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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.02.2012

RWE-Manager Vahrenholt: Die Klimakatastrophe findet nicht statt

Ehemaliger Hamburger Umweltsenator: CO2-Emissionen werden "massiv überschätzt"

Fritz Vahrenholt im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Die "kalte Sonne" gibt den Menschen nach Ansicht Vahrenholts Zeit, sich auf effiziente Klimatechniken zu konzentrieren.  (Stellarium)
Die "kalte Sonne" gibt den Menschen nach Ansicht Vahrenholts Zeit, sich auf effiziente Klimatechniken zu konzentrieren. (Stellarium)

Der RWE-Manager und Umweltexperte Fritz Vahrenholt hält die gängigen Prognosen für die Erderwärmung durch CO2 für maßlos übertrieben. Dem Weltklimarat warf Vahrenholt vor, die Vorhersagen für die Erderwärmung falsch zu berechnen.

Jörg Degenhardt: Seit der frühen Neuzeit wird Ketzerei in übertragener Bedeutung für jede Art von Opposition gegen eine herrschende Lehre gebraucht, verrät "Wikipedia". Das Wort Klimaketzer oder etwa Klimaketzerbuch habe ich da nicht gefunden, wohl aber in einem deutschen Nachrichtenmagazin. Gemünzt war es auf "Die kalte Sonne", ein Buch von Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning, das die Klimapolitik, so wie wir sie bisher kennen, in Zweifel zieht. Ich habe mit Fritz Vahrenholt, dem einstigen Hamburger Umweltsenator und jetzigen Chef der Sparte für erneuerbare Energien beim Energiekonzern RWE, gesprochen. "Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet", heißt Ihr Buch im Untertitel. Das ist ja gewissermaßen die Totalopposition zur herrschenden Lehre. Das heißt, die Klimaerwärmung fällt aus, die Gletscher schmelzen nicht?

Fritz Vahrenholt: In der Tat wird die Klimaerwärmung, so wie sich der Weltklimarat es vorstellt und die herrschende Politik es annimmt, nicht stattfinden. Und das ist eine sehr überraschende Erkenntnis. Und es ist in der Tat so, dass ich noch vor drei Jahren einer der Vertreter war, dass wir mit einer solchen Entwicklung zu rechnen haben und deswegen natürlich auch CO2 massiv zu reduzieren haben.

Degenhardt: Sie sprechen in Ihrem Buch ja von einer allgemeinen CO2-Hysterie und verweisen andererseits auf die Rolle der Sonne. Hat sie den größeren Einfluss auf den Klimawandel?

Vahrenholt: Ja, wir haben festgestellt, dass der Weltklimarat offenbar zwei Effekten aufgesessen ist und den Klimawandel falsch zugeordnet hat. Der wichtigste ist die Sonne: Die Sonne hat starke und schwache Zeiten. Sie hat Zyklen, sie hat einen elfjährigen Zyklus, der ist bekannt, in dem sie sozusagen aufdreht und sehr viele Sonnenflecken erzeugt. Und deswegen können bei starker Sonnenaktivität kosmische Strahlen nicht in die Erdatmosphäre eindringen, dann können sich auch nicht so viele Wolken bilden. Das heißt, starke Sonnenaktivität heißt auch Erwärmung.

Und das heißt am Ende, dass man den Fehler gemacht hat, die Sonne "auf Null zu stellen". Dadurch ist alles, was sozusagen an Erwärmung - die ich und wie andere auch nicht bezweifle, dass sie stattgefunden hat - dem CO2 zuzumessen. Und es gibt, wie gesagt, auch noch einen zweiten Effekt: Dieser zweite Effekt ist eine 60-jährige ozeanische zyklische Meeresströmung. Und wir haben uns zwischen 1970 und 2000 in einer sehr warmen Phase dieser pazifischen Oszillation befunden. Das führt zu einer Erwärmung von immerhin 0,2 bis 0,3 Grad Celsius. Der Weltklimarat hat das in seinen Berechnungen nicht berücksichtigt, die muss man abziehen. Und jetzt kommt natürlich folgender Fehler zustande: Wenn man die aufsteigende Flanke dieser natürlichen Erwärmung dem CO2 zuschlägt, dann wird man von 2000 an bis 2100 diese Steigung fortschreiben. Und diesen Fehler hat der Weltklimarat gemacht. Dann landen Sie irgendwo bei drei Grad, vier Grad in 2100. Wenn Sie die natürlichen Erwärmungen abziehen, dann kommen Sie am Ende bei einem Grad raus.

Degenhardt: Aber mit Verlaub, Herr Vahrenholt, können denn so viele andere Wissenschafter irren? Auch der Weltklimarat, der hat ja immerhin für seine Arbeit den Nobelpreis erhalten und es gibt doch einen Zusammenhang zwischen Temperatur und CO2-Kurven?

Vahrenholt: Ja, sicherlich gibt es denn und ich bestreite auch nicht, dass CO2 ein Klimagas ist. Aber die Klimasensitivität ist massiv überschätzt worden. Das zeigen übrigens auch mittlerweile wissenschaftliche Untersuchungen, die eben nicht vom Weltklimarat berücksichtigt worden sind. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Der Weltklimarat sammelt aus der wissenschaftlichen Literatur alles das, was zur Klimaveränderung publiziert worden ist, und dann wird es in mehreren Stufen bis hin zu einem verdichteten Synthesereport verkürzt. Und aus dieser Verkürzung fallen auf einmal Erkenntnisse weg. Wenn Sie sich dann vorstellen, dass in der Autorenredaktion, die dann den letzten Bericht schreibt - sind dann 34 Leute -, im Wesentlichen ein Drittel in irgendeiner Form verbunden sind mit Greenpeace und WWF einerseits, und auf der anderen Seite eine Reihe von Vertretern der Entwicklungsländer vertreten sind, also so was wie Sudan, Madagaskar, Iran, alle diese haben ein großes Interesse, dass Transferzahlungen vom Norden zum Süden passieren.

Degenhardt: Herr Vahrenholt, wenn Sie aber recht haben mit Ihrer Annahme - und ich gehe mal davon aus -, das würde doch bedeuten, die Klimakatastrophe kommt nicht, wir können uns die Energiewende, wir können uns die Hinwendung zu erneuerbaren Energien schenken?

Vahrenholt: Das ist nicht ganz richtig. Erst einmal ist ein Grad auch eine ganz schöne Erwärmung. Wir sind bei einem Grad in Deutschland bei einem Klima von Mailand. Das ist sicherlich für Deutschland nicht dramatisch ...

Degenhardt: ... da könnten die meisten mit leben, ja ...

Vahrenholt: ... das ist ganz nett, Toskana in Deutschland, ganz nett. Aber es gibt natürlich auch bei einem Grad nachteilige Entwicklungen, zum Beispiel im Mittelmeerraum oder in anderen südlichen Regionen. Das heißt also, effizient müssen wir schon werden. Und es gibt noch einen zweiten Grund und das ist meine große Sorge: Die Klimadebatte ist bislang die alleinige Begründung für erneuerbare Energien. Warum machen wir erneuerbare Energien? Weil wir das Klima schützen wollen. Und es gibt viele andere, bessere Gründe!

Degenhardt: Nennen Sie uns einen!

Vahrenholt: Zum Beispiel die Endlichkeit der Ressourcen. Wir werden in 100 Jahren Gasknappheit haben, wir werden in 50 Jahren Ölknappheit haben und wir werden in 200 Jahren auch nicht mehr ausreichend Kohle haben. Das ist der eine Grund, das heißt Endlichkeit. Zweitens aber auch Importabhängigkeit von grimmigen Diktatoren ...

Degenhardt: ... Beispiel Iran, wir erleben es gerade ...

Vahrenholt: ... zum Beispiel, Persischer Golf. Das heißt, Erneuerbare muss man nicht importieren. Und dann gibt es noch einen dritten Punkt: Ich bin fest davon überzeugt, dass die erneuerbaren Energien die große Chance haben, auch wettbewerbsfähig zu sein. Der Ölpreis kennt nur eine Richtung, da wird nichts mehr billiger. Aber die Windenergie ist seit 20 Jahren Jahr für Jahr preiswerter geworden. Wir können das schaffen, aber wir müssen nicht in Hektik verfallen. Wir müssen jetzt nicht versuchen, in zehn Jahren, aber auch koste es, was es wolle, Deutschland mit Fotovoltaikanlagen zu ...

Degenhardt: ... wann rechnen Sie denn mit einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien, um uns mal eine definitive Zahl zu geben ...

Vahrenholt: ... das ist ja kein Wert an sich. Ich kann sehr gut mit 50 Prozent erneuerbaren Energien leben, wenn wir die anderen Prozesse CO2-arm machen. Es ist ja nicht so, dass wir unbedingt alles aus Sonne und Wind machen müssen. Es muss doch nur vernünftig sein. Was wir im Augenblick tun, ist nicht vernünftig. Wir haben in Deutschland im Augenblick 50 Prozent der Weltkapazität an Fotovoltaik weltweit stehen, im Sonnenland Deutschland, und zahlen dafür acht Milliarden jedes Jahr. Dieser völlige Irrsinn ist nur entstanden, weil wir Angst erzeugt haben. Wir haben den Deutschen Angst gemacht, dass die Klimakatastrophe dramatisch wird, und deswegen müssen wir unbedingt in den nächsten fünf bis acht Jahren, bis 2020, eine noch nicht entwickelte Technologie am falschen Standort entwickeln und dafür sehr, sehr viel Geld in die Hand nehmen. Und den Euro können Sie nur einmal ausgeben und deswegen mahne ich dazu: Die Sonne gibt uns Zeit, die Sonne gibt uns 20, 30 Jahre Zeit, wir kommen jetzt in eine abkühlende Phase und deswegen können wir uns die Zeit lassen, auch nur die effizientesten Technologien anzuwenden.

Degenhardt: Der Unternehmer und Umweltschutzexperte Fritz Vahrenholt war das. Das Buch von ihm und Sebastian Lüning heißt "Die kalte Sonne" und trägt den Untertitel "Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet". Vielen Dank, Herr Vahrenholt, für das Gespräch!

Vahrenholt: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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