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Religionen / Archiv | Beitrag vom 20.02.2010

Schmerzliches Ritual

Beschneidung von Jungen als Körperverletzung?

Von Michael Hollenbach

Zum jüdischen Glauben gehört die Beschneidung. (AP Archiv)
Zum jüdischen Glauben gehört die Beschneidung. (AP Archiv)

In der Regel werden in jüdischen und muslimischen Familien die Söhne beschnitten. Ein Ritual, das auf die ältesten Schriften der Bibel zurückgeht, aber auch strafrechtlich umstritten scheint: Einige Juristen behaupten, die Beschneidung sei eine Körperverletzung.

"Die Beschneidung ist eines der ersten Gebote in der Tora, es ist ein Zeichen für den Bund, den Gott mit Abraham und dann mit allen nachfolgenden Generationen geschlossen hat."

"Und seitdem sagen wir auch, dass Abraham ist der Vater der semitischen Religion."

Die Rabbiner Jonah Sievers und Gabor Lengyel betonen die religiöse Bedeutung der Beschneidung der Jungen, der Brit Mila, kurz nach der Geburt. Dabei berufen sie sich auf Genesis, Kapitel 17, Vers 10-14:

"Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten soll. Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden. Ein Unbeschnittener, eine männliche Person, die am Fleisch ihrer Vorhaut nicht beschnitten ist, soll aus ihrem Stammesverband ausgemerzt werden. Er hat meinen Bund gebrochen."

Am Schabbat sollte man nicht arbeiten. Dieses Gebot, Beschneidung zu machen, ist höher als Schabbat, das heißt, am achten Tag darf man am Schabbat Beschneidungen durchführen. Nur bei Frühgeborenen oder erkrankten Säuglingen darf die Beschneidung verschoben werden: auf den achten Tag nach der Gesundung.

Im Christentum wird zum Teil bis heute das Fest der Beschneidung des Herrn gefeiert: acht Tage nach Weihnachten, am 1. Januar. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der römisch-katholischen Kirche das Fest allerdings abgeschafft.

"Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt durch Deine Gebote und uns die Beschneidung befohlen."

Die Beschneidung wird im Judentum mit einem Familienfest gefeiert. Die Mutter des Kindes zündet Kerzen an, der Sohn wird auf einem Kissen in das Zimmer getragen und auf den sogenannten Eliastuhl gelegt. Der Prophet Elia ist der Schutzherr der Beschneidung.

Bei der Brit Mila erhält der Junge auch seinen jüdischen Namen. Dennoch ist diese Zeremonie nicht vergleichbar mit der christlichen Taufe, bei der der Täufling in die Gemeinde aufgenommen wird, sagt Jonah Sievers.

"Sie sind Jude, egal, ob sie beschnitten sind oder nicht."

Allerdings heißt es in einer Schrift des Zentralrats der Juden:

"Wer seinen Sohn nicht beschneiden lässt und derjenige, der dies auch nach der Vollendung des 13. Lebensjahres nicht nachholt, stellt sich außerhalb des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel."

Das ist für das Judentum in Deutschland ein großes Problem, denn die Mehrzahl der Juden hierzulande ist in den vergangenen 20 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Die Söhne wurden dort – wegen der Repressalien - in der Regel nicht beschnitten, und haben sich auch als Erwachsene in Deutschland nicht mehr beschneiden lassen. Lengyel:

"In der Tat erleben wir, dass viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, wo diese Religion auch unterdrückt war, und natürlich brauchte man für eine Beschneidung eine bestimmte Person, und die war nicht da, oder auch aus berechtigter Angst hat man das nicht gemacht. Mit diesen Juden müssen wir leben."

Die Beschneidung bei Jungen ist ein Jahrtausende alter Brauch, den die Juden von den Ägyptern übernommen haben. Allerdings wurden bei den Ägyptern nicht die Säuglinge, sondern die Jugendlichen beschnitten: mit einem Steinmesser. Ein sehr schmerzhafter Brauch auf dem Weg vom Knaben zum Mann.

Die jüdische Brit Mila ist dagegen ein sehr früher Initiationsritus. Warum die Verbindung des jüdischen Säuglings zu Gott ausgerechnet mit der Beschneidung der Vorhaut einhergeht, ist bis heute nicht geklärt. Eine der Thesen: Die rituelle Beschneidung war ursprünglich eine Transformation des archaischen Erstlingsopfers. Die Opferung des Erstgeborenen wurde in die Beschneidung des Sexualorgans umgewandelt. Der Rabbiner Gabor Lengyel hat eine andere Erklärung:

"Im Judentum spielt der Geist eine große Rolle, aber man wollte das auch körperlich zeigen. Seitdem ist das eine Regel geworden in der gesamten jüdischen Geschichte. Man könnte auch sagen: Auch wenn man sich vollkommen entfernt von der Religion, diese Zugehörigkeit zum jüdischen Volk zeichnete Juden immer wieder aus."

Auch in muslimischen Familien werden die Jungen beschnitten; allerdings gibt es hier keine genauen Vorgaben wie im Judentum.

"Es ist kein Gebot im Islam, es hat keine besondere Bedeutung, das heißt, der Prophet empfiehlt es den Muslimen, weil das eine alte jüdische Tradition ist, die zurückgeführt wird auf den Propheten Abraham … "

… erläutert der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Ucar. Obwohl es religiös nicht verpflichtend ist, wird es aber bei fast allen muslimischen Jungen praktiziert:

"Die Beschneidung gilt bei sehr vielen Muslimen als ein Ritus, der zur Aufnahme in den Islam gedacht ist, und das hat daher auch eine große Bedeutung bei den einfachen Leuten."

Anders als im Judentum muss die Beschneidung aber nicht am achten Tag erfolgen:

"Man kann das direkt nach der Geburt vollziehen; bis zur Pubertät ist es möglich, aber in der Regel ist es so, dass man die Kinder im Alter von drei, vier, fünf Jahren beschneidet. Das ist so, dass die Großfamilie zusammenkommt und die Beschneidung wird vollzogen durch den Arzt."

Schluss mit rituellen Beschneidungen. Das fordert zumindest der Bochumer Kriminologe Holm Putzke:

"Wenn ein Arzt einen medizinisch nicht-indizierten Eingriff vornimmt und es liegt keine wirksame Einwilligung vor, dann macht der Arzt sich strafbar."

Im Klartext heißt das: Ein Arzt darf – nach Meinung des Juristen - die Vorhaut eines Jungen nur beschneiden, wenn eine Krankheit vorliegt. Nimmt der Mediziner den Eingriff allein aus religiösen Gründen vor, sei das eine Körperverletzung.

Ein Teil der Ärzte reagiert auf diese Juristenmeinung zur männlichen Beschneidung – oder wie es medizinisch heißt: Zirkumzision - irritiert, gesteht Benno Ure, Leiter der Kinderchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover:

"Es besteht eine Unsicherheit, mit der wir umgehen müssen, indem wir sehr restriktiv mit den Zirkumzisionen umgehen und an meiner Institution Beschneidungen aus religiösen Gründen nicht durchgeführt werden."

Die religiöse Beschneidung als eine Straftat? Der Rabbiner Jonah Sievers kennt die Diskussion unter Juristen und Medizinern.

"Ich bin mehr als unglücklich über diese Entwicklung, weil eine Grauzone kreiert werden könnte, wo ein Gebot, und dass muss man sich noch mal vergegenwärtigen, dass von Juden auch unter Lebensgefahr noch beachtet wurde, auch von ganz liberalen Juden, es ist so ein kultureller Bestandteil, auch eine Frage der Identität, dass es für uns schon dramatische Auswirkungen hätte, wenn entscheiden würde, das geht erst ab einem Alter XYZ."

Genau das hat der Jurist Holm Putzke im Blick. Da der Säugling oder das Kind noch nicht selbst entscheiden könne, sollten die Eltern mit der Beschneidung doch einfach warten.

"Wenn man auf das Alter schaut, wann ist jemand einwilligungsfähig, dann muss man sagen: Man kann die Einwilligungsfähigkeit mit 14 oder 15 annehmen. In meinen Augen ist es ohne Weiteres möglich, bis zu diesem Zeitpunkt zu warten, das heißt, dass das Kind dann selbst entscheiden kann, ob es diesen Eingriff möchte oder nicht."

Dem hält Rabbiner Jonah Sievers ironisch entgegen:

"Wenn die Kinder in der Pubertät sind, ist das natürlich ein sehr guter Zeitpunkt, um über solche Sachen wir Beschneidung zu reden."

Muslime und Juden berufen sich auf die Religionsfreiheit, wenn sie auf den religiösen und identitätsstiftenden Charakter der Beschneidung hinweisen. Dem hält der Bochumer Jurist entgegen:

"Das Grundrecht auf Religionsfreiheit in Artikel 4, das ist zwar auf den ersten Blick gewährleistet, also da gibt es keine Einschränkungen, aber nur auf den ersten Blick, auf den zweiten Blick können selbstverständlich andere Grundrechte den Artikel 4 einschränken, und zu diesen anderen Grundrechten gehört das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit."

Der Kinderchirurg Benno Ure kennt natürlich dieses Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Und auch wenn er an seiner Hochschule eine rituelle Beschneidung nicht vornehmen lassen würde, plädiert er doch dafür, den religiösen Aspekt zu betrachten:

"Es gibt einen kulturellen Hintergrund, in dem diese Beschneidung für notwendig gehalten wird. Denn auf dem Hintergrund, dass 30 Prozent der männlichen Bevölkerung weltweit beschnitten sind und 70 Prozent von diesen aus religiösen Gründen, dann muss man doch feststellen, dass hier fast ein Normalzustand herrscht, und dass man doch hier im Sinne einer Identifikation mit der eigenen Kultur eine Zirkumzision durchaus als legitim bezeichnen kann."

Interessanterweise wird eine Beschneidung aber nicht nur aus religiös-rituellen Gründen vorgenommen. In den USA gehört es – auch bei Christen – quasi zum guten Ton, die Söhne beschneiden zu lassen. Rund die Hälfte der männlichen Neugeborenen wird in den USA beschnitten. Dass das gesundheitliche Vorteile habe, konnten neuere wissenschaftliche Untersuchungen nicht bestätigen. Und seit einigen Jahren nimmt in den USA die Zahl derjenige ab, die ihre Söhne nicht aus religiösen Gründen beschneiden lassen.

Auch der Kinderchirurg Benno Ure sieht keinen medizinischen Vorteil in einer Beschneidung.

"Wir wissen, dass das mit einer erhöhten Komplikationsrate einhergeht, auch später im Leben mit einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit, denn wenn der Eingriff durchgeführt wird ohne vernünftige Schmerztherapie, wird der Körper sensibilisiert, auf spätere Schmerzreize stärker zu reagieren."

Beim Rabbiner Jonah Sievers schrillen die Alarmglocken, wenn die Beschneidung, eines der wesentlichen religiösen Gebote des Judentums und des Islams, in den Ruch des Strafbaren gerät. Denn Brit Mila war in der jüdischen Geschichte immer einer jener Bräuche, die von fremden Herrschern am stärksten verfolgt wurden. Nicht selten stand auf einer Beschneidung die Todesstrafe.

"Das ist ja verbunden auch gern mit der Schechita, dem rituellen Schächten von Tieren, das sind doch zwei Punkte, wo man doch die Angst haben könnte, dass die Religionsfreiheit durch die Hintertür aufgeweicht wird."

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