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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.01.2009

Roman für Theorieversessene

Thomas Meinecke: "Jungfrau". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 347 Seiten

Thomas Meinecke will dem Wesen der Enthaltsamkeit auf den Grund gehen. (AP)
Thomas Meinecke will dem Wesen der Enthaltsamkeit auf den Grund gehen. (AP)

Thomas Meinecke liebt theoretische Diskurse und pflegt eine geradezu akademische Verweistechnik. In seinem Roman "Jungfrau" setzt er sich mit der Frage der Enthaltsamkeit und dem menschlichen Begehren auseinander und zeigt, wie ein bewusster Verzicht die Sinne schärft für das Detail, den Augenblick, die Intensität des Erlebens. Unterhaltungsliteratur sieht jedoch anders aus.

Die Geburt eines Menschen ohne Zeugung bzw. ohne menschlichen Vater war in der Antike gewissermaßen eine Normalität. Im abendländischen Denken werden solcherlei Vorgänge gern mit dem Evangelisten Lukas und der Weihnachtsgeschichte in Verbindung gebracht. Mit ihr erblickte das Wort "Jungfrauengeburt" als virulenter Sprachketzer das Licht der Welt. Die Frage aber, ob Maria Jungfrau war oder ob "almah", junge Frau, einst fälschlich in "parthenos", die Jungfrau, übertragen wurde, beschäftigt auch aufgeklärte Gemüter und stolze Atheisten erstaunlich oft.

Thomas Meinecke, Schriftsteller, Musiker und aktiver DJ sowie bekennender Autor der Single-Generation, hatte es wohl satt, pünktlich zum Heiligen Fest immer neue Geschichten von der Jungfrau Maria zu hören. Dem Wust zirkulierender Legenden und Deutungsversuche hält er seinen Roman "Jungfrau" wie einen Schutzschild entgegen. Der Titel ist Programm. Meinecke geht es weder um das Erstürmen des gleichnamigen Alpengipfels noch um Astronomie und Sternzeichenkunde. Er ist an der konfliktreichen Geschichte interessiert, die den Begriff umgibt.

Meineckes Anliegen klingt theoretisch und sein Roman beinhaltet auch eine Vielzahl akademischer Diskurse, die sich mit der Thematik im weitesten Sinne auseinandersetzen. Doch es gibt einen Erzählkern, in dessen Zentrum Lothar agiert. Einst Student der Theaterwissenschaft, hat er sich nun der katholischen Theologie zugewandt. Um sich während der textkritischen Auseinandersetzung mit dem Glaubensbekenntnis "Empfangen durch den heiligen Geist" Konzentration zu verschaffen, legt er sich das Gelübde der Enthaltsamkeit auf. Dass er gerade dann die attraktive Musikerin Mary Lou kennen lernt, erleichtert sein Vorhaben zwar nicht, bringt ihm aber jenem Zeitgefühl näher, in dem die Jungfräulichkeit institutionalisiert und zum "terminus technicus" asketisch lebender Frauen wurde.

Seine eifrige Forschungsarbeit widmet Lothar dem Werk des Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar (1905-1988) und der Mystikerin und Ärztin Adrienne von Speyr (1902-1967), die 1944 gemeinsam das Säkularinstitut der Johannesgemeinschaft gründeten. Durch die Züchtigung seiner Leibesregungen mittels der klassischen Kulturtechnik des katholischen Zölibats stark sensibilisiert, vermutet Lothar hinter der geistigen Innigkeit mehr, als die Dokumente besagen. Denn nachdem Balthasar von den Jesuiten der Umgang mit der Mystikerin verboten wurde, kündigte er dem Orden seine Mitgliedschaft und widmete sich ganz ihrem Lebenswerk.

In Meineckes Roman walten kompositorische Kräfte, die in der gegenwärtigen Literatur einzigartig sind. Visuell signalisiert der unruhige Kursivdruck des Romans eine Strategie des Zitierens, die das Erzählen von Geschichten bewusst erschweren soll. Zuweilen ähnelt die heterogene Textstruktur dem bibliographischen Register einer Examensarbeit, wo die Schriften von Michel Foucault, Teresa von Ávila, Susan Sontag, Hubert Fichte, Hildegard von Bingen oder Jakob Böhme und Friedrich Nietzsche akribisch notiert sind. Doch welcher aufregenden Bibliothek sehen wir uns gegenüber!

Meinecke stellt den Leser auf die Probe. Der kann "Jungfrau" aus mangelnder Unterhaltung weglegen. Er kann aber in der zentralen Frage, wo ein Mensch denn mit seinem Begehren hin soll, einen lustvollen Rettungsanker finden. Danach wird ihn das Buch länger beschäftigen als ihm lieb ist. Ein bewusster Verzicht auf Versuchungen schärft die Sinne für das Detail, den Augenblick, die Intensität des Erlebens - verschafft Genuss, manchmal auch Kontemplation. Das wussten bereits jene, die sich im Mittelalter von den weltlichen Genüssen abwandten.

Rezensiert von Carola Wiemers

Thomas Meinecke: Jungfrau
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
347 Seiten, 19,80 EUR