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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2005

Schwindel im Gesundheitssystem

"Spiegel"-Autor Jörg Blech über fragwürdige Therapien

Rezensiert von Susanne Nessler

Ist man der Medizin als Patient hilflos ausgeliefert? (AP)
Ist man der Medizin als Patient hilflos ausgeliefert? (AP)

Was alles am Patienten im Namen der Medizin unternommen wird, hat der "Spiegel"-Autor Jörg Blech unter die Lupe genommen. "Heillose Medizin" ist nach "Die Krankheitserfinder" sein zweites Buch zum Thema Lug und Trug in der medizinischen Praxis.

Bücher über die Tücken des Gesundheitssystems liegen zurzeit im Trend. Seit der Einführung von Praxisgebühr und der Zuzahlung zu Medikamenten sowie dem Angebot individueller Gesundheitsleistungen - alles Maßnahmen, die die Patienten stärker zur Kasse bitten - steigt auch die Zahl der kritische Sachbücher über dunklen Seiten der Medizin. Das neuste Werk aus diesem Themengebiet ist vom Spiegel-Autor Jörg Blech, heißt "Heillose Medizin".

Es geht um nutzlose Pillen, sinnlose Operationen, schlechte medizinische Beratung und 235 Milliarden Euro werden jährlich im deutschen Gesundheitssystem umgesetzt, das sind etwas mehr als elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Circa ein Drittel dieser Kosten ist laut kritischer Untersuchungen und Analysen vollkommen umsonst.

Was alles am Patienten im Namen der Medizin unternommen wird, hat der Spiegel Autor Jörg Blech unter die Lupe genommen. "Heillose Medizin" ist nach "Die Krankmacher" sein zweites Buch zum Thema Lug und Trug in der medizinischen Praxis.

In "Die Krankmacher" hatte der Autor zahlreiche neu erfundene Krankheitsbilder wie z.B. die Wechseljahre des Mannes kritisiert. Normale Befindlichkeitsstörungen, die Ärzte und Pharmakonzerne zu ernsthaften Erkrankungen erklären, um so neue Absatzmöglichkeiten für teure Medikamente zu schaffen.

Das neue Buch geht einen Schritt weiter. In "Heillose Medizin" geht es um seit Jahrzehnten praktizierte Therapien gegen die großen Volkskrankheiten, die ohne ersichtlichen Nutzen für die Patienten sind. Tumorbehandlungen bei Krebskranken, Kathederuntersuchungen bei Herzpatienten, Operationen an der Bandscheibe bei Menschen mit Rückenschmerzen, die alle samt keinen nachweisbaren Erfolg haben, aber trotzdem landauf, landab in deutschen Kliniken durchgeführt werden.

Was möglich ist, so die Kritik, wird gemacht. Ob es tatsächlich nötig ist, spielt dabei keine Rolle. Den Arzt interessiert das technisch Mögliche, schreibt Jörg Blech. Apparatemedizin statt Beratung.

Interessant ist, dass Ärzte selber nicht zur Schar der Operierten gehören. Sie geben offen zu, dass sie viele der Eingriffe, die sie tagtäglich durchführen, an sich selber nicht machen lassen würden. Auch Juristen sind kaum unter den OP willigen zu finden, denn Ärzte sind bei dieser Berufsgruppe sehr vorsichtig mit Therapieempfehlungen. Eindeutiger könnte die Antwort auf den Sinn und Nutzen vieler Behandlungen nicht sein, schreibt Jörg Blech.

Anhand zahlreicher Studien, die in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden, belegt der Autor seine Vorwürfe. Er zitiert Untersuchungen zu Scheinoperationen, die zum selben Ergebnis, wie ein tatsächlicher Eingriff führen. Placebo wirkt auch im Operationssaal. Den Patienten wird nur eine Narbe verpasst, sonst wird am Kniegelenk oder Rücken weiter nichts unternommen, und trotzdem verschwinden die Beschwerden.

Ebenso ist der vermeintliche Rückgang von Krebserkrankungen durch Früherkennung laut zahlreicher Studien Augenwischerei. In den vergangenen 25 Jahren sind die Heilungschancen bei Tumorerkrankungen tatsächlich nicht gestiegen. Verlängert wurde aber immerhin die Lebenszeit zwischen Diagnose und Tod. Dadurch sind Krebspatienten heute einfach nur länger krank, bemängelt der Autor und Krebsmediziner bestätigen das für Tumoren in Darm, Brust, Lunge und Prostata. Das größte deutsche Krebsregister an der Universität München hat über Jahrzehnte die Krankengeschichten Tausender Krebspatienten dokumentiert und ist zu diesem ernüchternden Schluss gelangt. Internationale Studien, z.B. aus den USA, kommen zu demselben Ergebnis.

Zugespitzte Formulierung und zahlreiche Zitate aus der Ärzteschaft machen das Buch - trotz des eigentlich unangenehmen Themas - zu einer spannenden Lektüre. Der Autor, Medizin Berichterstatter für den Spiegel, weiß wie man Leser unterhält und gleichzeitig informiert.

Ein guter Überblick, der allerdings nicht wirklich etwas Neues erzählt. Fast alle Studien und Untersuchungen waren schon in verschiedenen anderen Publikation zu lesen.
Zahlreiche Autoren, viele davon Journalisten, haben in den letzten Jahren Bücher über das marode deutsche Gesundheitssystem und die dunklen Seiten der Medizin geschrieben.
Seit Praxisgebühr, Zuzahlung zu Medikamenten und Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) Patienten stärker zur Kasse bitten, sind verständlich geschrieben Berichte über die Schattenseiten der Medizin eine begehrte Lektüre.

Das erste Buch des Spiegel-Autors vor zwei Jahren, stand wochenlang auf der Bestellerliste. Damit das neue Werk dies, angesichts der wachsenden Konkurrenz, vielleicht auch schafft, hat der Verlag es zeitgleich mit der Titelgeschichte des Spiegels zu diesem Thema als guten Überblick auf den Markt gebracht. Das Buch ist sicher ein wenig ausführlicher, bietet aber zusätzlich nur mehr Beispiele und Anekdoten aus der Praxis.

Jörg Blech: Heillose Medizin.
Fragwürdige Therapien und wie sie sich davor schützen können.
Fischer-Verlag Frankfurt, 2005
17,90 Euro

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