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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 27.06.2008

Seinen Hut in den Ring werfen

Von Rolf-Bernhard Essig

Rolf-Bernhard Essig (Essig)
Rolf-Bernhard Essig (Essig)

Diesmal geht es um die Redensarten: Seinen Hut in den Ring werfen, Haare auf den Zähnen tragen, Augen zu und durch u. a.

"Seinen Hut in den Ring werfen": Wenn sich jemand auf eine Auseinandersetzung einlässt oder den Kampf um ein Amt aufnimmt, dann sagt man: "Er hat den Hut in den Ring geworfen." Natürlich denkt man an den ähnlichen Ausdruck "das Handtuch werfen". Im Boxsport tut das der Betreuer eines Boxers, um zu zeigen, dass man aufgibt. Sehr wahrscheinlich hat diese Redensart die Hut-Wendung beeinflusst, die freilich auf ältere Bräuche zurückgeht.

Der Hut – wie Kopfbedeckungen überhaupt – repräsentiert seit alters für die ganze Person. Wenn also jemand den Hut in den Ring wirft, dann wirft er ihn gleichsam nur voraus nach dem Motto: "Ich komme gleich, um zu kämpfen."

Es gab übrigens noch eine weitere Tradition, bei dem das Werfen eines Hutes oder einer Haube sehr bedeutsam werden konnte, bei der Eheschließung nämlich. Bevor der Geistliche den Bund fürs Leben als rechtsgültig verkündete, fragte er, ob jemand einen Einspruch gegen die Heirat erhebe. In diesem Moment konnte ein Mann den Hut, eine Frau ihre Haube werfen. Damit wurde die Zeremonie unterbrochen und eine Untersuchung der Gegenargumente eingeleitet.

"Haare auf den Zähnen haben": In der Suppe stört es immer, auf dem Kopf fehlt es öfters, für das Fadenkreuz im Zielfernrohr war es gerade richtig. Als Bart wirken sie anders, als wenn sie unter den Achseln wachsen. Dort findet sie der Italiener eklig, aber nur wenn es nicht die eigenen Haare sind, sondern die einer Frau. Seltsamer Machismo! Wenn ich an den alten Spruch "Lange Haare, kurzer Verstand" denke, dann müssten viele Männer auf ihren Flechten herumtreten.

Tatsächlich verknüpfte traditionell der Volks- und Aberglaube Haarigkeit mit Männermut, weshalb es zum Ausdruck "Haare auf den Zähnen" kam. Ein Jüngling galt früher erst als ein vollgültiger Mann, wenn er einen richtigen Bart, Achsel- und Schambehaarung, am besten noch Arm- und Brustpelz vorweisen konnte. Als Vorbild diente der langhaarige Samson aus der Bibel, dessen gewaltige Kraft verloren ging, als ihm die schöne Delila erst schöne Augen machte und danach das reiche Haupthaar schor. Den männlichsten Männern bescheinigte man also, selbst an unbehaarbaren Stellen welche zu besitzen. Zuerst sagte man, jemand habe Haare auf der Zunge. Das klang aber doch ein wenig lächerlich und nach Maulheld, weshalb man sich auf die aggressiveren Zähne verlegte. Mit einem Zahnhaarigen konnte man sich leicht in die Haare kriegen, was tatsächlich mit einem Kampf zu tun hat, bei dem man sich am Schopf reißt.

"Gute Nacht Marie, das Geld liegt auf der Fensterbank!": Was für ein Stoßseufzer! Und ein schönes Beispiel für die Freude des Volksmunds an der Ausschmückung und Abwandlung von Sprüchen dazu.

Die meisten kennen die Wendung "Na dann, gute Nacht!", die bedeutet, dass etwas fehlgeschlagen ist, man eine Katastrophe erwartet oder eine eingetreten ist. Der freundliche Gruß vor dem Zubettgehen wird hier umgedeutet ins Schlimme, mit dem die Nacht ja auch sehr häufig verknüpft wird. Gleichzeitig bestimmte die Nacht bis zur Einführung der allgemeinen Beleuchtung das Ende fast jeder Tätigkeit. Man konnte also buchstäblich "nichts mehr machen".

Gerade weil der Gruß aber so üblich war im Freundes- und Familienkreis, ergänzte man den Stoßseufzer gern mit einem Namen. Unter denen bot sich "Marie" an, weil sie die bedeutendste und volkstümlichste Schutzheilige war, die in zahllosen Stoßseufzern schon vorkam. Außerdem hießen Dienstmädchen in Theaterstücken geradezu notorisch Marie, was eine witzige Note hineinbringen konnte. Es gibt aber auch weitere Varianten wie "Gute Nacht, Johanna", "Gute Nacht, Alwine", "Gute Nacht, Matthes".

Dem Volksmund war das immer noch nicht genug, und so fügte man der Feststellung, dass alles zu spät sei, noch eine Situation an, die für Verlust und Katastrophe stehen konnte: "das Geld liegt auf der Fensterbank". Der Witz besteht natürlich darin, dass dieser Ort für die Aufbewahrung der Ersparnisse der unsicherste überhaupt ist, mit dem sichersten aber, der Bank nämlich, ein Wortbestandteil gemeinsam hat.

Auf der Fensterbank kriegt das Geld schnell Beine. Das Scherzhafte der Redensart nun nimmt der schlimmen Situation ihre Bedrohlichkeit und ihren Ernst. Dafür spricht auch, dass eine Cabaret-Formation sich "Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie" nennt.

Eine ganz andere Deutung erreicht mich durch die Hörer Ulrich B. aus Kiel, Holger R. und Antje R. die die Wendung als Abschiedsgruß eines Mannes / Soldaten bewerten, der von einer Frau nach dem Beischlaf unter Hinweis auf das zurückgelassene Geld scheidet, was allerdings auch eine nachträgliche Interpretation sein könnte.

Heiner R. aus Hamburg dagegen interpretiert "Marie" als "Geld" und das ganze als eine verdoppelnde Wendung, die sich auf verlorenes Geld beziehe.
Es herrscht in diesem Punkt offenbar noch Forschungsbedarf.

"Augen zu und durch": Eigentlich seltsam, da ist jemand in einer bedrohlichen, sehr schwierigen Situation und verschließt die Augen vor der Gefahr. Ist das nicht dämlich?

Man muss sich nur eine andere Redensart ins Gedächtnis rufen: "Du stehst da wie das Kaninchen vor der Schlange". Schlangen könnten hypnotisieren, hieß es früher, und so behauptet es auch Kiplings Werk "Das Dschungelbuch". Gleichzeitig weiß man, dass übergroße Angst einen erstarren lassen kann; erst recht ein Kaninchen, dem man Feigheit vorwirft, wiewohl eine Filmsequenz auf "You Tube" zeigt, dass sie zuweilen sogar Schlangen angreifen und in die Flucht schlagen.

Dieses Beispiel und die Scheuklappen der Pferde, die sie vor erschreckenden Außenreizen schützen sollen, macht deutlich, dass es sinnvoll sein kann, sich in großer Gefahr von ihr zu befreien. Man schließt die Augen vor ihr, weil es nichts bringt, immer weiter auf sie zu starren, und ermuntert sich, auf Rettung zu sinnen: "Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!"

"Das geht auf keine Kuhhaut!": Da hat jemand sich seit langem schlecht benommen, wenn man über ihn sagt: "Was der alles angestellt hat – das geht auf keine Kuhhaut!" Zwei Erklärungen konkurrieren in der Allgemeinheit, doch nur eine ist richtig.

Falsch ist die, der Ausdruck gehe auf die so kluge wie schöne, leider aber unglücklich endende Königin Dido zurück, die in der "Aeneis" des Vergil vorkommt. Sie erbittet als Flüchtling vom Herrscher des Landes, auf dem ihre Stadt Karthago entstehen wird, für sich und ihr Volk ein Stück Land so groß, wie eine Kuhhaut umfasse. Der Herrscher lächelt über die Bescheidenheit und gewährt es. Dido aber lässt eine Haut in feinste Streifen schneiden, die aneinandergelegt ein bedeutendes Gebiet umfassen. Der Herrscher – geblendet von Didos Schön- und Klugheit – ist darüber nicht böse und akzeptiert diese Interpretation des Vertrags. Im antiken Epos ist allerdings von einer Rinderhaut die Rede. Und warum sollte man diese nette Geschichte verwenden, um die Verfehlungen eines Menschen zu bezeichnen?

Richtig ist dagegen, dass es sich um den alten Beschreibstoff Pergament handelt, der bis in späte Mittelalter hinein statt Papier benutzt wurde. Pergament stellte man üblicherweise aus Schafs- oder Kalbshäuten her, die fein geschabt wurden und in einem aufwändigen Verfahren zum Beschreibstoff gemacht wurden. Eine Kuhhaut war dagegen bei der Pergamentherstellung äußerst ungewöhnlich und natürlich bedeutend größer.

Dazu kommt noch eine weit verbreitete religiöse Ermahnungsgeschichte. Ein Geistlicher beobachtet in ihr, wie ein Teufel in der Kirche ein großes Stück Pergament hereinschleift. Als er ihn fragt, was er da tue, antwortet der, es werde in der Kirche soviel Unnützes und Gottloses geredet, dass er beim Aufschreiben mit einem üblichen Pergamentstück nicht mehr auskomme.
Es geht also um das Bild des Sündenregisters. Der Teufel notiert, was und wie oft jemand sündigt, in diesem Fall das Schwätzen im Gottesdienst, wofür er die größtmögliche Pergamentfläche, eben eine Kuhhaut benötigt.

"jemand hat es faustdick hinter den Ohren": Unangenehm, so eine Faust auf dem Ohr! Und wieso dick? Die mittelalterliche Wendung vom Schalk, der einem hinter den Ohren sitze, steht an der Wiege der Redensart, die durchweg als Lob für Leute verwendet wird, die aufgeweckter sind, als man es vermutet. Deshalb sprach man eben von personifizierter Gewitztheit, die wie ein Narr jemandem – nicht leicht zu entdecken – hinter den Ohren sitze oder stecke.

Es musste allerdings noch eine eher beklagenswerte Art des Aberglaubens hinzukommen, die Überzeugung nämlich, man könne aus der Gestalt und vor allem aus dem Gesicht den Charakter eines Menschen lesen. Eine seltsame Körper-Naturell-Lehre entstand, die bis in die Rassenkunde hinein sich weiter entwickelte. Im Volk nun dachte man lange Zeit, dass betrügerische Menschen, solche, die einen leicht übers Ohr hauen können, sich durch Wülste hinter den Ohren verrieten, denn dort befinde sich das Areal der Verschlagenheit: je dicker die Wülste, um so hinterhältiger der Mensch. Beide Redensarten kombiniert führten dann zum ironisch-freundlichen Lob.

"Ei der Daus!": Sehr viele Redensarten haben mit Ausrufen zu tun. In Fällen des Erstaunens war man geneigt, den Himmel anzurufen oder aber das Überraschende als Teufelswerk zu bezeichnen. In beiden Fällen verbot es sich, die Bosse der jeweiligen Sphären anzurufen. In den Geboten der Bibel stand ja schon, man solle den Namen Gottes nicht unnütz brauchen, und was geschah, wenn man vom Teufel sprach, wusste man auch: "dann kommt er gerannt".
Also nahm man seine Zuflucht zu so genannten Hüllformeln. Für Gott gab es viele, noch mehr für den Teufel, zu denen Kuckuck, Geier, tausend gehörten und eben auch "Daus". Eigentlich sagt man also: "Ei, der Teufel (zeigt sich in diesem überraschenden Ereignis)!"

Verteufelt ist nur, dass es "Daus" auch positiv gibt, denn so hießen die Zweier-Würfe beim Würfeln und das As. Beides kommt aus dem Lateinischen, wo "duos" "zwei" heißt. Über das Französische kam es dann zu uns.

"Wenn sich die Bettler mit Flöhen schmeißen, ist viel Freud' im Spittel": Das offensichtlich alte Sprichwort ließ sich noch nicht auffinden, obwohl ich in sieben verschiedenen Lexika nachsah, doch die Bedeutung kann ich erschließen, denn es gibt sehr viele Sprichwörter, die mit ihm Überschneidungen haben. Dabei ist es wichtig, auf das Wort "Spittel" einzugehen, das für "Spital" steht. Hier handelte es sich aber nicht immer um Krankenhäuser, vielmehr nannte man alle möglichen Einrichtungen zur Aufnahme kranker, armer, alter oder fremder Menschen Spital, weshalb es Bürgerspitäler gab, Krankenspitäler, Pilgerspitäler etc.

Im Falle des Sprichworts geht es um das Armenspital, eine Einrichtung, die mittelalterliche Städte um der Barmherzigkeit willen zwar einrichteten, aber nicht besonders großzügig ausstatteten. Deshalb gab es das Sprichwort: "Im Spital wirt offt gewart der armen, das möchte eim stein erbarmen." Trotz der alten Sprache versteht man, die Armen wurden sehr schlecht behandelt. Dabei ging es ihnen ja sowieso schlecht, wie ein anderes Sprichwort weiß: "Unser Lebtag haben Bettler Läuse und die Hunde Flöhe." Das allgegenwärtige Ungeziefer war unter den Armen besonders verbreitet, aber man verknüpfte auch eine bestimmte Eigenschaft mit den Plagegeistern: "Flöhe, Fliegen und Neid bemühen [quälen] die Menschen allzeit." Ja und dann gibt es noch das Sprichwort, das uns die Armenspitalszene besonders plastisch machen kann: "Ein Hund wirft dem andern die Flöhe vor".

Wenn also im Armenspital, wo ja alle gleich sind, nämlich nur im Besitz des Ungeziefers, einander etwas neidisch und missgünstig vorwerfen, wofür das Flöheschmeißen ja steht, dann ist Zank und Streit vorprogrammiert, was ironisch mit "viel Freud’" ausgedrückt wird.

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