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Kompressor | Beitrag vom 10.09.2015

Sachbuch "Der totale Rausch"Adolf Hitler und die Drogen

Von Christoph Ohrem

Undatierte Aufnahme: Adolf Hitler hält gestenreich eine Rede (picture-alliance / dpa)
Undatierte Aufnahme: Adolf Hitler hält gestenreich eine Rede (picture-alliance / dpa)

War Hitler in den letzten Kriegsjahren zunehmend zugedröhnt? Norman Ohler geht dieser Frage in seinem Sachbuch "Der totale Rausch" nach. Grundlage sind die Aufzeichnungen seines Leibarztes Theo Morell.

Theo Morell. Noch nie gehört? Kein Wunder. Hitlers Leibarzt ist bislang nur eine Fußnote in der Geschichtsschreibung. Norman Ohler beschäftigt sich in "Der totale Rausch" mit der besonderen Rolle dieses Arztes. Er hat dem scheinbaren Asketen Hitler gerade in den letzten Jahren bis 1945 ein Dauer-High garantiert.

"Es ist Fakt, dass die bisherigen Hitler-Biografen sich nicht in das Thema Morell eingearbeitet haben. Das wird so am Rande mal erwähnt. Aber das ist ja ein immenses Feld, was das geöffnet wird. Was bedeutet das? Hat das Auswirkungen? Welche Auswirkungen hat es, falls es welche hat?"

Ohler beschreibt in "Der totale Rausch" die Funktion der Drogen für Hitler. Durch sie habe er sich gerade in den letzten Jahren funktionstüchtig gehalten und den sicheren Untergang verdrängen können. Grundlage für Ohlers Thesen sind hauptsächlich Morells sehr ausführliche Aufzeichnungen. Einzusehen im Bundesarchiv in Koblenz.

Nach der Spritze ein Gefühl der Unverwundbarkeit

Ohler arbeitet historisch korrekt, belegt stichhaltig mit Quellen. Und macht deutlich, wo er lediglich Indizien folgt. Ohler stellt die Fakten szenisch dar. Viel dazu erfinden muss er bei den ausführlichen Aufzeichnungen Morells nicht:

"Mitten in der Nacht wurde der Leibarzt aus dem Bett geholt: Der Führer krümme sich vor Schmerzen; eine Sofortherstellung sei gefragt. Er habe den weißen Käse zum Abendessen sowie Rouladen mit Spinat und Erbsen nicht vertragen. Hastig zog Morell sich an, stapfte durch die Nacht – und spritzte."

Theo Morell, Adolf Hitlers Leibarzt (imago/United Archives International)Theo Morell, Adolf Hitlers Leibarzt (imago/United Archives International)

Ohler hat Indizien dafür gefunden, dass diese Spritzen häufig Eukodal enthielten. Ein Cousin des Heroin. Ein euphorisch machendes Schmerzmittel. Morell hat die Art seiner Injektionen in seinen Aufzeichnungen oft hinter einem X versteckt. Ohler hält dieses X für Eukodal.

"Direkt nach dem Stauffenberg-Attentat hatte Hitler hunderte von Holzsplittern im Körper und seine Trommelfelle waren gerissen. Und Morell spritzt ihm X. Hitler sagt kurz nach der Spritze, er fühle sich unverwundbar und es ginge ihm wunderbar. Wenn man einen Pharmakologen fragt, werden die eher sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein Betäubungsmittel handelte, relativ wahrscheinlich ist."

"Man möchte ja gar nicht wissen, was Putin nimmt"

Plausibel, aber nur ein Indizienbeweis. Selbst wenn Hitler in den letzten Kriegsjahren zunehmend zugedröhnt war. An der Schuldfrage und der Verantwortlichkeit des Diktators für seine Taten lässt Ohler keinen Zweifel zu.

"Hitler konnte noch so viele Drogen nehmen, um sich weiterhin in dem Zustand zu halten, in dem der seine Tagen begehen konnte: Es mindert nicht seine monströse Schuld."

Ein weiterer Aspekt in "Der totale Rausch" ist der weit verbreitete Gebrauch des Aufputschmittels Pervitin in Zivilbevölkerung und Wehrmacht. Pervitin ist Methamphetamin. Seit der Kultserie Breaking Bad besser bekannt als Crystal Meth.

Insgesamt ist "Der totale Rausch" ein sehr gut lesbares und wichtiges Buch, das durch seine bildhafte und szenische Ausgestaltung nicht an historischer Akkuratesse verliert. Und das zeigt, dass man bei Geschichtsschreibung wohl Drogengeschichtsschreibung mitdenken sollte. Denn der Drogengebrauch in der Führungselite der Nazis ist vielleicht kein Einzelfall:

"Man möchte ja gar nicht wissen, was Putin nimmt, um funktionsfähig zu bleiben. Man weiß ja mittlerweile auch, was John F. Kennedy genommen hat, bei Kohl weiß man das. Das war es der Saumagen. Jeder hat da seine eigene Strategie. Bei Hitler war das, er war ja auch ein sehr extremer Mensch, eine sehr extreme Strategie."

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