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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.08.2007

Seelendramen im Jugendalter

Tamara Bach: "Jetzt ist hier", Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2007, 351 Seiten

Für ihre Jugendbücher hat die Berliner Autorin Tamara Bach bereits allerhand Preis eingestrichen. Nun legt sie ihren zweiten Roman vor. "Jetzt ist hier" erzählt von vier Jugendlichen, die mit ihren Sehnsüchten und Problemen im Planquadrat von Schule, Elternhaus, Handys und String-Tangas von H&M leben.

"I don’t like coffee, oh no, I love it, ah..." – singt Mono, wenn er Kaffee mahlt, und war noch gar nicht geboren, als diese Melodie von 10cc in den 70ern ein Hit war. "Lost you" von Hood ist schon viel moderner und passt auch besser in die allgemeine triste Stimmung, in der Mono und seine Freunde Zanker, Bowie und Fienchen nach den Weihnachtsferien zum ersten Schultag antreten. Denn in den Tagen zuvor ist für die Elft- und Zwölftklässler ziemlich viel schief gegangen.

Da hat sich der ewige Stress mit Zanker und seinem Alten so gesteigert, dass es zur Explosion kommt, und der schöne "lonesome cowboy" Zanker, der jedes Mädchen kriegt und keines will, fühlt sich plötzlich wirklich einsam und verlassen. Ähnlich geht es Bowie. Der seiner toten, an Krebs verstorbenen Mutter nachtrauert und es nicht fassen kann, dass sein Vater mit einer neuen Frau auftaucht – nach nur einem Jahr!

In Monos Familie hängt derweil ein anderer Haussegen schief, weil Mama und Papa mit ihrer gemeinsamen Firma grade in die Pleite schlittern und jetzt keinen Sinn haben etwa für Ziska, Monos achtjährige Schwester und ein Sonnenscheinchen von Nervensäge, das Mono jetzt den ganzen Tag am Hacken klebt. Und so was ausgerechnet, nachdem Mono einer Traumprinzessin namens Natalie begegnet ist, bei der es ihm die Sprache verschlägt, die er sowieso nicht hat. Gut reden kann dagegen Fienchen, das Mädchen im Freundes-Kleeblatt - aber ihre leider nicht erwiderten Gefühle für Zanker bekommt sie auch nicht sortiert. So kommt es zu einem ominösen DVD-Abend mit Bowie, der die ganze Malaise noch verwirrender macht. Überhaupt geht alles querbeet und kunterbunt durcheinander in den Köpfen und Herzen dieser Großstadt-Teenager, die so cool sein wollen und müssen, mit ihren iPods und Handys und String Tangas von H&M, und trotzdem nicht aus noch ein wissen, was dieses merkwürdige Leben bedeuten soll: "Man hätte vielleicht reden sollen, aber mach das mal..." heißt es am Ende, als nach den Ferien alles wieder von vorne losgeht, und doch nichts mehr so ist, wie es vor Weihnachten war.

Tamara Bach, Jahrgang 1976, gilt zu recht als Shooting Star im Jugendbuch. Gleich mit dem Debüt-Roman "Marsmädchen" gewann sie 2002 mehrere Preise und erhielt 2004 dafür den Jugendliteraturpreis. Das zweite Buch "Busfahrt mit Kahn" wurde ebenfalls ausgezeichnet und eroberte mehrere Bestenlisten, u.a. von Deutschlandfunk und Focus. Mit "Jetzt ist hier" legt Tamara Bach ihren längsten und anspruchsvollsten Roman vor. In einer ausgefuchsten Cut-up Technik verknüpft sie die Biographien ihrer vier Helden, schiebt Rückblenden, Traumsequenzen, innere Monologe ein. Nach außen hin und damit den Erwachsenen gegenüber wirkt die Handlung banal und alltäglich. Doch genau das ist die Realität: Was bekommen die Eltern von den wahren inneren Seelendramen ihrer Kinder schon mit? Dabei hält sich Tamara Bach als Erzählerin diskret im Hintergrund, betreibt keinerlei Psychologie, lässt ihre Protagonisten einfach in erlebter Rede sprechen, denken und fühlen, in einer knochentrockenen, sarkastischen Diktion, die – das ist die größte Kunst – völlig glaubhaft-authentisch wirkt, hinreißend gar bei der kleinen Ziska. Und souverän umschifft Tamara Bach die schärfste Klippe, an der die meisten Jugendbücher kläglich scheitern: den notorischen Zwang zum Happy End, zum versöhnlichen Schluss, der immer irgendwie schleimig pädagogisch wirkt. "Mensch, das Leben ist echt von oben bis unten voll mit Scheiße. Mehr nicht." Sagt Zanker und bringt so seine Nietzsche-Lektüre auf den Punkt. Recht hat er, der Junge! Obwohl das Leben auch anders und Nietzsche nur eine Phase sein kann, die vorbeigeht. Aber das kann er ja jetzt noch nicht wissen. Er wird schon irgendwann drauf kommen. "Jetzt ist hier" werden alle 15-17-Jährigen instinktiv begreifen und lieben. Und unbedingt sollten es die Erwachsenen lesen. Zur Erinnerung an eine wirklich beknackte Zeit.

Rezensiert von Joachim Scholl

Tamara Bach: Jetzt ist hier
Jugendbuch
Verlag Friedrich Oetinger Hamburg 2007
351 Seiten, 12,90 Euro

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