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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.02.2008

Rückschau auf eine Epoche

Bernhard Schlink: "Das Wochenende", Diogenes Verlag, 226 Seiten

Der Roman "Das Wochenende" erinnert an die RAF-Zeit (hier Andreas Baader vor einem Frankfurter Gericht)
Der Roman "Das Wochenende" erinnert an die RAF-Zeit (hier Andreas Baader vor einem Frankfurter Gericht) (AP Archiv)

Bernhard Schlink hält in seinem neuen Roman "Das Wochenende" Rückschau auf eine Epoche und das Leben einer Generation. Im Mittelpunkt steht eine Figur, die in vielen Details an den RAF-Terroristen Christian Klar erinnert. Im Roman ist er aber tatsächlich vom Bundespräsidenten begnadigt worden.

Am besten wäre es gewesen, wenn es ihn vor 25 Jahren bei einer Schießerei erwischt hätte. Für Jörg, den Terroristen im Ruhestand, stellt sich die Frage, was nach der langen Zeit im Gefängnis noch folgen kann. Die Rückkehr ins bürgerliche Leben ist ihm ebenso unmöglich wie das Festhalten am "terroristischen Projekt". Und die Freunde, die meinen, "dass er ein falsches Leben mit hohem Einsatz gespielt hatte, um am Ende mit leeren Händen dazustehen", können ihm auch nicht weiterhelfen.

Bernhard Schlink hält in seinem neuen Roman "Das Wochenende" Rückschau auf eine Epoche und das Leben einer Generation. Im Mittelpunkt steht eine Figur, die in vielen Details an den RAF-Terroristen Christian Klar erinnert. Im Roman ist er aber tatsächlich vom Bundespräsidenten begnadigt worden. Seine Schwester holt ihn aus dem Gefängnis ab und organisiert zur Feier der Freilassung ein Wochenende mit Freunden in einem alten Landhaus mit Garten, irgendwo in Brandenburg.

Die, die sich da versammeln, haben sich längst in ihren bürgerlichen Berufen und Lebensläufen eingerichtet: ein Journalist, ein Geschäftsmann, eine Bischöfin und ein Rechtsanwalt. Auch eine Lehrerin ist dabei, die durch das Geschehen inspiriert wird, selbst eine Erzählung über einen Terroristen zu schreiben. Schließlich taucht auch noch ein Sohn des Terroristen auf, um seinem Vater in schneidender Sohnesselbstgerechtigkeit berechtigte Vorhaltungen zu machen. Er rückt die RAF in die Nähe der SS, wie es ja gerade Mode ist. Doch eigentlich geht es in diesem Roman gar nicht so sehr um den Terrorismus. Was der entlassene Häftling zu den Gesprächen des Wochenendes beizusteuern hat, ist zu vernachlässigen. Trotzdem hat er eine wichtige Funktion. Seine Anwesenheit zwingt die anderen dazu, ihre eigenen Lebensläufe zu befragen und sich mit ihren Lebenslügen zu konfrontieren. Er wirkt wie ein Katalysator, der permanente Rechtfertigungsreaktionen auslöst. Sie sind alle um die 60 und haben damit zu tun, dass ihr Leben relativ spurlos vorüberging.

Eine seltsam melancholische Stimmung macht sich im Landhaus breit. Kenneth Branaghs großartiger Film "Peter’s Friends" ist eine naheliegende Referenz. Doch mehr noch erinnert die Szenerie an Christa Wolfs "Sommerstück", das vom Rückzug der DDR-Intellektuellen aufs Land am Ende der 70er Jahre handelt. Bei Schlink sind es nun die Alt-68er, die sich in ostdeutscher Naturidylle versammeln. Auch sie haben den Glauben daran verloren, gesellschaftliche Veränderungen aktiv bewirken zu können. Wie Wolfs "Sommerstück" ist "Das Wochenende" ein Spätbild der deutschen Romantik, die ja auch eine Epoche der Resignation gewesen ist. Die gesellschaftlichen Fragen haben sich in Befindlichkeiten verwandelt, Politik in Lebensgefühl. Zukunftsentwürfe sind nur noch ferne Erinnerungen an die eigene Jugend – sieht man einmal von den sich auch an diesem Wochenende neu ergebenden Liebesmöglichkeiten ab.

Schlink gliedert seinen Roman in drei Kapitel für drei Tage von Freitag bis Sonntag. Als Erzähler bleibt er zurückhaltend. Seine Sprache ist schmucklos und karg. Die größte Sorgfalt legt er auf die Dialoge, in denen die einzelnen Ansichten manchmal etwas papieren und thesenhaft, zumeist aber doch lebendig im Streit entwickelt werden. Wie es sich für ein romantisches Sommerstück gehört, geht schließlich ein heftiges Gewitter nieder. Bei Christa Wolf war es ein Brand, der die Gesellschaft aus ihrer Selbstbezüglichkeit hochschrecken ließ. Bei Schlink steht bald der Keller unter Wasser, und die Wochenendgäste finden die Gelegenheit zur Tat. Bei der Kettenbildung mit Eimer sind dann alle ein bisschen glücklich, auch wenn es sich nur um eine Parodie einstiger Gemeinschaftsutopien und Weltrettungssehnsüchte handelt.

Rezensiert von Jörg Magenau

Bernhard Schlink: Das Wochenende
Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2008, 226 Seiten, 18,90 Euro