverhofft wiederaufgetaucht ist, ist ein absoluter Glücksfall für die Musik- und Kulturwissenschaft. Eine Veröffentlichung des Textes ist selbstverständlich geplant. Dabei stellt sich die Frage, ob der Straßburger Orgelbauer das Manuskript selbst schon hat veröffentlichen wollen. Die akkurate Handschrift könnte ein Argument dafür sein. Die Leiterin der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek Barbara Wiermann ist jedoch davon nicht überzeugt.

 

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Tonart

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