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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2016

Riesige SprachfamilieTaiwan als Ursprungsort vieler indigener Sprachen

Von André Zantow

Die Wissenschaftlerin Yedda Palemeq (in der Mitte) und ihre Mitarbeiter vom ILRDC zur Wiederbelebung indigener Kultur in Taiwan (Deutschlandradio / André Zantow)
Die Wissenschaftlerin Yedda Palemeq (in der Mitte) und ihre Mitarbeiter vom ILRDC zur Wiederbelebung indigener Kultur in Taiwan (Deutschlandradio / André Zantow)

Wie man die sterbenden indigenen Sprachen wieder wachgeküsst, damit beschäftigt sich die Linguistin Yedda Palemeq. Sie arbeitet an einem staatlichen Forschungszentrum in Taipeh. Die chinesische Regierung hatte in den 1950er-Jahren die mehr als 1000 austronesischen Einzelsprachen verboten.

Ein langer Flur in einem Betonklotz in Taipeh. An der Decke sind Wasserflecken zu sehen. Ganz am Ende – in Zimmer 417 hat der Blogger Benson Ko-Chou Fang sein Büro.

"Ich bin allgemein sehr interessiert an anderen Kulturen. Angefangen habe ich während meines Studiums mit den Kelten in England und Irland, dann die Maya und Inka, ich bin viel um die Welt gereist damals. Aber als ich zurück kam nach Taiwan und einen indigenen Freund traf, dachte ich: Wow! Mein eigenes Land hat so eine interessante und bunte indigene Kultur – das Austronesische. Davon hatte ich in unserer Schule nie etwas gehört, also wollte ich mehr wissen."

Das war vor vier Jahren. Nun ist Benson 32 und hat die Internetseite www.pure-taiwan.info aufgebaut. Sie ist eines der wichtigsten Informationsportale zu den indigenen Gruppen Taiwans. Wer Benson besucht, bekommt einen riesigen Becher kühlen Bubble-Tea gereicht und dann eine Geschichtsstunde an der Tafel.

Indigene Insel-Völker verlieren Sprache, Religion, Gesänge und Zeremonien

"Sieht aus wie eine Süßkartoffel", scherzt Benson als er die Umrisse Taiwans aufzeichnet. Als die Portugiesen vor gut 400 Jahren als erste Europäer vorbeifuhren, verpassten sie ihr den Namen "Ilha Formosa" - "Schöne Insel". Spanische Seefahrer besiedelten erste Teile, dann niederländische. Chinesen vom Festland regierten ab dem 17. Jahrhundert - unterbrochen von 50 Jahren japanischer Herrschaft. Durch die fremden Kolonialherren, verlieren viele der indigenen Insel-Völker ihre Sprache, Religion, Gesänge und Zeremonien. Nicht nur für Linguisten eine Schande, haben sie doch Taiwan als Ursprungsort aller austronesischen Sprachen ausgemacht.

"Die ganze austronesische Kultur breitete sich von Taiwan in den Rest der Welt aus."

Alles verbreitete sich von Taiwan aus?

"Ja, nach der Theorie des Sprachwissenschaftlers Robert Blust ist ein Ort der Ursprung, wenn er die größte Vielzahl an Sprachen aus dieser Familie ausweist. Von hier begannen vor 4500 Jahren die ersten, Taiwan zu verlassen."
 
Neue Wörter für Smartphone oder U-Bahn
Die austronesische Sprachfamilie zählt über 1000 Einzelsprachen – die werden von 400 Millionen Menschen gesprochen – von Madagaskar, über Indonesien, Neuseeland bis Hawaii. Alle Sprachen lassen sich in zehn Zweige einordnen, die versammelt, nur in Taiwan zu finden sind. Dieser kulturelle Schatz ist auf der Insel allerdings nur wenigen bekannt. Die indigenen Bürger machen heute nur noch drei Prozent der Gesellschaft aus. Rund 30 unterschiedliche Volksgruppen gibt es. 16 von ihnen sind anerkannt. Ihre Kultur wiederzubeleben, ist die Aufgabe von Yedda Palemeq vom staatlichen Forschungs- und Entwicklungszentrum für indigene Sprachen – kurz: ILRDC.

"Die chinesische Regierung kam nach Taiwan in den 1950er Jahren. Sie hat den Menschen verboten, in der Öffentlichkeit oder in den Schulen ihre eigene Sprache zu sprechen – bis in die 80er Jahre hinein. Dann entwickelten sich die ersten Protestbewegungen und die indigene Bevölkerung forderte ihre Rechte ein. Sie wollten ihre Sprache sprechen, ihr Land zurück haben und anerkannt werden. Die richtig große Wiederbelebung kam aber erst durch den Regierungswechsel im Jahr 2000 – als die DPP an die Macht kam. Wir hoffen auch jetzt bei den Wahlen, dass die DPP wieder gewinnt."

Ein Regierungswechsel könnte der Arbeit von Yedda Palemeq mehr Sicherheit bringen. Noch ist ihr Sprachenzentrum nur ein Projekt und kann jederzeit beendet werden. Hier entwickelt sie mit einem kleinen Team Lehrbücher für Grundschulen, übersetzt das Kinderbuch "Der kleine Prinz" in 16 indigene Sprachen oder findet für neue Wörter wie Smartphone oder U-Bahn indigene Ausdrücke. Ein ganzer Kosmos muss neu belebt werden. Damit auch Jahrtausende alte Liebeslieder künftig gesungen werden.

Die Recherche des Autoren wurde im Rahmen einer Reise des gemeinnützigen Vereins "journalists.network" realisiert, gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der Taipeh Vertretung und Evonik.

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