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Studio 9 | Beitrag vom 26.03.2016

SeehundpflegeSichten und Aufklären und oft auch: Einsammeln

Von Elin Rosteck

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Ein toter Seehund am Strand (picture alliance / dpa / Simone Steinhardt)
Zur Seehundpflege gehört auch der Abtransport toter Tiere (picture alliance / dpa / Simone Steinhardt)

Hannes und Susanne Buchner sind auf der Insel Föhr für die Seehundpflege zuständig. Derzeit werden sie häufig herausgeklingelt, denn es weht ein steifer Wind und dann zeigen sich oft kranke Seehunde im oder am Wasser oder es werden verendete Tiere angespült.

Gischt fliegt durch die Luft und Sand auch. Es piekst wie mit tausend Nadeln auf der Haut. Die Nordsee schäumt. Die Wellen türmen sich auf und brechen am Wyker Strand. Gefährlich nah kommen sie auch dem toten Seehund, der hier in der Nähe des Leuchtturmes an Land gespült wurde. Es wird Zeit, dass Hannes Buchner eintrifft. Ich bin mit ihm hier verabredet.

"Hannes!- Nicht dass er wegschwimmt!"

Der Seehundjäger ist da, in Gummistiefeln und dicker Jacke. Er greift sich einen Haken aus dem Kofferraum seines uralten Kleinwagens: "A wat 'n Wetter da."

Es sind einige hundert Meter bis zum Flutsaum. Vor einer halben Stunde sind die Seehundjäger informiert worden.

"Schutzstation Wattenmeer, die haben unsere Nummer."

Ein toter Seehund  - und keine Zeremonie

Angekommen. Hannes Buchner beugt sich kurz über den Körper und nimmt den eher kleinen, toten Seehund unzeremoniell und mit geübtem Griff an seinen Haken.

"Sieht aus, als hätte der Atmungsprobleme, weil er aus´m Fang blutet."

"Moin! Hallo, Hannes Buchner hier... an der Kurverwaltung? Ja, und da an der Seebrücke?"

Schon wieder ein Seehundanruf; die vier amtlich bestellten, aber ehrenamtlich arbeitenden Seehundjäger von Föhr haben bei diesem Wetter oft alle Hände voll zu tun. Nicht jagen; ihre Aufgabe ist es - wie jetzt -, am Strand aufzuräumen und kranken Seehunden zu helfen.

"OK, ich kümmer´ mich."

Susi ist Hannes Ehefrau, ebenfalls Seehundjägerin und ebenfalls schon unterwegs. Sie sucht an der Westküste der Insel, etwa 10 km von hier.

- "Da vorne schwimmt noch einer!"
- "Die wohnen da!"
- "Ach so, dann ist das normal?"

Hannes wirkt leicht genervt. Wir haben kaum 20 Meter mit dem toten Seehund über den Strand geschafft, da spricht uns ein Urlauberpaar an:

- "Manchmal haben die was, dann kümmern wir uns."
- "Es gibt 15.000 Stück allein in Schleswig-Holstein"
- "Aha"
- "Wie weit ungefähr runter?"
- "Da vorne an der Kante."
- "Danke."

Aufklärung mit einem toten Seehund am Haken

Aufklärung gehört auch zu den Aufgaben der Seehundjäger, aber bei Windstärke 8 und fliegendem Sand fällt das Hannes Buchner offenbar nicht so leicht. Er legt den toten Seehund kurz ab und läuft - so schnell es in Gummistiefeln geht - die dreihundert Meter mit dem Wind zur nächsten Landzunge.

"Kann 'ne ganz gesunde sein, die einfach müde ist, gegen die Wellen anzuschwimmen."

Aber kein Seehund an der Stelle. Wir kehren um, sammeln den toten Seehund wieder ein. Er hat ein geflecktes Fell; filigrane Flossen und einen stromlinienförmigen, geschmeidigen Körper. Ein Auge ist leer; von einer Möwe ausgepickt.

"Ein Weibchen vom letzten Jahr, ja. Wenn sie jetzt tot sind, sind sie etwa 90 Zentimenter bis einen Meter lang und das ist´n mageres, die müssten eigentlich 30 Kilo haben jetzt."

Irgendetwas muss das Tier am Wachsen gehindert haben, erzählt Hannes beim Einsteigen. "Aber völlig normal" - 30 Prozent aller Jungtiere sterben innerhalb ihres ersten Lebensjahres, erzählt er: 

"Es berührt einen schon, wenn´s nem Tier schlecht geht. Es gibt welche, die sind wirklich jämmerlich dran. Wenn sie im finalen Stadium sind, dass sie eben schlecht Luft kriegen oder ganz dick vereiterte Gelenke haben, wo der Eiter schon raus quillt; das ist dann vorstellbar mit großen Schmerzen verbunden."

Oft braucht es auch einen gezielten Schuss

Solche Tiere erlöst Hannes Buchner mit einem gezielten Schuss. Aber wenn noch Hoffnung auf Heilung ist, dann schicken sie die Seehunde zum Aufpäppeln zur Seehundstation aufs Festland. Wenn sie sie einfangen können.

Wir sind angekommen und hier, am westlichen Ende der Insel, weht der Wind noch heftiger. Susi Buchner kommt uns entgegen; aufgeregt ist sie, eine halbe Stunde Katz-und-Maus mit dem Seehund: "Hi as jüst noch diar weesen ... diar jüst bi a kaant uun weeder .. .. wiar böös baang..."

Sie spricht Friesisch; er war gerade noch da, erzählt sie, ganz dicht am Ufer; er war sehr ängstlich. Mein Mikrofon hat Aussetzer bei dem Wind und ihre Mütze und Schal sind völlig versandet: "Üüb a rochter siidj as a flosse verletzt – die Flunke – flunke, jä; witjtst dü, hi kön ei krabble – hi as waler tu weeder gingen."

Seine rechte Flosse sei verletzt; er könne sich auf dem Sand nicht bewegen. Außerdem habe ein Hund ihn immer wieder ins Wasser zurückgejagt. Susi Buchner stemmt sich gegen den Wind. Ihre Augen suchen immer noch die peitschende See ab; sie will das Tier nicht aufgeben.

Sie zeigt auf einen kleinen schwarzen Punkt in den Wellen. Sie ist wütend auf den Urlauberhund, der das verletzte Jungtier immer wieder ins Wasser getrieben hat. Aber hier und jetzt, das muss selbst sie einsehen, wird dieser Seehund nicht mehr an Land gehen. Vielleicht findet sie ihn morgen, ein Stück weiter, wenn die See sich ein wenig beruhigt hat.

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