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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 27.11.2011

"Sehr nah an aktuellen relevanten Fragestellungen"

Die Soziologin Karin Jurczyk über den Science-Fiction-Film "In Time - Deine Zeit läuft ab"

Karin Jurczyk im Gespräch mit Britta Bürger

Justin Timberlake und Amanda Seyfried bei der Filmpremiere von "In Time - Deine Zeit läuft ab". (picture alliance / dpa / Christophe Clovis)
Justin Timberlake und Amanda Seyfried bei der Filmpremiere von "In Time - Deine Zeit läuft ab". (picture alliance / dpa / Christophe Clovis)

Zeitwohlstand sei die Befähigung dazu, den Alltag so zu gestalten, dass man die Dinge, die man tun möchte, im ausreichenden Ausmaß tun könne, meint das Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, Karin Jurczyk. "In Time - Deine Zeit läuft ab" bringe dieses Thema "wunderbar auf den Punkt".

Britta Bürger: "In Time - Deine Zeit läuft ab", ab Donnerstag kommt dieser neue Science-Fiction-Film in die Kinos. Doch ist das überhaupt reine Science-Fiction oder leben wir nicht längst in einer Phase, in der Zeit zu haben ein Zeichen für Wohlstand ist?

Darüber wollen wir mit der Soziologin Karin Jurczyk sprechen, sie leitet die Abteilung Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München und ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Ich grüße Sie, Frau Jurczyk!

Karin Jurczyk: Ja, einen schönen guten Tag!

Bürger: Sie haben sich diesen Film ja bereits angesehen können. Ist das überhaupt Science-Fiction oder überspitzt der Film nur eine Entwicklung, in der wir uns eigentlich schon mittendrin befinden?

Jurczyk: Also, das ist mehr und weniger als Science-Fiction. Ich hätte nicht gedacht, dass man dieses schwierige Thema so gut in einem so auch anschaulich rüberkommenden Film überhaupt verbildlichen kann. Ich finde, da steckt ganz viel drin von dem, was heute viele Menschen beschäftigt.

Bürger: Nämlich?

Jurczyk: Ja, eine allgegenwärtige Zeitnot, das Gefühl, gehetzt zu sein, das Gefühl, ja, nie, eigentlich, dass der Tag immer mehr als 24 Stunden haben müsste. Und gleichzeitig das Gefühl von großer Ungerechtigkeit, wieso haben die einen mehr, die anderen weniger Zeit. Und was ich auch noch sehr gut rübergebracht fand, war, das damit verbundene, ja, die Wahrnehmung von Jugendlichkeit als Zwang, dieser Jugendwahn.

Bürger: Ja, und auch nicht nur Jugendlichkeit, sondern auch dieses ewigen Lebens ...

Jurczyk: Des ewigen Lebens auf der anderen Seite. Ich meine, wobei, das ist Science-Fiction, das ist für uns natürlich alle nicht verfügbar. Und im Film kommt ja auch wunderbar rüber, warum es eigentlich nicht attraktiv ist, ein ewiges Leben zu haben. Also, da befinden sich ja die Darsteller eigentlich auf einer sehr realistischen Einschätzung, wo es im Grunde um Qualität von Zeit geht. Das fand ich eigentlich so spannend. Es geht nicht um die Menge, sondern es geht darum, dass die Zeit, die man hat, dass man sie gut lebt.

Bürger: Woran erkennt man denn in der realen Welt, ob Menschen arm oder reich an Zeit sind, und welche Rückschlüsse lassen sich damit auf ihren Status ziehen? Um den Status geht es ja auch in diesem Film.

Jurczyk: Na ja, wir haben Zeitarme, sage ich mal, in zwei ganz entgegengesetzten gesellschaftlichen Bereichen. Das eine sind diejenigen, die schrecklich viel arbeiten, also jetzt erwerbstätig sind, trotzdem damit wenig Geld verdienen, auch noch andere Verpflichtungen übernehmen, und die wirklich sowohl wenig Geld wie auch wenig Zeit haben. Und dann haben wir diejenigen, die entgegengesetzte Gruppe, die zwar auch arm an Zeit ist, die aber dafür immerhin eine Menge materiellen Luxus bekommt, aber manchmal gar keine Zeit hat, dieses Geld wirklich auszugeben. Und in der Mitte gibt es die, ja, ich würde mal sagen, zunehmend schwindende Gruppe derjenigen, die den Eindruck haben, dass es ihnen ganz gut geht mit ihrer Zeit.

Bürger: Die da eine Balance gefunden haben. In unserer immer schneller werdenden Zeit reden ja auch viele von der Sehnsucht nach Entschleunigung. Die reichen Menschen im Film haben für alles, was sie tun oder was sie auch nicht tun müssen, alle Zeit der Welt. Ist das also eine positive Vision?

Jurczyk: Also, Entschleunigung ist durchaus eine positive Vision, wobei wir diese Entschleunigung eigentlich im Moment wirklich ganz selten auch bei denjenigen, die gut gestellt sind, also, die materiell gut gestellt sind, eigentlich gar nicht feststellen können. Also, die versuchen, wirklich auch vom Status her noch und noch und noch eine Aktivität hintereinander zu pressen. Also, da haben wir tatsächlich im Moment so eine Verknüpfung von viel tun und hohen Status haben und wenig Zeit haben.

Bürger: In der realen Welt gibt es ja auch Menschen, die sich dem Zeitdiktat bewusst widersetzen, die lieber auf Geld verzichten und dafür einfach mehr freie Zeit haben. Diese Perspektive greift der Film aber gar nicht auf?

Jurczyk: Nein, und das sind ja auch realiter relativ kleine Gruppen in dieser Gesellschaft. Also, wir hatten mal vor, ich glaube, in den 80er-Jahren gab es eine Studie über die sogenannten Zeitpioniere, die wirklich bewusst auf Einkommen verzichtet haben, ihre Arbeitszeit reduziert haben. Und inzwischen haben wir ja für immer mehr Gruppen einen Zwang auch, erwerbstätig zu sein. Und die Spielräume, da zu reduzieren, sind relativ gering. Das können sich ja eigentlich nur die erlauben, die schon viel verdienen.

Bürger: Im Film spielen Politiker gar keine Rolle mehr, die Welt wird nur noch von der Wirtschaft gelenkt. Welche Rolle spielt die Kategorie Zeit denn hier bei uns in der realen Politik? Die Gesellschaft wird immer älter, der Pflegenotstand ist ein großes Thema, da spielt Zeit auch eine große Rolle. Führt dieser demografische Wandel denn zu einer größeren Offenheit für zeitpolitische Themen?

Jurczyk: Ja, es gibt, es lässt sich eine zunehmende Sensibilität gegenüber der Bedeutung von Zeit als - ich sage es bewusst -, als Dimension von Lebensqualität, lässt sich feststellen. Und zwar sowohl im Hinblick auf den demografischen Wandel, also, was sozusagen die längere Lebensspanne angeht, wie geht man damit um, als aber auch ein Wahrnehmen der Zeitnöte der Menschen, die Familie haben. Das ist im Moment ein ganz aktuelles Thema. Und wie Sie wahrscheinlich wissen, hat ja der achte Familienbericht genau dieses sich tatsächlich zum Schwerpunktthema genommen, Zeit für Familien. Also, man kann sehr hoffen, dass dieses wirklich nicht nur Berichte sind, die irgendwo liegen, sondern tatsächlich politisch breit rezipiert und vor allen Dingen auch in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden.

Bürger: Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik befassen Sie sich ja auch mit diesen Themen, also auch mit dem Phänomen Zeitwohlstand. Was verstehen Sie genau darunter?

Jurczyk: Ja, Zeitwohlstand ist die Befähigung dazu, den Alltag so zu gestalten und auch den Lebenslauf so zu gestalten, dass ich die Dinge, die ich tun möchte, im ausreichenden Ausmaß und im richtigen Tempo zum richtigen Zeitpunkt tun kann. Das heißt, ich kann verfügen über meine eigene Zeit, ich kann auch verfügen darüber, was ich konkret tue. Und ich kann auch Geschwindigkeit mitbestimmen. Und diese Verfügung über Zeit ist eigentlich die Schlüsselkategorie beim Zeitwohlstand, dass ich selber mitbestimmen kann.

Bürger: Der Philosoph und Politikwissenschaftler Robert Goodin hat vor drei Jahren eine Studie vorgelegt, in der er unter anderem Armut untersucht hat unter dem Aspekt, wie sich Zeitarmut zu Geldarmut verhält. Er fordert ein zeitliches Existenzminimum, also analog zum finanziellen Existenzminimum. Wie muss man sich das genau vorstellen?

Jurczyk: Ja, das ist schwierig. Wir haben auf unserer Jahrestagung über diese Möglichkeiten gesprochen, auch, kann man Zeitwohlstand überhaupt messen, kann man also solche Indikatoren bilden? Ich glaube, es ist schwierig, solche allgemein verbindlichen Maßstäbe gesellschaftlich festzulegen. Allerdings müsste man eigentlich in Bezug setzen wirklich die subjektiven Präferenzen, die gesellschaftlichen Notwendigkeiten zu dem, was dann tatsächlich an Teilhabe an unterschiedlichen Bereichen notwendig ist, um eben auch überleben zu können.

Das heißt, man muss das Subjektive und das Objektive zusammenspielen, und das gibt natürlich nicht für alle Menschen sozusagen die gleiche Summe von Zeitwohlstand. Da muss man schon auch individuelle Präferenzen in den Blick nehmen. Aber so was wäre sehr wohl auch über eine Berichterstattung über Zeit, die sowohl das Subjektive wie auch das Objektive in den Blick nimmt, das wäre machbar. Nur, da geschieht noch sehr wenig. Ich glaube, dass die Ideen von Goodin auch so auf etwas hinauslaufen, was Ulrich Mückenberger, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, als Recht auf Zeit bezeichnet.

Bürger: Wenn man all das im Hinterkopf hat, was Sie jetzt gesagt haben, dann muss man sagen, der Regisseur und Drehbuchautor Andrew Niccol hat tatsächlich einen sozialkritischen, letztlich auch einen kapitalismuskritischen Film erzählt mit den Mitteln des Action-Kinos. Ist das also der richtige Film zur richtigen Zeit, ein Film im Grunde für die Occupy-Wallstreet-Bewegung?

Jurczyk: Ja. Also, für diejenigen, die dieses Metier - also, so Science-Fiction oder auch Action-Film, hat ja viele so Action-Elemente -, für diejenigen, die das mögen, da ist das wirklich eine äußerst plastische Darstellung dieses im Moment gesellschaftlich und politisch höchst relevanten Themas, was ja auch wirklich diese Analogie zwischen Zeit und Geld wunderbar auf den Punkt bringt. Also, von daher sehr nah an aktuellen relevanten Fragestellungen.

Bürger: Zeit ist Geld oder die Zukunft des Zeitwohlstands, die Soziologin Karin Jurczyk hat sich darüber Gedanken gemacht aus Anlass des neuen Science-Fiction-Films "In Time - Deine Zeit läuft ab". Am Donnerstag kommt er in die deutschen Kinos.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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