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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.08.2013

Schafft die Toleranz ab

Die Angst vor Auseinandersetzungen

Von Lena Gorelik

Toleranz sei feige, meint Lena Gorelik. Das gelte auch für Freundschaften und Beziehungen. (picture alliance / dpa)
Toleranz sei feige, meint Lena Gorelik. Das gelte auch für Freundschaften und Beziehungen. (picture alliance / dpa)

Toleranz beschreibt die Fähigkeit, anderen Menschen fair und offen zu begegnen. Auf die negative Kehrseite der Toleranz will die Schriftstellerin Lena Gorelik aufmerksam machen: auf jene, die unehrlich wirkt, den Respekt verweigert oder die Auseinandersetzung scheut.

Manches bedarf keiner Einleitung und gehört einfach ausgesprochen, und für folgende Forderung gilt ebendies, und deshalb spreche ich es auch einfach so aus: Toleranz gehört abgeschafft.

Aus den möglichen Haltungen und Handlungen ausgemistet, wie man Schränke, Keller und Facebook-Freunde ausmistet. Dieses feige, verlogene, zeitverschwendende Gefühl, das der Streitkultur und jeglichem Miteinander schadet. Also weg damit! Denn es nötigt uns meistens zum Lügen oder zumindest zum Schweigen.

"Hat er das tatsächlich gerade gesagt? Das fasse ich nicht! Das widerspricht ja allem, woran ich glaube, na, dem werde ich gleich die Meinung... ach nein. Nein, nein, nein. Er hat das Recht auf seine eigene Meinung. Nein, ich muss diese aushalten, nicht umsonst nenne ich mich - gebildet, informiert, aufmerksam und demokratietreu wie ich bin - einen toleranten Menschen. Ich sage nichts."

Und schon hat man geschwiegen, sich nicht eingemischt, wo es vielleicht notwendig gewesen wäre, sich anders gezeigt, als man tatsächlich ist, eine Auseinandersetzung, einen Konflikt vermieden - oder schlimmer noch: unter den Teppich gekehrt.

Aufgeschlossenheit durch Verschlossenheit

Aber nicht nur dieses Verhalten ist verlogen. Verlogen ist das Gefühl, das entsteht: Ich bin ein besserer, weil aufgeschlossener Mensch. Aufgeschlossenheit durch Verschlossenheit, durch Verschweigen, dafür dann Gesäusel: "Ach, das ist ja interessant. Ach, so hatte ich das noch gar nicht gesehen. So kann man es also auch machen!" Und sich schön bemühen, dass es ja nicht zu aufgesetzt klingt!

Was schon wieder verlogen ist, weil man sich ja (spätestens zuhause beim Partner) Gleichgesinnte sucht, mit denen man sich einig darüber ist, dass "das ja gar nicht geht", und mit denen zusammen man sich hinter dem Rücken des zu Tolerierenden aufregen, ärgern, fassungslos zeigen kann.

Man nimmt, wenn man tolerant ist, nicht an: nicht diejenigen, die anders denken, nicht diejenigen, die anders aussehen, sprechen, fragen, wirken, wünschen, handeln und leben. Denn annehmen würde Akzeptanz bedeuten.

Toleranz bedeutet Aushalten, Geltenlassen, irgendwie, obwohl, auch wenn. Werde ich toleriert, wird hingenommen, eben ausgehalten, geduldet, dass ich da bin, dass ich so bin, wie ich bin.

Toleranz ist häufig eine arrogante Haltung, die von oben herab entsteht und den anderen in die Knie zwingt, erniedrigt: "Ach schau mal, bin ich nicht nett, dass ich dich hier, so, wie du bist, toleriere? Obwohl du, aber gut, darüber sprechen wir jetzt mal nicht", weil: Ich bin ja tolerant. Ich bin mir dessen bewusst, dass nicht alle gleich sind, und deshalb ein besserer Mensch.

Hierarchien aufbrechen

Toleranz hat wenig mit Gleichberechtigung zu tun, auch wenig mit einem Miteinander. Toleranz baut Hierarchien auf, die aufzubrechen nicht möglich ist, weil von vornerein festgelegt ist, wer seinen Platz wo hat.

Und an mancher Stelle ist Toleranz auch einfach nur feige. Weil es selbstverständlich einfacher ist, sich als toleranter Mensch gut zu fühlen, denn nachzufragen, zu widersprechen, zu streiten, Differenzen festzustellen, zu akzeptieren, auszuhalten. Dies gilt für Freundschaften und Beziehungen nicht minder als anderswo in der Gesellschaft.

Ist es die Angst? Die Angst vor Auseinandersetzungen, die Angst vor Disharmonie? Ohne Gespräche, Debatte, ohne Konflikte, ohne Streit aber keine Entwicklung, keine Veränderungen.

Einen Versuch ist es doch wert: Ein Leben ohne Toleranz. Miteinander reden, streiten, diskutieren, einander widersprechen, anstatt einander zu tolerieren. Gefühle zeigen. Angefangen werden darf übrigens gerne bei dieser Forderung: Niemand muss die Idee, die Toleranz abzuschaffen, tolerieren.

Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik, wurde 1981 in Russland im damaligen Leningrad geboren und kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Ihre Romane "Meine weißen Nächte", "Hochzeit in Jerusalem" und "Verliebt in Sankt Petersburg" wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Zuletzt erschienen von ihr "Sie können aber gut deutsch" und "Lenas Tagebuch" (Herausgeberin) - sowie demnächst: "Die Listensammlerin".

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