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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2014

RomanSchuld und Schweigen

Steven Uhly: "Königreich der Dämmerung"

Von Carsten Hueck

Der Schriftsteller Steven Uhly , aufgenommen am 12.10.2012 auf der 64. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)
Steven Uhlys neuer Roman erscheint wie eine Signatur des 20. Jahrhunderts. (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)

Actionreich wie ein Blockbuster, poetisch wie ein biblisches Klagelied: In "Königreich der Dämmerung" erzählt Steven Uhly die Geschichte von Deutschen und Juden über drei Generationen und verschiedene Länder hinweg – von 1944 bis in die 70er-Jahre.

Dämmerung - das ist der Übergang von einer Zeit in eine andere, das Treffen von Tag und Nacht, ist die Begegnung von Ende und Anfang. Ein überschaubarer, vorübergehender Moment, zumindest in der Natur. Wie anders in der Literatur.

Über 600 Seiten erstreckt sie sich in Steven Uhlys neuem Roman "Königreich der Dämmerung" - und schlägt den Leser in ihren Bann. Die Nächte des Romans sind abgrundtief schwarz, voller Leid und Tod, die Tage sind von Liebe und Hoffnung erleuchtet - doch lässt sich nie mit Gewissheit sagen, ob die Figuren sich gerade aus dem Schatten der Nacht lösen, ob sie lieben oder verletzen oder beides gleichzeitig tun.

In der Dämmerung gibt es keine klaren Grenzen, keine eindeutige Moral, keine reine Wahrheit. Hell erscheint das Mündungsfeuer einer Waffe, aus deren Lauf eine tödliche Kugel rast. Dunkel ist ein Kellerversteck, in dem eine Frau einem Kind das Leben schenkt. 187 Kapitel Dämmerung – ein wahrlich düsteres Königreich dieses Buch, das man dennoch von der ersten bis zur letzten Seite nicht verlassen möchte.

Sprachgewaltiges literarisches Novum

Die Handlung dieses sprachgewaltigen Pageturners beginnt im letzten Drittel des Jahres 1944 im besetzten Polen und erstreckt sich bis in die 1970er-Jahre der Bundesrepublik.

Die polnische Jüdin Margarita erschießt einen SS-Mann, sie findet Zuflucht beim Ehepaar Kramer, volksdeutschen Bauern, die aus Rumänien ins Wartheland übersiedelt wurden. Gegen Ende des Krieges wird Wilhelm Kramer zum Volkssturm eingezogen, von den Russen gefangen genommen und nach Sibirien deportiert. Seine Frau Marta flieht mit Margarita und deren Baby in den Westen. Die Mutter stirbt, das Kind Lisa wächst im Nachkriegsdeutschland bei Marta Kramer auf.

Als junge Erwachsene entdeckt sie ihre jüdischen Wurzeln und verliebt sich in den Israeli Shimon. Der ist das Kind eines SS-Mannes und einer deutschen Jüdin, die den Völkermord als Zwangsarbeiterin überlebt hatte. Wie Tausende osteuropäischer Flüchtlinge war sie nach dem Krieg in einem Displaced-Persons-Camp gestrandet und schließlich nach Palästina ausgewandert.

Die Literarisierung des historischen Schicksals jüdischer Nachkriegsflüchtlinge auf deutschem Boden ist ein Novum. Uhly hat genau recherchiert und ein Kapitel Zeitgeschichte in seinen Roman eingearbeitet, das im Bewusstsein der Deutschen weitgehend ausgeblendet ist.

Geschichtsschreibung in Geschichten

Überhaupt versteht es der Autor hervorragend, Geschichtsschreibung in Geschichten zu überführen, Fakten und reale Personen mit fiktiven Charakteren in ein Zusammenspiel zu bringen, das dem Leser die größtmögliche Annäherung an die Wahrheit einer Epoche und das Wesen des Menschen ermöglicht. Im "Königreich der Dämmerung" geschieht nichts isoliert, jede Figur verweist auf eine andere, alle spiegeln sie Wirklichkeit in ihrer Komplexität und die Unmöglichkeit einer einzigen, objektiven Wahrheit.

Der Autor, Sohn einer deutschen Mutter und eines bengalischen Vaters, lebte viele Jahre im spanisch-portugiesisch geprägten Sprachraum. Er erzählt wie niemand sonst in der deutschen Literatur die Geschichte von Deutschen und Juden über drei Generationen und verschiedene Länder hinweg. Ihre Verstrickung in eine gemeinsame Geschichte, die traumatische Verbindung infolge von Gewalt, Vertreibung und Verdrängung, Schuld und Schweigen, gestaltet Uhly actionreich wie einen Blockbuster, zugleich poetisch wie ein alttestamentarisches Klagelied. Die Geschichten seiner Figuren sind so enggeführt, dass sie über ihr persönliche Schicksale hinaus wie eine Signatur des 20. Jahrhunderts erscheinen.

"Königreich der Dämmerung" ist – unabhängig von diversen Shortlists - einer der wichtigsten und eindringlichsten Romane der jüngeren deutschen Literatur.

Steven Uhly: "Königreich der Dämmerung"
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2014
655 Seiten, 29,95 Euro

 

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