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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2015

Sachbuch über "Mein Kampf"Ein folgenschwerer Bestseller

Von Wolfgang Schneider

Der Buchrücken einer Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" vor einem unscharfen Porträtbild Hitlers. (picture alliance / dpa / Sepp Spiegl)
Seit Jahrzehnten wird in Deutschland über das Verbot der Veröffentlichung von "Mein Kampf" und eine mögliche Neuausgabe diskutiert. (picture alliance / dpa / Sepp Spiegl)

Sven Felix Kellerhoff hat sich mit mit den eklatanten Widersprüchen der Argumentation Hitlers und der Rezeption des Werkes befasst. Trotzdem weist sein Sachbuch "Mein Kampf" - Die Karriere eines deutschen Buches" eine entscheidende Lücke auf.

"Das Buch der Deutschen" – so pries seinerzeit die Verlagswerbung im "Dritten Reich" Hitlers "Mein Kampf" an. Mit fast zwölfeinhalb Millionen Exemplaren ist es zumindest das meistverkaufte Werk eines deutschsprachigen Autors. Es ist ein Buch, dem wie keinem anderen der Ruch des Verbotenen anhaftet. Aber Besitz und Lektüre antiquarischer Ausgaben sind nicht strafbar. Mit Recht beklagt Sven Felix Kellerhoff die juristische Blockade einer überfälligen kommentierten Neuausgabe.

Kellerhoff liefert eine souveräne Analyse von "Mein Kampf", nicht nur des Textes, sondern auch seiner Kontexte. Zunächst wird der Inhalt zusammengefasst; die bisweilen eklatanten Widersprüche der Argumentation werden ebenso herausgestellt wie die Stilisierungen, Verzeichnungen, Unwahrheiten und "Manipulationen" der autobiographischen Passagen. Kellerhoff schildert die Entstehung des Werkes und die Legenden, die sich um sie gerankt haben; er widmet sich den oft dunklen Quellen, die Hitler verarbeitet hat, ohne sie auszuweisen. 

Rezensenten kritisierten damals Schwülstigkeit des Textes

Schließlich geht es um die "Karriere" des Buches: Die frühe Rezeption in den 20er-Jahren, wobei die dem Nationalsozialismus fernstehenden Rezensenten vielfach über die Geschwätzigkeit, Schwülstigkeit und den vermeintlich miserablen Stil des Buch spotteten – eine bildungsbürgerliche Überheblichkeit gegenüber dem Werk zeichnete sich ab.

Churchill allerdings beklagte, dass sich die Politiker der Alliierten zu wenig mit "Mein Kampf" beschäftigt hätten. Langatmig und formlos sei das Buch, aber "schwanger mit seiner Botschaft". In der Tat: Hitler, der sich später, als es darum ging, mit dem Nationalsozialismus in die bürgerliche Mitte vorzudringen, taktischer und gemäßigter gegeben hat, formuliert in "Mein Kampf" noch ganz unverhohlen.

Der wahnhafte, implizit bereits auf Vernichtung zielende Antisemitismus tobt sich aus (600 Wendungen, die von Judenhass getrieben sind, hat Kellerhoff gezählt), die Rassenideologie, die schneidende Verachtung des Bürgertums, die Pläne, "Lebensraum" im Osten zu schaffen und dem kolonialen Seereich der Briten eine kontinentale Eroberungsstrategie gegenüberzustellen: all das ist in deutlichsten Worten ausgeführt. Die Zwangssterilisierung und Ermordung der Behinderten, so Kellerhoff, gehe direkt auf "Mein Kampf" zurück.

"Mein Kampf" verschaffte Hitler ein Millioneneinkommen

Er widerlegt auch die Legende, "Mein Kampf" sei ein ungelesener Bestseller gewesen – mindestens jeder fünfte Deutsche hatte das Buch bis 1945 ganz oder teilweise gelesen. Jedenfalls brachte das Buch Hitler Millioneneinkünfte, die er nur unzureichend versteuerte.

Als Grundlageninformation und Handreichung zur Lektüre füllt Kellerhoffs Buch eine Lücke. Als Porträt von "Mein Kampf" ist es nicht ganz zulänglich. Denn ein Kapitel fehlt: über das Faszinosum dieses Buches, das jeder spürt, der auch nur die Abschnitte über politische Propaganda liest. Hier legt Hitler unverblümt dar, mit welchen Mitteln man die Massen am effektivsten manipuliert – ein erstaunliches Stück politischer Psychologie, auch deshalb, weil Hitler es Jahre vor seinem Aufstieg schreibt, wie ein Verbrecher, der vor der Tat genau seine Strategie offenlegt.

Sven Felix Kellerhoff: "Mein Kampf" - Die Karriere eines deutschen Buches"
Klett-Cotta
Stuttgart, 2015
336 Seiten, 22,95 Euro

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