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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.03.2015

Schleswig-HolsteinSpitzenreiter in Sachen Latein

Von Dietrich Mohaupt

Die Lehrerin Dr. Silvia Schischwani unterichtet in einer 8. Klasse. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Reges Treiben herrscht im Lateinunterricht - in Schleswig-Holstein keine Ausnahme. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Latein lebt - zumindest an den Schulen Schleswig-Holsteins. Das nördliche Bundesland hat sich seit der Jahrtausendwende zu einer Latein-Hochburg entwickelt, über elf Prozent der Schüler lernen hier die tote Sprache.

Von wegen "Latinum ad Latrinam" (Latinum in die Latrine) – davon ist morgens um kurz vor acht Uhr in der Humboldt-Schule in Kiel nichts zu spüren.

"Salvete, discipulae discipulique – Salve Magister!"

Alexander Bethke begrüßt die achte Klasse zum Lateinunterricht – und dann geht es erst einmal an die Hausaufgaben vom Vortag, die Übersetzung eines Textes über die Vita Ciceros. Solche Übersetzungen sind die Basis für den Lateinunterricht. Es ist pure Fleißarbeit: Vokabeln pauken, Fälle auswendig lernen – und immer wieder abfragen.

"Dekliniere lateinisch und deutsch im Singular den Ausdruck honor lausque. / Honor lausque – der Ruhm und die Ehre,  honoris laudesque – des Ruhms und der Ehre, honori laudique – dem Ruhm und der Ehre, honore laudeque – durch den Ruhm und durch die Ehre. Das ist gut!"

Wie gesagt – Fleißarbeit, aber eben nicht nur. Mit dem pauken von Vokabeln, dem deklinieren, abfragen und übersetzen haben die Schülerinnen und Schüler nur einen kleinen Teil des Lateinunterrichts gemeistert, betont Alexander Bethke.

"Das ist sozusagen der Bereich Latein – da beweisen sie, dass sie Latein können. Und dann kommt der zweite Bereich, der Bereich Deutsch – dann wollen wir aus dieser Übersetzung eine gute Übersetzung machen. Also – es geht auch darum lateinisch übersetzen zu können, es geht aber vor allem darum, dass die besonders gut Deutsch können."  

Versuch, die alten Texte angemessen zu übersetzen

In der Klasse werden Aufgabenzettel verteilt mit einer fertigen Übersetzung des Textes über Cicero aus der Hausaufgabe. Einige Passagen sind sehr wörtlich übersetzt - zum Beispiel: "Wie viele berühmte Taten er ausführte, so viele Ehren wurden ihm zugeteilt." Das klingt nicht gut, das ist kein angemessenes Deutsch, meint Alexander Bethke und fragt in die Runde:

"Welche Übersetzung hast Du in angemessenem Deutsch? / Je mehr gute Taten er ausführte, desto berühmter wurde er. / Gut – im Deutschen haben wir jetzt eine andere Wortzusammenstellung. Taten werden im Deutschen in der Regel nicht ausgeführt, sondern Taten werden im Deutschen… was ist das normale Wort, das an der Stelle kommt? Da hast Du aber eine große Tat… / …vollbracht? / Ja – genau das meine ich."

Ein kleines Beispiel nur, es zeigt aber, worauf Alexander Bethke abzielt. Es geht um mehr als um Spracherwerb, es geht um den Erwerb von Sprachkompetenz.

"Zentraler Punkt im Lateinunterricht ist das übersetzen – und je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto anspruchsvoller werden die lateinischen Texte. Das heißt: Schülerinnen und Schüler sind dauernd aufgerufen, niveauvolles Latein in niveauvolles Deutsch zu bringen. Sie müssen also dauernd niveauvolle deutsche Sätze bilden – und das bildet die Sprachkompetenz."

Helmut Siegmon, Landesvorsitzender des Schleswig-Holsteinischen Philologenverbandes, nimmt diese Vorlage auf – und geht sogar noch ein Stück weiter. Für ihn ist Latein ein ganz wichtiges Werkzeug, das mit Logik und Präzision besticht – ähnlich wie Programmierarbeiten am Computer zum Beispiel.

"Wenn man programmieren will beispielsweise – da geht es um eine präzise Syntax und da darf kein Punkt und kein Komma fehlen. Und ich glaube, dass also diese Tugend in der Schule viel zu selten vorkommt. Man schnackt so wie man möchte, und man pfuscht es mal so dahin und das ist schon in Ordnung. Insofern – denke ich – ist es ganz wichtig, dass also auch Fächer da sind, wo man genau sich einen Satz mal anguckt, wie ist er aufgebaut, wie ist er strukturiert?"  

Großes Interesse am Lateinunterricht

Und genau das reizt offenbar seit ein paar Jahren immer mehr Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein – nach jüngsten Daten des Bundesamts für Statistik ist der hohe Norden sogar eine regelrechte Latein-Hochburg: 11,1 Prozent aller Schüler in Schleswig-Holstein lernten demnach im Schuljahr 2012/2013 Latein – bundesweit waren es nur knapp 9 Prozent. Thomas Schunck, Sprecher des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums, hat weitere Zahlen aus den vergangenen Jahren für die Sekundarstufe eins herausgesucht.

"Wenn ich ins Schuljahr 2011/12 zurückblicke, haben etwas mehr als 42 Prozent der Schülerinnen und Schüler das Fach Latein gewählt, im Schuljahr 20113/14 waren es schon 45,9 – also fast 46 Prozent. Das ist ein Anstieg, ein steigender, stabiler Wert – ein großes Interesse am Lateinunterricht, das kann man sagen."

Und auch bei der späteren Entscheidung für eine zweite Fremdsprache kann Latein gut mithalten – bei jeweils knapp 45 Prozent lagen die Werte in den vergangenen Jahren, ebenfalls sehr stabil. Über Gründe für diese Zahlen könne man nur spekulieren, betont der Ministeriumssprecher. Belastbare Studien oder Untersuchungen gibt es nicht. Für Klara und Konstantin aus der achten Klasse der Kieler Humboldt-Schule steht aber fest: Latein ist nützlich und überhaupt nicht langweilig, jedenfalls nicht allzu sehr.

"Latein ist für mich eine Sprache, mit der man ganz viele andere Sprachen lernen kann… / Es macht auch Spaß zu wissen, was die früher gemacht haben und wie die geredet haben… / Man muss halt viel Vokabeln lernen und auch die ganzen Deklinationen und Konjugationen auswendig lernen… / Es gibt teilweise Leute, die finden, dass man ruhig eine andere Sprache hätte nehmen können – aber viele sind von Latein begeistert und finden das total cool, wenn man sowas macht."

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