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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.11.2012

Sehnsuchtsraum Heimat

Uwe Kolbe: "Lietzenlieder. Gedichte", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 111 Seiten

In den vorliegenden Gedichten ist der Poet Uwe Kolbe ganz bei sich. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
In den vorliegenden Gedichten ist der Poet Uwe Kolbe ganz bei sich. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Sinnlich, konzentriert und handwerklich perfekt: In seiner neuen Gedichtsammlung "Lietzenlieder" betritt der Lyriker Uwe Kolbe eine Traum- und Erinnerungslandschaft, die zum Verweilen einlädt.

"Nichts hält dich, nur die Melodie, das Lied" - so unbedingt spricht Uwe Kolbe sein poetisches Anliegen im Gedicht "Lietzenlied" aus, das wie ein "Echo aus den eignen, frühen Träumen" klingt. Kolbe versucht klangbar zu machen, was die Unbarmherzigkeit seines Berufsstandes ausmacht: die Herausforderung des "Alles-oder-Nichts", dem ein mögliches Scheitern stets eingeschrieben ist und das an der Substanz zehrt. Vielleicht heißt es deshalb in seiner Klagenfurter Rede vom 30. Juni 2012 scheinbar lässig: "du bist entweder ganz dabei oder du lässt es bleiben".

In den vorliegenden Gedichten ist der Poet ganz bei sich. Es herrscht eine Konzentration, die Kolbes Dichtung von je her auszeichnet, doch hier nun in eine reiche Innerlichkeit führt. Wie bei der Enthüllung eines Palimpsests entblättert sie sich in VIII Zyklen.

So wird nicht nur der Eros des Dichtens mit handwerklicher Perfektion erkundet. Die Gemütsbewegungen des Dichtenden sind ebenso Gegenstand der ins Dialogische weisenden Verse ("stets wenn ich Gehen übe,/ ist die Erinnerung größer,/und nur wo wir beide gingen,/ist fester Grund").

Kolbe praktiziert ein poetisches Unterwegssein, das bei der Selbsterkundung auf Landschaften stößt, die von den Verwerfungen der Geschichte stigmatisiert sind ("Der Quell ostdeutscher Flüsse ist ein Tränenstrom"). Doch Kolbes Gedichte suchen vor allem das Gespräch, sind in diesem Sinne offene Gebilde, gerade dann, wenn es um existenzielle Themen geht.

In "Rilke-Entwurf" eröffnet sich im Bild des "schrecklichen Engels" eine über die Kunst hinausweisende Sprachnot der menschlichen Kreatur: "wen rufen wir an, wo wenden denn wir uns hin?" Manchmal wird ein Hölderlin-Ton angestimmt oder es finden sich eindringliche Gesten, die von der Hochgestimmtheit der Ode inspiriert scheinen.

Während sich die Zyklen I bis VI durch diese Vielfalt poetischen Sprechens auszeichnen, fällt der Zyklus VII – "Lietzenlieder" - aufgrund seiner formellen Geschlossenheit auf. Er besteht aus 15 Sonetten, deren sprachliche Eleganz mit der Gemeinschaft stiftenden Leichtigkeit des Liedes verbunden wird. Das Lied als Inbegriff lyrischen Sprechens lässt sich hier aufs Feinste mit der Gangart des Sonetts ein. Da das Liedhafte emotional wie regional zum Reich der Kindheit gehört, begibt sich Kolbe mit seiner Sammlung "Lietzenlieder" nicht nur an den Urquell einer konkreten Ortschaft, die im Südosten Brandenburgs liegt. Er betritt eine Traum- und Erinnerungslandschaft, die zum Verweilen einlädt.

So leuchtet er im Gedicht "Libuše", das als schmerzhaft-schöne Hommage an die 1998 verstorbene Schriftstellerin Libuše Moníková lange nachhallt, den Sehnsuchtsraum Heimat in seinen realen wie imaginären Deutungen weitwinklig aus: "Wir trinken Wasser, das aus deinen Bergen kommt,/und können deine reiche Sprache doch nicht sprechen."

Die Sprache der Poesie als Nicht-Ort könnte intellektuell genauer und sinnlicher kaum kartographiert werden.

Besprochen von Carola Wiemers

Uwe Kolbe: Lietzenlieder. Gedichte
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
111 Seiten, 16,99 Euro

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