Dienstag, 30. Juni 2015MESZ14:48 Uhr

Politisches Feuilleton

D-Mark für alleDer Tag, an dem die Finanzmauer fiel
"Kommt die DM bleiben wir kommt sie nicht geh'n wir zu ihr!" ist auf einem Transparent zu lesen, das ein Paar bei einer Montagsdemonstration am 12.2.1990 in Leipzig mit sich führt. Die von den Demonstranten hier geforderte Einführung der D-Mark in der DDR wurde im Rahmen der per Staatsvertrag vereinbarten Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1.7.1990 realisiert. Sie bildete einen entscheidenden Schritt zur Wiedervereinigung der beiden deutsche Staaten am 3.10.1990. (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)

Als die D-Mark in die DDR kam, vereinte das zwar die Deutschen insgesamt. Es spaltete aber die Ostdeutschen, meint der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow. Man konnte schnell an Geld kommen - und es genauso schnell verlieren.Mehr

Kirill PetrenkoNationale Misstöne der Musikkritik
Der russische Dirigent Kirill Petrenko (dpa / picture alliance / Frank Leonhardt)

Kirill Petrenko wird 2018 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Einige feierten die Entscheidung als mutig, doch zum Teil mischten sich nationalkulturelle Misstöne in die Kritik. Empörend sei das, meint Uwe Friedrich.Mehr

FamilienrechtDas "Kindeswohl" ist eine leere Floskel
Ein Vater lässt am 16.03.2014 in Berlin auf dem Teufelsberg bei starkem Wind und dicht bewölktem Himmel mit seinem Sohn einen Drachen steigen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Wenn Eltern sich trennen, leiden die Kinder - und Familiengerichte müssen retten, was zu retten ist. Soweit die Theorie. Doch in Wirklichkeit, sagt der Künstler und Publizist Peter Kees, sorgen die Gerichte oft dafür, dass der Schaden noch größer wird.Mehr

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.01.2013

Schuldzuweisungen im Standardformat

Die unschuldige Masse und der tragische Einzelfall

Von Martin Tschechne

Verzweifelte Mienen beim Trauergottesdienst für die Opfer des Amoklaufs im amerikanischen Newtown. (picture alliance / dpa / Andrew Gombert / Pool)
Verzweifelte Mienen beim Trauergottesdienst für die Opfer des Amoklaufs im amerikanischen Newtown. (picture alliance / dpa / Andrew Gombert / Pool)

Auf der einen Seite die ehrliche Masse - auf der anderen der einzelne Wahnsinnige: Das ist ein Argumentationsmuster, das nicht nur die amerikanische Waffenindustrie gerne benutzt. Die Psyche des Einzelnen dient allzu oft als willkommene Ausrede für die Allgemeinheit, meint der Psychologe Martin Tschechne.

Natürlich hat der Attentäter vorher Ballerspiele gespielt. Das passt eigentlich immer. Oder er hat sich Gewaltvideos angeschaut. Es gibt Schuldzuweisungen im Standardformat, die immer wieder aufkommen, wenn ein Einzelner etwas verbrochen hat, was eigentlich in einem viel größeren Zusammenhang entstanden ist: in einer Generation, einer Kultur, einer Wirtschaftsordnung. Weil es nämlich viel einfacher ist, einen Einzelnen abzustempeln, als ein System zu verändern.

In der entsprechenden Altersgruppe ist Ballern ein Volkssport. Manche tun es heimlich, weil die Eltern es verbieten, manche mehr oder minder offen, weil die Eltern es aufgegeben haben, gegen eine ganze Industrie der absichtsvollen Verrohung anzukämpfen. Aber was besagt die eigentlich so überzeugende Verknüpfung von bösen Spielen und bösen Taten? Im Grunde gar nichts mehr. Ihr Erklärungswert im Einzelfall geht gegen Null. Denn wenn alle am Bildschirm Gewalt einüben, dann könnten Medienforscher eigentlich nur noch fragen: Warum gibt es immer noch einige, die nicht irgendwann in eine Schule rennen und wirkliche Lehrer und Kinder niederschießen?

Mit der Statistik ist es nicht leicht. Schon gar nicht mit der Deutung dessen, was sie in zunächst einmal unschuldigen Zahlen vorgibt. Ein Zusammenhang sagt noch nichts über seine Ursachen aus. Zum Beispiel das Massaker von Newtown vor einem Monat: Jeder ahnt, dass es etwas zu tun hat mit dem grotesk freizügigen Umgang der Amerikaner mit Feuerwaffen. Jeder ahnt, dass jährlich mehr als 30.000 Tote durch Schussverletzungen in einem zivilisierten Land nicht das Abbild einer realen Bedrohung sein können. Da läuft anderes schief. Und trotzdem behaupten die Waffenlobby und die halsstarrigen Fundamentalisten unter den Konservativen, es handele sich um einzelne, verwirrte Seelen.

Das Problem mit Statistik ist, dass sie sich von Interessen leiten lässt und ihnen den Anschein von sachlicher Berechtigung gibt. Oft sind es die Interessen einer Wirtschaftsbranche, oft auch die einer Gemeinschaft, die nicht in Angst und Unruhe versetzt werden will. Eine auffällige Häufung von Leukämie-Erkrankungen in der Nachbarschaft von Atomkraftwerken? Nein, ein zwingender Zusammenhang lässt sich im Einzelfall nicht nachweisen. Eine Zunahme von Gewalt an Schulen? Vom Krabbelalter an erleben Kinder im Fernsehen täglich hundert Vergewaltigungen, Rachemorde oder Raubüberfälle. Aber wer liefert den Beweis im Einzelfall? Eine erhöhte Gefahr von Lungenkrebs bei Rauchern? Die Tabakindustrie konnte Jahrzehnte lang jede Verantwortung von sich weisen.

So läuft es mit der Interpretation von Selbstmordraten und Alkoholiker-Zahlen, von Schulabbrechern, Verkehrstoten, Ehescheidungen und misshandelten Kindern, mit der Zunahme von Depression unter Menschen, die an ständig wachsenden Anforderungen im Arbeitsleben zerbrechen. Oder die überhaupt keine Arbeit mehr finden und eben daran zerbrechen: Ein Zusammenhang zwischen dem Einzelfall und der Vielzahl von möglichen Einflüssen lässt sich nur in Form von Wahrscheinlichkeiten ausdrücken – und wenn einer nur wahrscheinlich vom Rauchen seinen Krebs bekommen hat, dann kann auch keiner dafür zur Verantwortung gezogen werden. Vielleicht war es ja auch die schlechte Luft in der Stadt oder der Asbest in seinem Büro.

Pech gehabt hat eben der Einzelne, den es gerade erwischt, als Opfer oder als Täter. Das private Fernsehen zeigt im Familienprogramm Filme, die verletzten Stolz als Anlass zu blutiger Rache legitimieren. Die Atom-Wirtschaft – vorerst in Japan – kehrt zur Kernenergie zurück. Weil nichts sich beweisen lässt. Erstaunlich eigentlich, dass wir uns das Rauchen abgewöhnen. Die Personalabteilung halbiert die Belegschaft. Und Amerika braucht mehr Feuerwaffen. Wenn etwas passiert, war es natürlich wieder ein tragischer Einzelfall.

Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg. Als promovierter Psychologe weiß er, wie leicht sich Statistik missbrauchen lässt, um Ursachen vorzutäuschen oder tatsächliche Zusammenhänge zu verwischen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie zeichnete ihn kürzlich mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern (Verlag Ellert & Richter, 2010).