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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.11.2010

Schonungslose Selbstbeobachtung

"Schnupfen im Kopf" ist ein filmisches Porträt einer an Psychose erkrankten Filmemacherin

Von Christian Berndt

Szene aus dem Film "Schnupfen im Kopf" (Verleih GMfilms)
Szene aus dem Film "Schnupfen im Kopf" (Verleih GMfilms)

Mit 30 Jahren erhielt sie nach einem Nervenzusammenbruch die erschütternde Diagnose: Psychose. Die in Berlin lebende Filmemacherin Gamma Bak machte aus ihrem Schicksal einen Dokumentarfilm, der nun ins Kino kommt.

Gamma Bak ist 30 Jahre alt, als sie merkt, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Nach der schmerzhaften Trennung von ihrem Freund fängt sie an, in ihrer Wohnung sinnlos Sachen zu stapeln, ist extrem verwirrt. Mit ihrer Mutter geht sie schließlich in eine Klinik. Die Diagnose: Psychose - eine Krankheit, die ihr gesamtes Leben verändern wird:

"Das Traurigste für mich ist eigentlich, dass die Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist. Seit diese Diagnose mir anhaftet, ist es auch so, dass ich Sachen, die ich früher normal fand - mich sehr zu freuen über etwas oder euphorisch zu werden – dass ich das mit Misstrauen begutachten muss. Denn es könnte ja der Anfang einer Psychose sein."

Eine Folge der Krankheit sind unkontrollierbare Gefühlsausbrüche wie im Drogenrausch bis hin zu aggressiven Anfällen. Zur Linderung bekommt Gamma starke Medikamente. Sie nimmt 20 Kilo zu, die Neuroleptika töten sämtliche Gefühlsregungen ab. Dann immer wieder Versuche, ohne die Psychopharmaka auszukommen:

"Ich habe ziemliche Angst im Moment, dass der Gedanke, die Medikamente abzusetzen, an sich schon psychotisch ist."

Erschütternd zu erleben, wie die Psychose die Denkfähigkeit in Frage stellt. Aber auch das Umfeld stürzt die Krankheit in existenzielle Krisen, wie Gammas Ex-Freund erzählt:

"In der Zeit, in der ich Gamma jeden Tag erlebt habe, habe ich gemerkt, dass ich Schritt um Schritt um Schritt die Krisen mitgemacht habe. Jemand, der geht und geht und plötzlich merkt, er steht an einem Abgrund. Er steht an einem Abgrund und hat es gar nicht gemerkt."

Die jahrelange Beobachtung bietet ein komplexes Bild ohne eindeutige Erklärungen. Vielmehr führen die Kommentare der Betroffenen auch zu Fragen nach der familiären und sozialen Identität - bis hin zu den jüdischen Wurzeln von Gammas Familie, die etwa Gammas Cousin als Grund für ihre Krankheit ansieht:

"Dies ist eine sehr seltsame Familie, über die du jetzt durch dich redest. Sie verbindet deutsche Kultur mit jüdischer Tradition bis hin zum Holocaust. Es gibt Traumata, die niemals zu heilen sind. In einer Familie entstehen immer Opfer, die versuchen, die ganzen Probleme der Familie aufzufangen und aufzuarbeiten, und die machen sie krank."

Am Schluss des Films steht keine Heilung. Aber die Erkenntnis, wie sehr erst die Krankheit die Brüchigkeit der Normalität aufdeckt.

Filmhomepage

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