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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.08.2012

Schräger Schlitten-Trip durch Sibirien

Vladimir Sorokin: "Der Schneesturm", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 207 Seiten

Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Sex und Drogen, Kufenbruch und Wolfsrudel: Vladimir Sorokin erzählt von der abenteuerlichen Schlittenfahrt eines Landarztes. Dabei spielt er mit vielfältigen Motive aus der klassischen Literatur - und parodiert zugleich die Situation im heutigen Russland.

Immer wieder nimmt sich Vladimir Sorokin die russische Literaturtradition vor. Dass da jedes Mal auch nationalgeschichtliche Bilder, Mythen und Klischees angesprochen sind, liegt auf der Hand. Die Ergebnisse fallen ganz unterschiedlich aus. Im Roman "Roman" ist die Unternehmung grandios gescheitert, "Der himmelblaue Speck" geriet zu einer hinreißend komischen Historien-Groteske, "Der Tag des Opritschniks" zu einer bösen Fantasy-Satire, die Mittelalter und Gegenwart/Zukunft auf eine bedrückende Weise zusammenspannte. In seinem jüngsten Roman setzt er dies in mancherlei Hinsicht fort.

Wenn auch in "Der Schneesturm" nicht das 16., sondern eher das 19. Jahrhundert aufgerufen wird als Resonanzraum für das künftig Gegenwärtige. "Der Landarzt Platon Iljitsch Garin war ein großer, kräftiger 42-jähriger Mann mit einem steten Ausdruck konzentrierter Unzufriedenheit im schmalen, sorgfältig glatt rasierten Gesicht." Allein dieser Satz parodiert heftig jenen Typus des fortschrittswilligen, energiegeladenen Intellektuellen, der den Verhältnissen beikommen, sie verändern will, genau so, wie er von Gogol über Turgenjew bis Tschechow immer wieder beschrieben worden ist.

Hinzu kommen vielfältige Motive der klassischen russischen Literatur: vom unterwürfigen Mann aus dem einfachen Volk – in diesem Fall der Kutscher Krächz – über die Schlittenfahrt durch sibirische Unwegsamkeiten (selbst Rasputins Geburtsort Pokrowskoje wird erwähnt), den titelgebenden Schneesturm bis hin zum Scheitern des Helden, der gegen die widrige Umwelt, gegen die unseligen Verhältnisse einfach nicht ankommt.

Aufgebrochen, um bei der Eindämmung der "schwarzen Pest" zu helfen, wird der Landarzt im angesteuerten Ort Dolgoje nie ankommen. Nicht alles sind dabei Widrigkeiten. Genüsslicher Sex mit der sinnlichen Frau des kleinwüchsigen Mühlenbesitzers, bei dem man Nachtquartier erbitten muss auf der beschwerlichen Reise, ein beeindruckender Drogen-Trip auf dem seltsamen Anwesen der "Dopaminierer", wo man ein frisch entwickeltes Produkt testen darf, nicht zuletzt die erst ganz zum Schluss ausgehenden Zigaretten, die der Doktor immer wieder gierig raucht, das sind durchaus beglückende Momente dieser Schlittenfahrt.

Aber es sind nur Momente. Der Hauptteil des Textes ist den Komplikationen der Reise gewidmet, vom Kufenbruch bis zu einem Wolfsrudel, das sich gefährlich nähert, oder einer Schneewehe, in der das Fahrzeug versinkt. Das quälende Gefühl, dass man, Tatkraft und Willen her oder hin, einfach nicht voran kommt, dass die Reise ihr angestrebtes Ziel nie erreichen wird, entwickelt sich zum eigentlichen Gegenstand des Textes.

Verlagert in eine merkwürdige Zukunft, in der man Hologramm-Radio sieht und in der kleinwüchsige "Pferdis" (nicht größer als ein Rebhuhn) die Schlittenkutsche ziehen, in der jene schwarze Pest offenbar Zombies produziert, dabei altertümelnd in der Sprache und im erzählerischen Gestus, zielt Sorokins Roman ganz offensichtlich auf die Schnittstelle beider Welten, die Gegenwart. Bissig und witzig, sich berauschend an seiner parodistischen Sprachlust, kommentiert Vladimir Sorokin die Situation Russlands: unterwegs auf gebrochener Kufe hin zu einem unerreichbaren Ziel, durch Sturm und Schnee und endlose, meist dunkle Weiten.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Vladimir Sorokin: Der Schneesturm
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
207 Seiten, 17,99 Euro