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Rosa Fleisch und normgerade Gurken

Fotografien von Michael Schmidt über "Lebensmittel" und wie sie fabriziert werden

Von Michaela Gericke

Michael Schmidt vor Exponaten seiner Ausstellung "Lebensmittel" in Berlin
Michael Schmidt vor Exponaten seiner Ausstellung "Lebensmittel" in Berlin (dpa / picture alliance / Maurizio Gambarini)

Für sein jüngstes Projekt reiste der Fotograf Michael Schmidt an viele Orte der Lebensmittelproduktion in Europa. Die Ergebnisse sind im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen: Schmidt zeigt, wie Tiere und Pflanzen würde- und lieblos verarbeitet werden.

Das Entrée: Ein Blick in das gesamte Projekt, Fotos aus der Landwirtschaft und der industriellen Lebensmittelproduktion. Jede Menge Gurken, eine krummer als die andere, liegen, man möchte sagen: wie die Ölsardinen, in einem Pappkarton. Es folgen Bilder von blassen, lehmigen Böden. Reste von Blattgrün auf der Erde lassen ahnen, dass hier Sellerie geerntet wurde, Plastiktüten sind ein Hinweis auf die gerade erst entschwundenen Landarbeiter. Die stehen, weiter hinten in der Ausstellung, alle mit krummen Rücken über Saatkästen gebeugt, strecken dem Fotografen manchmal nur den Po entgegen.

Dann ein Schwein, liegend. Ob tot oder schlafend, in Deutschland oder Spanien, bleibt ungewiss. Nur ein paar Schritte weiter schauen wir ohnehin auf das transformierte Tier: den in Plastik eingeschweißten Schinken mit viel Fett, aber auch viel Wasser.

Ausstellungskurator Markus Heinzelmann sieht in diesen Bildern einen klassischen Zusammenhang mit der Lebensmittelindustrie:

"Schweine zum Beispiel werden in Dänemark gezüchtet, in Deutschland geschlachtet, tiefgefroren, dann nach Italien geschickt, dort wieder aufgetaut und als sogenannter Parmaschinken ausgereift und dann egal wohin geschickt, und wir kaufen das als ein lokales Produkt. Das sind alles Informationen, die sehen Sie nicht in diesen Bildern, sondern es geht darum zu sehen, dass es um ein System geht und dass am Ende wir dieses System errichtet haben und wir Teil dieses Systems sind."

Wirklich rosa ist das Fleisch auf den Fotos von Michael Schmidt. Er hat sowohl die Farbe als auch die Digitalkamera entdeckt. Markus Heinzelmann bezeichnet das als kleine Sensation:

"Michael Schmidt, der Fotograf des Grau und jetzt sehen wir zum ersten Mal gelben Eidotter auf dem Plakat oder leuchtende Avocados oder einfach nur eine fast graue Weißbrotscheibe – das ist doch sehr faszinierend, wie hier das Grau und Schwarz-Weiß in die Farbe hinübergleitet."

Sachlich und nüchtern hat Michael Schmidt fotografiert: Die prallen Tomaten in Holland, Belgien oder Spanien (ein schwefliges Grün liegt wie ein Schleier auf dem Bild), die industriell gefertigten Wurstscheiben mit Augen, Nase und Mund.

Manchmal durfte Schmidt Produktionsstätten nur von draußen fotografieren. Dann ist da ein hoher Zaun zu sehen, dahinter ein flaches, unzugängliches Gebäude mit mehreren dicken Schornsteinen und Abluftröhren:

"Das hab ich meiner Assistentin viel zu verdanken, die ruft irgendwo an und man kommt rein, wenn ich da anrufe, is det schwieriger, da rein zu kommen, wo es unmöglich war. In Geflügelfarmen reinzukommen, das ging nicht."

Er fügt aus seinen Schwarz-Weiß- und den vergleichsweise wenigen Farbfotos Serien zusammen. Die sollen nicht etwa erzählerisch sein, das mag Schmidt nicht. Aber es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Szenen hinter den Bildern vorzustellen: Die Massenhaltung von Schweinen und Rindern beispielsweise. Aber wirklich schockieren will er nicht. Darüber haben sich schon manche Betrachter gewundert:

"Wenn Sie sich die Bilder genau ansehen, dann reicht mir das, was ich da gesehen habe – warum mich dieses Problem gereizt hat: Einmal ist es so, dass man eigentlich diese Problematik ellenweise kennt und man kann sie fast schon nicht mehr sehen, weil es durchgeredet wird von vorne bis hinten. Es gibt fantastische Filme, 'Unser täglich Brot', ein hervorragender Film, aber immer mit der moralischen Keule und als Anklage formuliert und ich wollte frei, vorurteilsfrei so gut es eben geht, auf alle Fälle offen in die Sache reingehen und die Sache so realisieren, dass man sie emotional verarbeiten kann."

Darin allerdings ist er nicht ganz glaubwürdig. Denn die meisten Fotos wirken durchaus wie eine Anklage, wenn auch eine stille. Mit mancher Nahaufnahme ist allerdings einfach nur ein ästhetisches, verfremdetes Bild entstanden. Aus den zu trocknenden Linguinen wird ein langer Vorhang, aus dem Brotteig, der nicht im Steinofen, sondern industriell gebacken wird, pure, rätselhafte Abstraktion. Und so schön der grüne Apfel leuchtet – hineinbeißen möchte man nicht, denn er sieht vollkommen künstlich aus. Die Gurken weiter hinten: allesamt normgerade.

Doch Michael Schmidt ist kein Dokumentarfotograf, sondern Künstler. So zeigen seine Serien auf eher subtile Weise, wie würdelos und wie lieblos aus Tieren und Pflanzen Lebensmittel fabriziert werd

Informationen zur Ausstellung "Lebensmittel" im Martin-Gropius-Bau Berlin

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