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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.01.2012

Sarrazin zur Zweitlektüre

Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, 472 Seiten

Thilo Sarrazin (picture alliance / dpa)
Thilo Sarrazin (picture alliance / dpa)

Der Tumult um Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" hat sich gelegt. Doch nach dem gigantischen Verkaufserfolg erscheint das Werk nun ein weiteres Mal - als Taschenbuch und mit einem neuen Vorwort, das die vergangene Debatte reflektiert.

"Deutschland schafft sich ab" hat im Herbst 2010 tiefe Gräben aufgerissen. Der Grüne Tarek Al-Wazir deckelte den Bestseller als "rassistischen Unsinn". Michel Friedman nannte Thilo Sarrazin einen "Hassprediger". Für den Historiker Hans-Ulrich Wehler traf der Inkriminierte dagegen "ins Schwarze". Und Udo Voigt, damals NPD-Parteichef, fühlte sich durch Sarrazins Thesen vor Volksverhetzungsklagen geschützt. Der Tumult hat sich gelegt, doch nach dem gigantischen Verkaufserfolg erscheint das Werk nun fast erwartungsgemäß ein weiteres Mal - als Taschenbuch und mit einem neuen Vorwort, das die vergangene Debatte reflektiert. Sarrazin weist darin den Verdacht des "Biologismus" strikt von sich. Er bedankt sich bei vielen Lesern sowie Arnulf Baring, Henryk M. Broder, Necla Kelek, Klaus von Dohnanyi et. al. für die Unterstützung, greift die linksliberale Presse, Jürgen Todenhöfer, Patrick Bahners ("Die Panikmacher") und andere an und beklagt die Tendenz zur Wirklichkeitsverleugnung in der Politik.

Über die Diskussion um "jüdische Gene", die Sarrazin in einem Interview, aber nicht im Buch selbst erwähnt hat, geriet sein Hauptanliegen aus dem Blick: Sarrazin malt Deutschlands demografische Zukunft schwarz, und als Jünger der Statistik malt er immer nach Zahlen. Teile des Buches sind eine Papier gewordene Power-Point-Präsentation, derzufolge das leistungswillige Deutschland der Eingeborenen und Integrierten arg schrumpft, während der Anteil der zugewanderten, integrationsunwilligen, bildungsfernen und sprachmuffeligen Hartz-IV-Schnorrer dramatisch wächst. Letzteres liege daran, dass die Eliten unter den globalen Leistungsnomaden Deutschland meiden, während aus Süd-Osteuropa, der Türkei und Afrika zeugungsfreudige Unqualifizierte in die Sozialhilfe drängen, mit der sie arbeitslos besser dastehen als zu Hause mit Arbeit - "das System ist pervers". Sarrazins ärgstes Feindbild bilden Migranten aus der Türkei und dem arabischen Raum sowie Muslime überhaupt. Um die "Fäulnisprozesse im Innern der Gesellschaft" zu illustrieren, konzentriert sich auch Sarrazin auf das ewiggrüne Beispiel Berlin-Neukölln.

Sarrazin glaubt, dass sich viele Probleme durch Druck von selbst lösen, und verweist auf die USA, in der die Integration besser gelinge, gerade weil es kein soziales Netz gibt. Er fordert die Kürzung und zeitliche Begrenzung jeglicher Sozialhilfe, Arbeitspflicht für deren Empfänger, Leistungskürzungen bei unentschuldigtem Fehlen der Kinder im Unterricht usw. Sarrazins Traumkinder sind dagegen deutschstämmige Akademikerkinder vorzüglich aus dem natur- und ingenieurwissenschaftlichen Milieu. Zu deren Vermehrung, der Erhöhung der "Nettoreproduktionsrate", schlägt Sarrazin staatliche Prämien vor: 50.000 Euro je Kind, wenn es vor dem 30. Lebensjahr der Mutter geboren wird (statt Kindergeld, das bis zu 55.000 Euro betragen kann). Zwei "Setzungen" begleiten Sarrazins Entwurf: Dass jeder Staat das Recht habe, über den Zuzug zu entscheiden und dass "die europäischen Werte" sowie die "jeweilige kulturelle Eigenart der Völker" es wert sind, bewahrt zu werden.

Auch bei der zweiten Lektüre bleibt der Eindruck: Der intelligente, aber verbissene Thilo Sarrazin mixt aus Statistiken, Gesellschaftskritik, teils dilettantischen Anleihen bei diversen Wissenschaften, pädagogisch-besorgter Attitüde, Alltagstipps und manch reaktionärer Überzeugung einen scharfen Thesencocktail, der auf der Linken die Würgereflexe auslöst. Laut neuem Vorwort hat Sarrazin aber keine Silbe zurückzunehmen, nicht einmal, was seine halbseidenen Ausflüge in die Evolutionstheorie angeht. Er munitioniert sich vielmehr mit Zitaten des Biologen Hubert Markl, wärmt sich an Peer Steinbrücks Stimmenthaltung beim SPD-Parteiausschlussverfahren und macht Sigmar Gabriel und andere Kritiker nieder. Kurz: er bleibt Alleininhaber der Wahrheit, der neben Freunden nur Feinde kennt, denen der nötige Grips fehlt. Und natürlich bleiben auch seine Ziele intakt: Die ökonomisch-kulturelle Erhaltung der Hochleistungsrepublik durch Migrations- und Geburten-Steuerung sowie strengere Erziehungs- und Ausbildungskonzepte (Lesen ist Sarrazins Fetisch, der PC dagegen vom Teufel).

Sarrazin bekleidet keine öffentlichen Ämter mehr, erneute Skandalisierung wäre verfehlt. "Deutschland schafft sich ab" ist kein völlig indiskutables Werk und im einzelnen auch hübsch konkret: Man kann Gegenargumente daran schärfen. Bemerkenswert bleibt die penetrante Instinktlosigkeit des Autors. Wahrscheinlich ist Sarrazin kein völkischer Rassist, er nimmt es aber kindisch-bockig in Kauf, für einen solchen gehalten zu werden (oder kokettiert gar damit?). Durch diesen Fäulnisprozess im Inneren des Buches werden seine Warnungen enorm entwertet.

Besprochen von Arno Orzessek

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012
472 Seiten, 14,99 Euro

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