Seit 15:30 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 15:30 Uhr Tonart
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.02.2016

Robert Darnton: "Die Zensoren"Was die Menschen nicht wissen durften

Von Michael Opitz

Beitrag hören
Demonstrieren für die Pressefreiheit: Unterstützer des Blogs "Netzpolitik" in Berlin (dpa / Britta Pedersen)
Pressefreiheit ist in Deutschland fest verankert. Das war nicht immer so. (dpa / Britta Pedersen)

In seinem Buch "Die Zensoren" hat der Harvard-Professor Robert Darnton die Geschichte der Zensur auf knapp 350 Seiten aufgeschrieben. Die DDR spielt dabei eine ganz besondere Rolle.

Mit einer sowohl vergleichenden als auch ethnografischen Herangehensweise versucht der an der Harvard University lehrende Robert Darnton in seinem Buch "Die Zensoren", die "Geschichte der Zensur" zu präzisieren. In drei Kapiteln konzentriert er sich auf drei verschiedene Jahrhunderte und richtet sein Augenmerk auf autoritäre Systeme in drei Ländern. Das vorrevolutionäre Frankreich des 18. Jahrhundert spielt neben Indien zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert ebenso eine Rolle wie im 20. Jahrhundert die Literaturverhältnisse in der DDR. Ziel dieses Nebeneinanders von Systemen, die auf den ersten Blick kaum Ähnlichkeiten aufweisen, ist eine Neubewertung der Geschichte der Zensur. Zu der will Darnton gelangen, indem er sich auf die Arbeit der Zensoren konzentriert: "Wie gingen sie vor? Wie fassten sie ihre Arbeit auf? So lauten die entscheidenden Fragen."

Interessant ist besonders das erste Kapitel des Buches, weil es Darnton hier gelingt, verschiedene, im Zusammenhang mit der Zensur stehende Aspekte zu benennen, die eher unbekannt sind. Im Zeitalter der Aufklärung verstanden sich die Zensoren auch als Verteidiger der französischen Literatur. Der Zensor empfahl durch sein Gutachten ein Buch – mache Gutachten wurden in den Büchern abgedruckt. Daneben aber gab es auch die Möglichkeit der "Stillschweigenden Genehmigung", wonach ein Buch ohne Empfehlung gedruckt werden konnte.

Britische Zensoren nahmen Indien in den Blick

Unter ganz anderen Bedingungen arbeiteten die Zensoren in Britisch-Indien. Die britischen Zensoren begutachteten die indische Literatur, weil die Kolonialherren ein außerordentliches Interesse daran hatten, dass es im Lande ruhig blieb. Zunächst gewährten die Briten den Indern Meinungsfreiheit, doch als ihre Herrschaft durch nationale Erhebungen bedroht wurde, ging man gegen kritische Autoren mit der ganzen Schärfe der gesetzlichen Möglichkeiten vor. Die Zensoren, die es bis dahin dabei beließen, die in Indien entstandene Literatur zu katalogisieren, suchten nun in der Literatur nach Anzeichen des Aufruhrs.

Während Darnton die Arbeit der Zensoren in den beiden ersten Kapiteln allein an Hand der Forschung analysieren konnte, war es ihm nach der Wende von 1989 möglich, mit zwei Zensoren der Hauptverwaltung Verlage zu sprechen, die in der DDR mit Argusaugen über die Literatur wachte. Jedes Buch, das in der DDR veröffentlicht werden sollte, musste zuvor ein Druckgenehmigungsverfahren durchlaufen. Überraschenderweise erwecken die Zensoren im Gespräch mit Darnton den Eindruck, als hätten sie gegen die Zensur gekämpft.

Nicht ganz deutlich wird, weshalb Darnton gerade den Zensoren eine so bedeutende Rolle im Zensur-Diskurs einräumt, erledigten sie doch ihre Aufgaben in einem bestimmten Machtgefüge. Daher wäre eher nach den Machtmechanismen und den Absichten der Zensur zu fragen gewesen. Die Zensoren waren Teil eines Räderwerks. Ihre Spielräume, kritische Literatur durchsetzen zu wollen, waren gering. Ihre Absicht war es selten.

Robert Darnton: "Die Zensoren. Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat. Vom vorrevolutionären Frankreich bis zur DDR"
Aus dem Englischen von Enrico Heinemann
Siedler Verlag, München 2016
351 Seiten, 24,99 Euro

Buchkritik

Yanis Varoufakis: "Das Euro-Paradox"Neues vom schillernden Ökonom
Yanis Varoufakis  (picture alliance/dpa/Orestis Panagiotou)

Yanis Varoufakis ist ein Ökonom mit großen Ideen und noch größerem Selbstbewusstsein. Das neue Buch des ehemaligen griechischen Finanzministers ist suggestiv, forsch und provokant. Und es kennt nur einen Helden: Yanis Varoufakis selbst. Ganz falsch sind seine Thesen aber nicht.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Unter SternenNeue Poesie und ihre Wahlverwandtschaften
Eine Frau sitzt am 10.06.2016 in Berlin zwischen den Säulen am Alten Museum und liest ein Buch. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)

Lyriker sprechen oft ein wenig deutlicher, klarer und freizügiger über Texte, die über einige Ecken etwas mit ihren Texten zu tun haben. Marion Poschmann und Monika Rinck über ihre Arbeit und über die Lyrik und Prosa anderer, die darin stecken. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur