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Lesart | Beitrag vom 22.03.2016

Schriftsteller Nir Baram aus IsraelAutor und Aktivist

Von Ruth Kinet

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Der israelische Journalist und Autor Nir Baram auf einem Bild aus dem Jahr 2012. (Imago / Leemage)
Nir Baram lässt keine Gelegenheit zur Debatte ungenutzt. (Imago / Leemage)

Der israelische Schriftsteller Nir Baram ist erblich vorbelastet. Als Enkel von Mosche Baram und Sohn von Uzi Baram, die beide Minister der Arbeitspartei waren, ist er zu apolitischem Denken nicht fähig. Ruth Kinet hat ihn beim Debattieren begleitet.

Eine Privatwohnung in Neve Zedek, Tel Aviv. 15 Leute, versammelt um einen niedrigen Holztisch: Die Kinder auf dem Sofa, die Erwachsenen auf Hockern und Stühlen. Sie sind gekommen, um Nir Baram kennenzulernen, den jüdisch-israelischen Schriftsteller und Muawia Kabha, einen arabisch-israelischen Rettungssanitäter.

Muawia Kabha hat Nir Baram gegoogelt. "Wir sind gleich alt", sagt er. "Beide 76 geboren." "Muss das jetzt sein?", fragt Nir. Er will wissen woher Muawia kommt. "Aus Um-El-Kutuf bei Charish", erzählt der. Anders als alle anderen im Raum weiß Nir Baram sofort, wo das ist. Vor Kurzem erst war er im Nachbarort, in Barta. "Da würde ich nie hingehen", sagt Muawia. "Da gibt's so viele Araber!"

Oft in Schulen zu Besuch

In Barta heißen auch alle Kabha, so wie Muawia. Nir Baram hat sich in Barta mit arabischen Oberstufenschülern getroffen. Das macht er oft. Schulen besuchen, mit Jugendlichen sprechen:

"Die meisten kannten kaum Juden, ganz anders als ihre Eltern übrigens. Und wenn ich in eine jüdische Schule gehe, dann haben von 1000 Oberstufen-Schülern 850 noch nie einen Araber gesehen. Als ich in ihrem Alter war, war das noch nicht so extrem."

Keiner widerspricht. Juden und Araber leben in getrennten Welten. Das ist heute israelische Normalität. Aber Muawia kennt diese Trennung auch schon aus seiner Kindheit:

"Unser kleines Dorf war völlig abgekoppelt von der Welt. Bis vor wenigen Jahren gab es keinen Strom, es gab keine Straßen, keine Straßenbeleuchtung. Bis ich in die zehnte Klasse kam, kannte ich Israel nicht, nur die Dörfer nebenan. Ich hätte gern viel früher die Chance gehabt, teilzuhaben am gesellschaftlichen Leben hier im Land."

Heute versucht Muawia, alles nachzuholen. Im Herbst macht er seinen fünften Hochschulabschluss. Muawia Kabha möchte, dass die israelischen Araber vollwertige Mitglieder der israelischen Gesellschaft werden. Mit allen Rechten und Pflichten.

Schulddebatten bringen nicht viel

Muawia kommt es darauf an, dass die arabischen Israelis nicht nur auf ihre Rechte pochen, sondern auch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich für den Staat und die Gesellschaft zu engagieren. Schulddebatten boykottiert er:

Muawia: "Nir, ehrlich, wir sind in einer Situation, in der's immer um die Frage geht, ob die Henne zuerst da war oder das Ei. Und echt, es gibt keine Antwort auf diese Frage."
Nir: "An welche Lösung glaubst Du?"
Muawia: "Ich sage Dir jetzt die Wahrheit. Ich glaube nicht daran, dass man hier zwei Staaten für zwei Völker schaffen kann."
Nir: "Ich auch nicht"
Muawia: "Fahr nach Samaria und schau wie da eine jüdische Siedlung neben einem arabischen Dorf liegt und daneben wieder eine Siedlung. Ich glaube nicht daran, dass man das Land aufteilen und die Dörfer und Siedlungen auseinanderreißen kann."

Vor drei Jahren hat sich Nir Baram einer palästinensisch-israelischen Initiative angeschlossen, die einen Gegenentwurf zum viel beschworenen Phantom, der sogenannten Zwei-Staaten-Lösung, erarbeitet hat. "Zwei Staaten, eine Heimat", das ist der Plan:

"Unsere Initiative geht davon aus, dass man die beiden Völker nicht auseinanderreißen kann. Es ist einfach nicht realistisch, dass man 200.000 Leute aus ihren Siedlungen zerrt. Wir denken, das ganze Land soll den Palästinensern und den Juden gehören. Aber es soll darin zwei souveräne Staaten geben. Und alle Bürger genießen im gesamten Territorium vollkommene Bewegungsfreiheit."

Zwei-Staaten-Lösung verliert Zuspruch

Die Zwei-Staaten-Lösung hat in Israel immer weniger Fürsprecher. Auch Muawia Kabha glaubt nicht daran. Er hat kein Vertrauen mehr in die politische Klasse. Aber immerhin traut er der gegenwärtigen Regierung von Benyamin Netanyahu zu, dass er die Bürger Israels vor dem sogenannten Islamischen Staat beschützen werde.

Nir Baram: "Mein Vater war Knesset-Abgeordneter und manchmal kam er weiß wie die Wand nach Hause, wenn die Generäle ihm wieder das Gefährdungspotenzial eines Zwei-Fronten-Kriegs mit Ägypten und Syrien geschildert hatten. Diese Gefahr ist heute gebannt. Jetzt fürchten wir uns vor ein paar Leuten mit vier Jeeps. Die Bedrohung Israels heute ist – verglichen mit vor 30, 40 Jahren – gleich Null."

Keiner in der Runde scheint sich da so sicher wie der Schriftsteller. Nach zweieinhalb Stunden intensiver Debatte verabschiedet er sich. Aufgewühlt und im fruchtbaren Dissens.

Nach Debatten wie diesen hungert Nir Baram. Wenn er sie nicht hätte, würde ihm die Luft knapp werden in der Tel Aviver Blase. Sein neuestes Buch soll die israelischen Linken aus ihrer Apathie reißen, sie mitten hinein werfen in die Lebenswirklichkeit jenseits der Trennmauer.

Nir Baram: Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete
Reportagen
Hanser-Verlag, München 2016
304 Seiten, 22,90 Euro
Finden Sie hier eine Rezension von Carsten Hueck in der "Lesart".

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