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Die Reportage | Beitrag vom 13.11.2016

Roma im KosovoHotel Hoffnung

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Roma, Kosovo, Hotel Granica, Andreas Wormser (Foto: Ernst-Ludwig von Aster)
Hotel Gracanica: Schweizer Geld und kosovarische Tradition (Foto: Ernst-Ludwig von Aster)

Alle hielten ihn für einen Spinner, als Andreas Wormser seinen Job kündigt, in den Kosovo zieht und ein Hotel eröffnet. Der ehemalige Schweizer Diplomat stellt zwei Roma als Geschäftsführer ein, die heute eine multiethnische Belegschaft anleiten: Serben, Albaner, Roma. Ein einzigartiges Vorzeigeprojekt im ethnisch tief gespaltenen Kosovo.

Als Andreas Wormser seinen gut bezahlten Diplomatenjob im Herbst 2009 aufgibt, ist er tief frustriert. Jahrelang koordiniert er nach dem Jugoslawienkrieg im Kosovo die Schweizer Aufbauhilfe und muss zusehen, wie Millionen in den korrupten Strukturen versickern, wie sich Beamte schamlos bereichern und sich die organisierte Kriminalität breit macht. Gleichzeitig verarmt die Bevölkerung immer mehr. Insbesondere die Roma stehen zwischen den sich bekämpfenden Serben und Albanern und leben am Rande einer zerfallenden Gesellschaft. Viele fliehen, auch in die Schweiz, erinnert sich Andreas Wormser:

"Das Tragische bei den Roma im Kosovo ist, dass es eigentlich vor dem Krieg ganz anders war, sie waren besser integriert als in den meisten anderen osteuropäischen Staaten, aber nach dem Krieg sind von den 130.000 hunderttausend geflohen… weil sie von den Albanern eben kollektiv der Kollaboration mit den Serben beschuldigt wurden."

Roma können mehr als Schrott sammeln und Straßen kehren

Andreas Wormser hat zwei gute Freunde, beide Roma, und er weiß, dass es auch anders geht. Dass Roma im sogenannten "Zigeunerslum" am Rande Pristinas leben müssen, ist kein Schicksal, sondern Ergebnis der systematischen Ausgrenzung. Seine beiden Roma-Freunde sind für ihn beispielgebend – sie haben Talent und Ehrgeiz, begleiten ihn seit Jahren als Dolmetscher. Er macht sie zu Geschäftsführern seines Hotels, das er in der Nähe von Pristina plant.

"Die Idee beim Hotel ist eher, eine Vorbildfunktion für Roma zu geben, dass Roma, die das entsprechende  Talent haben, sehen, dass man etwas erreichen kann, wenn man lernt, wenn man arbeitet."

Hisen und Ado sind von Anfang an dabei und es sieht manchmal so aus, als würde das Hotel nie fertig. Korrupte Beamte, ausbleibende Genehmigungen, nicht erscheinende Handwerker – das führt dazu, dass alles doppelt so lange wie geplant dauert. Aber seit drei Jahren ist die großzügige Hotelanlage mit Pool tatsächlich vollendet. Hisen und Ado haben das Team nach ethnischen Kriterien zusammengestellt, aber anders als sonst im Kosovo üblich, wo Albaner nur Albaner und Serben nur Serben beschäftigen. Im Hotel sind alle dabei - Serben, Albaner, Bosniaken - und viele Roma. Andreas Wormser hat den beiden freie Hand gelassen.

"Ursprünglich war ja auch die Idee nur Roma zu beschäftigen, davon haben mich meine beiden Partner schnell abgebracht, das würde nur Neider wecken, und da haben sie sicher recht gehabt."

Ein schickes Hotel im Kosovo, geführt von Roma – ein Wunder!?

Wenn Hisen heute darüber spricht, wie alles anfing, dann kann er manchmal selbst nicht glauben, dass der wagemutige Plan von Andreas Wormser aufging und er, der Rom, an der Rezeption des bekanntesten Hotels im Kosovo sitzt. 

"Ich muss es einfach sagen: Was er gemacht hat, das ist ein wahres Wunder für mich. Ich glaube, es gibt kaum jemanden, der so gut die Situation hier im Kosovo versteht. Das Verhältnis von Mehrheiten und Minderheiten, Andreas ist ein Diplomat, der weiß was er tut. Und wem er vertrauen kann." 

Roma, Hotel Garanica, Kosovo, Andreas Wormser (Foto: Ernst-Ludwig von Aster)4000 Ashkali und Roma leben in der Nachbarschaft (Foto: Ernst-Ludwig von Aster)

Damit das Projekt seine Vorbildfunktion entfalten kann, kooperieren Wormser und seine Geschäftsführer mit Initiativen  im sogenannten "Zigeunerslum": Kunsthandwerk, Schmuck und Seife, die dort hergestellt werden, werden im Hotel verkauft.

Mitarbeiter aus dem Team kommen in die Projektschule und stellen sich Jugendlichen und Kindern vor. Das bleibt nicht ohne Wirkung, meint die Leiterin Rabije Qyquall.

"Es war eine Romnie, ein Roma-Frau. Sie hat über ihre Arbeit im Hotel erzählt. Die Mädchen waren sehr beeindruckt. Sie hat gesagt, dass sie auch an der Rezeption arbeiten kann, weil sie mehrere Sprachen spricht. Und dass sie all das dem Unterricht zu verdanken hat."

Hotel Granica, Roma, Kosovo, Andreas Wormser (Fot: Ernst-Ludwig von Aster)Das Hotel Granica - ein Projekt mit Vorbildfunktion (Fot: Ernst-Ludwig von Aster)

Andreas Wormser versucht auf diese Weise im Kleinen, was er früher im Großen getan hat: für Schule und Ausbildung zu werben, auch wenn die Perspektiven im Kosovo für alle schlecht sind - und für Roma besonders. Dennoch:  ohne Ausbildung sieht die Zukunft noch düsterer aus. Anerkennung für sein Wirken findet Wormser vor allem im Ausland. Im Kosovo selbst gibt es noch jede Menge Skeptiker.

"Auf Facebook bekommen wir immer wieder obszöne Kommentare zu dem, was wir machen. Und wir hören immer regelmäßig von Freunden und Gästen, dass manche nicht kommen, und andere nur widerwillig kommen, weil wir als zu serbisch, zu albanisch, zu romalastig empfunden werden."

Das wiederum macht Andreas Wormser nichts aus. Wenn sich alle beschweren, ist keiner benachteiligt, weiß der Ex-Diplomat. Das ist schon mal etwas im Kosovo.

Ernst-Ludwig von Aster (privat)Ernst-Ludwig von Aster (privat)

Autor Ernst-Ludwig von Aster: "Wenn eine Roma-Frau zusammen mit einer Serbin kocht und eine Albanerin das Essen serviert, dann ist das ungewöhnlich im Kosovo. Über Jahre standen sich die Gruppen verfeindet gegenüber. Im Hotel aber funktioniert die Zusammenarbeit. Allein ein Hotel im Kosovo zu eröffnen ist mutig. Dort ungelernte Roma zu beschäftigen ist wagemutig. Beides zusammen ist ein faszinierendes, soziales Experiment."

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