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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2011

Ritalin, Wodka und Weltschmerz

Paul Murray: "Skippy stirbt", Antje Kunstmann Verlag, München 2011, 779 Seiten

Wodka, Ritalin, Testosteron - das ist die Teenager-Welt in Murrays Roman. (Stock.XCHNG / Lehel Mor)
Wodka, Ritalin, Testosteron - das ist die Teenager-Welt in Murrays Roman. (Stock.XCHNG / Lehel Mor)

Frontalzusammenstoß mit dem Schwerlaster Pubertät: Paul Murray liefert mit "Skippy stirbt" das Update eines klassischen Internatsromans - mit Mittelstands-Kids, die im Testosteron-Rausch herumirren.

Das mit dem Titel klärt sich gleich am Anfang. Daniel Juster, genannt Skippy, fordert Ruprecht "Blowjob" Van Doren zum Wettessen in Ed‘s Doughnut House gleich neben dem Internat heraus, und noch bevor er den ersten Bissen genommen hat, läuft er blau an, fällt vom Stuhl und haucht vor den Augen seiner Mitschüler im zarten Alter von 14 Jahren sein Leben aus.

Knapp 800 Seiten braucht der irische Schriftsteller Paul Murray in "Skippy stirbt", um die genauen Umstände dieses Todesfalls im Rückblick zu klären, doch bereits nach den ersten Einblicken in den Alltag des Seabrook College in Dublin ist klar, dass sein schmächtiger Held einem Frontalzusammenstoß mit dem "Schwerlaster Pubertät" entgegenläuft.

"Skippy stirbt" ist das Update eines klassischen Internatsromans, mit Mittelstands-Kids, die sich Sex-Clips auf ihre Handys schicken, Gangsta Rap hören und mit Wodka und Ritalin ins Wochenende starten. Das ist die Teenagerwelt des 21. Jahrhunderts, eine Vorhölle mit Hightech-Ausstattung, in der Daniels Klassenkameraden im Testosteron-Rausch herumirren: Mario trägt seit drei Jahren ein "Glückskondom" mit sich herum, Trevor Hickey träumt davon, bei einer Charity-Veranstaltung auf offener Bühne einen seiner gefürchteten Darmwinde zu entzünden, und Ruprecht – übergewichtig und viel zu intelligent für sein Alter – hält auf seinem Zimmer Vorträge über die Mehrdimensionalität des Weltalls. Bei seinen Zuhörern kommt das gar nicht mal so schlecht an:

"Ich wollte, ich wäre in der elften Dimension. Mit ein bisschen Porno."

Die Dialoge sind wahnsinnig komisch: Paul Murray, Jahrgang 1975, hat ein extrem gutes Gehör für den übersteuerten Sound der Adoleszenz – und gleichzeitig ein sensibles Gespür für die Zerbrechlichkeit seiner Charaktere. Denn eigentlich erzählt dieses Buch eine Tragödie. Während sich die anderen noch kaputt lachen, weil Ruprecht in seinem Kellerlabor mit einer seiner "scheißschwulen Zeitmaschinen" ein Portal in eine andere Welt zu öffnen versucht, wirft ausgerechnet Daniel "Skippy" Juster, der eigentlich einfach nur endlich mal ein Date mit Lorri aus der Mädchenschule will, bei einem Wochenendausflug mit dem Schwimm-Team der Schule einen Blick in das bedrohliche Paralleluniversum der Erwachsenen.

An dieser Stelle wird es plötzlich ernst, auch wenn Daniel es nicht sofort realisiert:

"Geöffnete Hotelzimmertüren, in Colagläsern aufgelöste Pillen, entblößte Körper, und draußen geht das Leben ahnungslos weiter."

Es ist zunächst nur dieser Halbsatz, der auf den Missbrauchs-Fall hindeutet, dem dunklen Kern dieses monströsen und zugleich verstörend leicht geschrieben Romans. Am Ende einigen sich alle darauf, dass eigentlich nichts passiert ist, Lehrer, Eltern, Schüler. Skippy ist umsonst gestorben. Erwachsenwerden, das heißt, dass man lernt, sich mit solchen "kleinen Notlügen fürs Allgemeinwohl" zu arrangieren. Das ist dann wirklich die Hölle. Und es gibt kein Entkommen.

Besprochen von Kolja Mensing

Paul Murray: Skippy stirbt
Aus dem Englischen von Rudolf Hermstein und Martina Tichy
Antje Kunstmann Verlag, München 2011
779 Seiten, 26 Euro

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