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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.05.2014

SchauspielFacebook, Games und Bühne

Die Konferenz "Theater und Netz" thematisiert die Verschmelzung von Theater und Neuen Medien

Von Gerd Brendel

Ein roter Theatervorhang (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)
Ein roter Theatervorhang (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)

Web-Abstimmung über den Spielplan, twittern aus der Vorstellung, Theaterfiguren mit eigenem Facebook-Profil: Die sozialen Medien bekommen immer mehr Raum auf der Bühne. Bei der Konferenz "Theater und Netz" ging es um virtuelle und Bühnenräume.

 Das Neue hatte schon immer seinen Platz auf der Bühne,

"...weil das Theater schon immer mit technischen Möglichkeiten umgegangen ist. Ne klassische Guckkastenbühne ist von oben bis unten ne Maschine. Das Theater, wo der Mensch in seiner natürlichen Art und Weise auftritt, das gibt es gar nicht."

So Alexander Kerlin, Dramaturg am Theater Dortmund gestern nachmittag auf dem Podium der Theater-und-Netz-Konferenz in Berlin.

"Es war schon immer so, dass Theater immer eine Kunstform zwischen Mensch und Maschine gewesen ist."

Die Maschine Internet: Für die nächste Spielzeit plant Alexander Kerlin bereits die zweite interaktive Installation im Theater Dortmund. Es geht um eine im wörtlichen Sinn geschlossene Anstalt, deren Insassen Besucher live durch Sehschlitze beobachten können – oder die User am Rechner über Livestream, mit der Möglichkeit, mit den Darstellern zu kommunizieren.

Soziale Medien als "Tool", als Werkzeug zur ästhetischen Bereicherung der Theatermaschine oder als Möglichkeit, mehr Zuschauer zu gewinnen und zu beteiligen. Netz und Theater – die perfekte Ergänzung. Dagegen sieht Barbara Mundel, Intendantin des Theaters Freiburg, die Aufgabe des Theaters darin, zu fragen,

Ein Computerspiel im Theaterraum

"... wie Macht auch im Internet funktioniert. Ich finde es immer noch absurd, dass wir heutzutage noch davon reden, wie enthierarchiesiert das Internet ist. Wir haben in den letzten Jahren so viele Erfahrungen damit gemacht, wie mächtig Google ist, wie Inhalte im Netz hierarchisiert aufgebaut werden."

Quasi als Gegenentwurf übersetzte Mundel an ihrem Theater ein Computerspiel in die Realität.

"Wir haben ein Projekt gemacht, dass versucht hat, das 'Siedlerspiel', was es ja gibt, gleichzeitig live zu spielen, und dann Menschen dazu eingeladen, im Theater in 24 Stunden ein Dorf zu bauen."

Der Abend wurde zum Lehrstück über die Schwierigkeit, Mitbestimmung in der Realität zu organisieren.

Theaterwirklichkeit und virtuelle Realität – darüber versuchten zumindest der Theatermacher Robert Borgmann und der Spielemacher Dennis Schwarz auf der Konferenz miteinader ins Gespräch zu kommen. Borgmanns Inszenierung von "Onkel Wanja" wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seine Inszenierungen verhandeln immer wieder die Fragen nach Tod oder Weiterleben. Dennis Schwarz arbeitet als Game-Designer bei dem international erfolgreichen Unternehmen "Crytek". Sein Ego-Shooter-Spiel "Crisis" wurde mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet.

"Man taucht in die Welt ein, das ist der Sinn dahinter."

Eine Erfahrung, um die ihn der Theaterregisseur zu beneiden scheint.

"Das wünsch ich mir. Das wär das Ideal eines Theaterabends, dass man wirklich mit den Figuren mitgeht, dass man diese Distanz auflöst."

Autor: Aber gehört die Distanz nicht genau zur Qualität von Theater? Dass So-Tun-als-ob? Theater ist Spiel mit Grenzen. Ein Begriff tauchte am Rande der Konferenz immer wieder auf: Gamification.

"Heißt im Prinzip, dass wir versuchen, interaktive Elemente in den Alltag reinzubringen. Das heißt, dass es die Möglichkeit gibt, man macht in der Firma ein Spiel draus, indem man versucht, zum Ziel zu kommen."

Ist das die moderne Übersetzung von Friedrich Schiller: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt"?

Borgmann: "Ich glaube, damit ist ganz was anderes gemeint. Im besten Falle meint das einen Grad von Freiheit. Also, wenn der Mensch mit dem Alltag und dem was ihn umgibt spielerisch umgehen kann, dann ist er ein freies Individuum. Er wird das nicht erreichen, wenn es auf Profit hinausläuft."

Gegenseitiges Beneiden

Schwarz: "Es hat einfach was mit Zwang zu tun."

Oder eben der Abwesenheit von Zwang. Was könnte man meinen, der Spielemacher Schwarz beneide den Theatermacher Borgmann um dessen Freiheit von ökonomischen Zwängen zu beneiden und um die Möglichkeit, auf der Bühne Spielwelten mit realen Menschen zu entwerfen. Der Theatermacher andrerseits bewundert am Computerspiel, dass der Spieler Teil einer geschlossenen Spielewelt wird.

Einen Vorteil allerdings hat das Theater, sagt Alexander Kerlin: Es kann die reale Erfahrungswelt von Computerspielern wie Zuschauern in den Theaterraum hereinholen. Das Vorbild dafür liefert ein Theatermacher aus einer Zeit lange, lange vor sozialen Medien und Spielkonsolen:

"Zurück zum Shakespeare-Theater, wie es war. Alle Stühle rausreißen aus dem Parket, und iPhones in die Hand und reinrufen und machen!"

 

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