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Lesart | Beitrag vom 18.02.2016

Sachbuch "Faszientraining"Turnvater Jahn reloaded

Von Kim Kindermann

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Eine Physiotherapeutin leitet am 01.05.2015 in ihrem Bewegungszentrum in Bremen Kursteilnehmer im Faszientraining an. Mithilfe einer Kunststoffrolle lässt sich das Bindegewebe gezielt trainieren. (picture-alliance / dpa / Ingo Wagner)
Drehen, strecken, rollen - so sollen die Faszien schön elastisch bleiben. (picture-alliance / dpa / Ingo Wagner)

Physiotherapeuten schwören neuerdings darauf: Faszientraining. Das klingt modern und urban - und ist doch im Grunde nichts anderes als das, was schon Turnvater Jahn empfohlen hat.

Kaum jemand, der heute nicht von ihnen spricht: von den Faszien! Also zumindest die Menschen, die was auf sich halten und ihre Gesundheit im Blick haben. "Ohne sie hätten wir weder Form noch Inhalt", schreiben Siegbert Tempelhof und seine Co-Autoren passgenau. Richtig gelesen: Keine Form! Kein Inhalt! Das dürfte jetzt auch die letzten überzeugt haben, sich mit den Faszien zu beschäftigen.

Faszien sind, wie der Blick in das Bestsellerbuch beweist, das kollagene faserige Bindegewebe unseres Körpers, das uns durchdringt und bei jeder Bewegung mitspielt. Kurz: Faszien umhüllen alles - die Knochen, die Muskeln und die inneren Organe.

Vorstellen soll man sich das Ganze wie die weiße Haut einer Zitrusfrucht – nur schlauer und sensibler. Und damit ist klar, wer bisher noch nichts von diesem Teufelszeug gehört hat, der sollte spätestens jetzt hellhörig werden. Denn um die Faszien steht es schlecht in unserer bewegungsfaulen Gesellschaft. Sie sind verklebt und verfilzt. Das hat zur Folge: Die Muskeln blockieren, der Mensch ist starr und steif, hat Schmerzen. Schrecklich!

Hoch den Po!

Aber das muss nicht sein. Hoch den Po und anfangen sich zu dehnen. Dann wird wieder alles gut, denn - so die Spitzennachricht - Faszien sind regenerierbar, oder wie die Autoren schreiben "durch Bewegung positiv beeinflussbar". Regelmäßiges Faszientraining soll die Kollagenproduktion wieder anregen, die Faszien werden so wieder elastisch. Toll!

Und damit man auch weiß, wie dieses Training aussieht, gibt es im Buch konkrete Anleitungen zum Üben - schön mit Bild und Text erklärt. Aber das ist dann auch schon das Problem: Lesen und dabei gleichzeitig turnen. Nicht leicht. Noch dazu braucht es eine spezielle Trainingsrolle. Zum Testen tut es auch das Nudelholz oder ein Tennisball. Dann wird es akrobatisch, lustig - und es tut höllisch weh. Muss aber. Das zeigt, hier tut sich was. Die Verklebungen werden gelöst. Klingt gut. Also weiter machen ...

Cooler Verpackung, alter Inhalt

Fazit: Bewegung muss sein - das ist auch dem größten Skeptiker klar. Aber wenn man ehrlich ist, erinnert dieses Training schwer an normale Dehnübungen, die schon Turnvater Jahn dem Land verordnen wollte. Faszientraining klingt nur irgendwie besser, moderner, urbaner, cooler, medizinischer. Kein Wunder also, dass Bücher zu diesem Thema boomen: 22 Seiten lang ist die Trefferliste wenn man bei der Buchsuche das Stichwort "Faszien" eingibt. Siegbert Tempelhofs "Faszientraining" liegt also voll im Trend.

Siegbert Tempelhof/Daniel Weiss/Anna Cavelius: Faszientraining. Mehr Beweglichkeit, Gesundheit und Dynamik
Gräfe und Unzer, München 2015
128 Seiten, 12,99 Euro

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