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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.05.2011

"Seine Gedichte waren etwas Revolutionäres"

Zum 125. Geburtstag von Gottfried Benn

Joachim Dyck im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Gottfried  Benn in seinem Sprechzimmer 1928 (Deutsches Literaturarchiv Marbach)
Gottfried Benn in seinem Sprechzimmer 1928 (Deutsches Literaturarchiv Marbach)

Der Beitrag Gottfried Benns zur deutschen Literaturgeschichte kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auf der anderen Seite wird dem Mitbegründer des deutschen Expressionismus bis heute vorgeworfen, mit den Nationalsozialisten sympathisiert zu haben.

Liane von Billerbeck: Jeder Vers ein Leopardenbiss, schrieb seine Freundin Else Lasker-Schüler über die Verse Gottfried Benns. Einigen heutigen Lyrikern gilt er als Wunder, als Vorbild, Ulrike Draesner, Durs Grünbein. Gottfried Benn, heute vor 125 Jahren geboren. Er war einer der Mitbegründer des literarischen deutschen Expressionismus, hoch geschätzt und auch stark kritisiert für sein anfängliches Feiern der Nationalsozialisten, von denen er sich aber später distanzierte und mit Publikationsverbot belegt wurde. Mythos und Realität. Bevor wir mit Joachim Dyck, emeritierter Professor für Germanistik an der Uni Oldenburg und Ehrenvorsitzender der Gottfried-Benn-Gesellschaft sprechen, hören wir ein Gedicht von ihm: "Kleine Aster".

"Kleine Aster

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!"

Das war ein typischer Gottfried Benn. Vor 125 Jahren wurde er geboren, Anlass für uns, mit dem Germanisten und Ehrenvorsitzenden der Gottfried-Benn-Gesellschaft, mit Joachim Dyck über den Dichter zu sprechen. Dyck hat selber Bücher über Benn geschrieben, "Der Zeitzeuge" und "Benn in Berlin". Herr Professor Dyck, ich grüße Sie!

Joachim Dyck: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Haben diese frühen Gedichte wie das, was wir eben gehört haben, wie gerne behauptet wird, die Dichtung in Deutschland revolutioniert?

Dyck: Ja, revolutioniert natürlich, aber die Öffentlichkeit hat das nicht so wahrgenommen. Die "Morgue" wurde nur in 250 Exemplaren …

von Billerbeck: … das war der erste Gedichtband Gottfried Benns …

Dyck: … gedruckt, und die Rezensionen dieses Bandes fanden sich in Rezensionen, die auch andere kleine Gedichtbände besprachen, sodass also die Germanistik mehr von dem großen Ruhm und dem Glanz und der Revolution des ersten Bandes gesprochen hat, die aber historisch faktisch falsch ist.

von Billerbeck: In welchem zeitlichen Kontext sind denn diese ersten Gedichte zu sehen? Also 1912 erschien der erste Band. Wenn wir uns die bildenden Künstler ansehen, Max Beckmann, die wurden ja durch ihre Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, die Kriegsgräuel, zum Expressionisten. Welche Erfahrungen haben Benn denn dazu gebracht, so zu schreiben?

Dyck: Ja, also ich glaube, dass, was die Dichtung angeht, diese Art und Weise sich auszudrücken, entgegen der beschreibenden Dichtung oder der in sich geschlossenen Dichtung eines Rilke oder Lörke oder …, dass Benn dagegen revolutionierte durch solche Gedichte, wie wir sie gehört haben, indem ja gar nicht beschrieben wird, was eigentlich eine Sektion ist, sondern es wird dargestellt auf dichterische Art und Weise, was der Dichter fühlt. Und auf diese Art und Weise hat Benn in der ersten Sammlung, der "Morgue", des ersten kleinen Gedichtheftes mit zwölf Gedichten, hat er sich ausgedrückt.

von Billerbeck: Gottfried Benn war ja auch Arzt, Hautarzt mit Praxis in Berlin. Wie kam er als Arzt überhaupt zur Dichtung?

Dyck: Wie kam er als Arzt zur Dichtung, das ist eine kluge Frage, denn es hat sich einfach bei ihm schon früh entwickelt die Idee, sich ausdrücken zu müssen. Benn drückt sich zuerst aber wissenschaftlich aus, indem er Arbeiten schreibt, die sich mit medizinischen Problemen beschäftigen, und die auch veröffentlicht in der Zeitschrift "Die Gegenwart", eine damals sehr angesehene Zeitschrift, und kommt dann darüber, über diese Prosaarbeiten auch gleichzeitig zur Dichtung, die dann, einzelne Gedichte, die dann von Alfred Richard Meyer akzeptiert werden zur Veröffentlichung. Man muss wissen, dass dieser Verlag, Alfred Richard Meyers Verlag in Wilmersdorf, dass das ein ganz unbedeutender, kleiner Verlag war, der sich für die Expressionisten allerdings interessierte.

von Billerbeck: Wer war derjenige, der Gottfried Benn beeinflusst hat? Gab es so was, lässt sich das so beschreiben, nachweisen? Sie haben ja auch über Benn geschrieben …

Dyck: Ja. Nein, also in dem Sinne wären die Gedichte von Gottfried Benn 1912 etwas Revolutionäres, und das haben auch die Kritiker durchaus erkannt, indem sie ihm das bestätigen. Also Alfred Stadler meinetwegen, der in der Tat sagt, das, was wir da lesen, das klingt nicht besonders ansprechend, aber das ist große Dichtung.

von Billerbeck: Benn galt ja als schroff, als abweisend, ja man könnte sagen als Menschenfeind. Andererseits war er ein mitfühlender Arzt. Also dieser Widerspruch, dieser scheinbare, wie passt der zusammen?

Dyck: Warum soll es nicht Widersprüche geben im menschlichen Charakter!

von Billerbeck: Klar gibt es die, ich dachte, Sie können mir diesen Widerspruch erklären?

Dyck: Nein, klingeln Sie bei mir, aber bleiben Sie nicht zu lange, das ist so ein Rat, den er seinen Besuchern gibt. Und warum soll er als Arzt nicht auf die Patienten eingegangen sein? In höherem Maße, wie das heute der Fall ist, glaube ich, weil es noch gar nicht diese ganzen Messungen und Apparate gab. Aber gleichzeitig eben doch seine Ruhe haben wollte. Benn war menschenscheu, das stimmt, und das hing mit seinen Depressionen zusammen, darauf hat wenig hingewiesen, aber Benn war von schweren Depressionen geplagt. Und damals wusste man das noch nicht zu behandeln.

von Billerbeck: Ein Thema, das immer sofort aufkommt und das wir natürlich auch behandeln wollen, ist das Verhältnis von Gottfried Benn zu den Nationalsozialisten. Er hatte Mai 1933 in seinem Text "Antwort an die literarischen Emigranten" geschrieben: Ich erkläre mich ganz persönlich für den neuen Staat, weil es mein Volk ist, das sich hier seinen Weg bahnt. – Damit war er für die Emigranten wie beispielsweise Klaus und Erika Mann erledigt. Wie kam er dazu, der doch bis dahin, man könnte sagen, apolitisch war, sich so zu den Nazis zu bekennen?

Dyck: Ja ich glaube, dass das gesehen werden muss auf dem Hintergrund des Zustandes der Weimarer Republik. Man darf nicht vergessen, dass die Ärzte damals verarmt waren. Also der wirtschaftliche Zustand der Weimarer Republik brachte Benn auch dazu, zu denken, dass eine Änderung dringend nötig ist, und außerdem gab es ja genügend autoritäre Staaten, die sich bildeten zu der Zeit, sodass er glaubte, das sei eine allgemeine Tendenz, dass sich autoritäre Staaten bildeten. Und insofern war er nicht für die Nationalsozialisten, wie ich glaube, sondern für die Errichtung eines neuen Staates, der die Macht in die Hand nehmen sollte und mal für Ordnung sorgen sollte.

von Billerbeck: Also keine Demokratie aber?

Dyck: Nein, nein, auf keinen Fall Demokratie, das stimmt.

von Billerbeck: Später hat Gottfried Benn ja dieses Bekenntnis zurückgenommen. Wie kam es zu diesem Wandel?

Dyck: Ja, zuerst muss man sagen, glaube ich, dass Benn ziemlich schnell erkannte, dass diese Formung eines neuen Staates durch eine Gewalt durchgesetzt werden sollte, mit der er sich nicht einverstanden erklären konnte. Benn zum Beispiel war – und deswegen ist es auch immer für mich schwierig zu sagen, er war ein Nazi –, war in keiner Weise antisemitisch eingestellt. Man müsste einen Brief von Ernst Rowohlt dagegen halten, der an seinen Autor Sinclair Lewis schreibt: "Es ist kein Zweifel, dass bei dem Umsturz - eigentlich kann ja kaum von Umsturz die Rede sein –, nicht jeder mit Samthändchen angefasst worden ist, aber im Allgemeinen kann ich immer nur wieder sagen, dass ich den Eindruck gehabt habe, dass dieser Umsturz sozusagen in Ruhe und Ordnung vor sich gegangen ist. Es ist im Ausland wahnsinnig schwer zu beurteilen, wie weit die jüdische Greuel-Propaganda aus rein jüdischem Instinkt und Motiven heraus in Szene gesetzt wurde. Daran ist aber nicht der geringste Zweifel, dass eine gewisse antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten durchaus berechtigt war."

von Billerbeck: Aber so was hat Gottfried Benn nicht geschrieben, sagen Sie.

Dyck: Eben, und ich finde, ein solches Zitat wie das von Rowohlt gegen die Haltung von Benn berechtigt also eigentlich das Benn-Publikum oder die Benn-Gegner auch nicht dazu, ihn einen Nazi zu nennen.

von Billerbeck: In dem Geheimreport, den Carl Zuckmayer nach dem Krieg für den US-Geheimdienst geschrieben hat über die deutschen intellektuellen Künstler, die in der Nazizeit dort verblieben sind, da ist er ja in dem Kapitel zwei aufgezählt, Nutznießer, Ranschmeißer, aber auch, es wird immer ein Moment von innerer Immigration erwähnt. Wie das, ist das wieder dieser Widerspruch, in dem Gottfried Benn lebt?

Dyck: Die Schwierigkeit besteht meiner Ansicht nach darin – und da sehe ich auch eine Möglichkeit der Forschung –, herauszukriegen, wie das eigentlich mit den Emigranten war im Ausland, die sich ein Bild machen mussten von dem, was innerhalb des Reiches passierte. Benn hat sich immer dagegen gewendet, dass die Emigranten sich überhaupt ein vernünftiges Bild machen konnten, weil sie nicht dabei waren, wie er sagte …

von Billerbeck: … aber das ist doch so der klassische Versuch, der immer gemacht wird, wenn man in einem Land lebt und sich so oder so verhält, dass die, die nicht dabei waren, sich kein Bild machen wollen. Das ist doch so ein Vorwurf, der eigentlich immer kommt?

Dyck: Ja, ist er deswegen falsch?

von Billerbeck: Nicht unbedingt, aber …

Dyck: Man muss sich vorstellen, oder ich stelle mir vor, dass die Emigranten in Paris im Café de Flore oder irgendwo saßen und dann sagten, im Übrigen du, Willi, dieser Benn hat wieder mal … Also, es gab ja außer den beiden Reden keine Fakten, in irgendeiner Weise auf Benns Nationalsozialismus hätten zurückgreifen können. Und ich glaube also, dass das eine Gerüchteküche ist, die unter den Emigranten sich entwickelt. Das sieht man auch an den Briefen und den Tagebucheintragungen, die von verschiedenen Leuten, von Emigranten eben gemacht werden, wo wir heute nachprüfen können, was eigentlich der Stand des Wissens war.

von Billerbeck: Den Umschwung gab es ja nach dem Krieg durch einen Band, der in der Schweiz erschien, 1948, sein Gedichtband "Statische Gedichte". Brauchte es diesen Umweg über die Schweiz, damit Gottfried Benn wieder rezipiert wurde, wieder vielleicht auch rehabilitiert wurde?

Dyck: Ja, denn die Situation war die, dass die Amerikaner vor allen Dingen ein starkes Auge darauf hatten, wer publizieren durfte. Und es gab in der Tat Listen, auf denen Gottfried Benn wegen dieser beiden Reden von 1933 stand, und es wurde ihm beziehungsweise den Verlagen, die an ihm interessiert waren, also Claassen in Hamburg etwa, kein Papier zugeteilt. Benn konnte also über diese Maßnahmen nicht an den Markt. Und dann gab es das Glück, dass Erhard Hirsch, der Vertreter eines Verlages, des Arche-Verlages in Zürich, nach Berlin kam, mit Gottfried Benn sprach und sagte, geben Sie mir doch Ihre Manuskripte, und Benn sagte zu. Und auf diese Art und Weise kam der erste Band in der Schweiz raus. Das hat also mit den Veröffentlichungsschwierigkeiten 1948 zu tun, 1947/48.

von Billerbeck: 1951 bekam er den Büchner-Preis. Herr Professor Dyck, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Gottfried Benn. Was schätzen Sie an dem Literaten Benn?

Dyck: Ich mag seine Gedichte sehr gern. Wichtiger vielleicht ist noch die kritische Einstellung, die kulturkritische Einstellung seiner Prosaarbeiten. Ich finde, es geht nirgendwo so radikal zu wie in Benns Prosaschriften.

von Billerbeck: Joachim Dyck war das, emeritierter Professor für Germanistik der Universität Oldenburg und Ehrenvorsitzender der Gottfried-Benn-Gesellschaft. Ich danke Ihnen!

Dyck: Ich danke Ihnen!

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