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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.03.2014

RomanPoesie des Alltags

Saša Stanišić: "Vor dem Fest"

Von Jörg Magenau

Ein Steg an einem See in der Uckermark. (Adalbert Siniawski)
Idylle: Ein Steg an einem See in der Uckermark. (Adalbert Siniawski)

Der in Bosnien geborene Autor Saša Stanišić blickt in seinem Roman "Vor dem Fest" auf einen fiktiven Ort in der brandenburgischen Uckermark. Doch anstatt dabei übliche Klischees zu bedienen, betreibt er lieber literarische Landschaftspflege.

Sein erster Roman liegt nun bald acht Jahre zurück. In seinem hochgelobten Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" erzählte Saša Stanišić von einer Kriegskindheit in Bosnien, vom Zerfall der dörflichen Welt, von der Flucht der Familie nach Deutschland und der Sehnsucht zurück in ein Land, das es nicht mehr gab. Es war seine eigene Herkunftsgeschichte, die darin zum Ausdruck kam.

"Vor dem Fest" heißt nun sein zweiter Roman, der ein Dorf in der Uckermark zum Gegenstand hat. Schriftstellerkollege Maxim Biller hat es öffentlich als eine Art Verrat bezeichnet, dass Stanišić als deutsch schreibender migrantischer Autor nichtdeutscher Muttersprache nun ausgerechnet die deutsche Provinz zu seinem Thema mache und damit vorführe, wie gut er sich in der Zwischenzeit integriert habe. Aber es gibt nun wahrlich kein Gesetz, das eingewanderte Autoren verpflichten würde, immerzu und ein Leben lang über nichts anders als ihre Herkunft oder ihre andauernde Fremdheit zu schreiben.

Ein genauerer Blick auf den neuen Roman lässt zudem erstaunliche Übereinstimmungen erkennen: Das fiktive Fürstenfelde in der Uckermark ähnelt mit all seinen seltsamen Bewohnern auf frappierende Weise der bosnischen Dorfwelt. Das hat natürlich mit der erzählerischen Methode und dem poetischen Blick Stanišićs zu tun, der die Alltagswirklichkeit aus der Tiefenschicht von Legenden und Mythen, Erfundenem und Vorgefundenem, zu erfassen sucht. Das galt für Višegrad ebenso wie für die Uckermark, und diese Methode bewährt sich erneut.

In "Vor dem Fest" steht mitten im Dorf das Heimatmuseum, aus dessen Archivkeller die alten Geschichten ausgebrochen sind. Jetzt ziehen sie da draußen um die Häuser. Es braucht nur ein paar Stimmen – und Stanišić etabliert ein dörfliches Kollektiv, das in Wir-Form erzählt, um sie zur Sprache zu bringen.

Einblick ins dörfliche Kollektiv

Etwas mehr als ein Tag und eine Nacht verfolgt er das Geschehen im Dorf, angefangen mit dem Tod des Fährmanns und einem jungen Mann, der mit seinem Golf und mit vollem Karacho in den See braust. Ein Fuchsweibchen nähert sich vorsichtig dem Dorf, auf der Suche nach Hühnern und Eiern. Es gibt eine alte Malerin, die mit ihrer Staffelei im See steht, um die Nacht in ein nachtschwarzes Bild zu verwandeln und den einstigen Briefträger, von dem alle glauben, dass er bei der Stasi war. Es gibt eine Dorfbäckerei, einen Zigarettenautomaten und eine Garage, in der sich die kahlgeschorenen jungen Männer treffen, um billiges Bier zu trinken. Aber es gibt auch Sehnsucht und Schönheit und Geschichten aller Art, ja sogar Götterboten, die sich als rappende, nur in Reimen sprechende Helfer durch die Nacht bewegen. Geschichten überall – man muss sie nur sehen.

Stanišić hat in alten Chroniken und Kirchenbüchern recherchiert und hat aus manchmal nur wenige Zeilen umfassenden Einträgen seine Geschichten entwickelt. Aus einem dokumentarischen Ansatz ist ein literarisches Verfahren geworden. Als Archäologe gräbt er in den Tiefenschichten unterm Asphalt. Als Soziologe nähert er sich der Gegenwart (so wie das Moritz von Uslar in "Deutschboden" mit dem Städtchen Zehdenick gemacht hat, allerdings als Sachbuch). Mit seinem Blick auf die Menschen und vor allem mit seiner poetischen Sprache verwandelt und verzaubert er diese Welt.

Was sich in "Vor dem Fest" ereignet, ist eine Gesamtverschönerung der Heimat. Selbst der Neonazi, den es natürlich auch geben muss, wird da nahezu sympathisch - und auf diese Weise unschädlich gemacht durch die Kraft der Poesie oder der Kunst, wie in dem Bild, das die alte Malerin von ihm gemalt hat und das den Titel trägt: "Der Neonazi schläft". Er ist wie ein Traumbild, einer, der selbst nicht weiß, warum er so ist, wie er ist. Vielleicht müsste man ihn nur wecken, und der Spuk wäre vorbei.

Dabei spart Stanišić Aggressionen und Gewalt keineswegs aus. Und doch ist das Wunder dieses Buches, dass all die martialischen Gestalten, mit denen man in Wahrheit vielleicht nicht unbedingt befreundet sein möchte, hier ihr Recht, ihre Existenz und erzählerische Zuneigung erfahren. Und mehr wollen sie in Wahrheit ja auch gar nicht. Fürstenfelde ist, alles in allem, ein glücklicher Ort.

Saša Stanišić: Vor dem Fest
Luchterhand Literaturverlag, München 2014
316 Seiten, 19,99 Euro

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